Manche von Ihnen haben sich nicht wie ich nur ein Baguette mitgebracht sondern eine ganze Kühltasche voll mit allen möglichen kulinarischen Spezialitäten. Sie bieten auch mir immer wieder an, dies oder jenes zu probieren, daß ich am Anfang erstmal ablehne um dann schließlich doch mit Ihnen zu essen und zu trinken. Natürlich wird dabei auch gequatscht und so kommt es, daß wir über Frau Merkel sprechen, denn die ist hier überhaupt nicht gern gesehen. Lustig finde ich, daß ich doch tatsächlich gefragt werde, warum Sie eigentlich immer wieder gewählt wird, worauf ich nur grinsend antworte, daß ich mich das auch immer bei Berlusconi gefragt hätte. Ich jedenfalls hätte in beiden Ländern anders gewählt.
Wir lachen alle gemeinsam und so fange ich an zu erzählen, was in Deutschland gerade los ist. Als ich Ihnen über die aktuellen Schwierigkeiten erzähle, kommt erst einhellig die Meinung, daß das alles nicht so schlimm sein kann wie in Italien, aber umso mehr ich erzähle umso mehr wird klar, daß es um Deutschland nicht viel besser bestellt ist als hier. Letzendlich werden wir uns einig, daß wir in Italien wenigstens noch ein super Klima und leckeres Essen haben. Schaut man genauer, fällt auf, daß die Angestellten hier viel mehr Rechte haben als in Deutschland, was ja vor Jahren mit Hartz IV abgeschafft wurde. Sogar das Gesundheitssystem funktioniert hier besser als in Deutschland, man ist hier nicht Patient zweiter Klasse, auch wenn Renzi natürlich kürzen will und man hier noch kämpft, daß das nicht geschieht.
Es kommt halt immer auf den Blickwinkel und auf den eigenen Charakter an. Immer wieder stelle ich fest, daß die Italiener, das Ordentliche und Organisierte in Deutschland schätzen, während ich hier gerade, das chaotische und eben nicht stur den Regeln folgende, super finde. Ich empfinde Deutschland oft zu reglementiert und das Sicherheitsdenken schränkt einen nicht nur persönlich ein sondern auch die ganze Gesellschaft. Die Tatsache, daß man hier, gerade, weil eben nichts sicher ist, mehr in den Tag hineinlebt, gefällt mir persönlich am besten. Man kann nicht alles planen und gerade das, finde ich super, das zeigt sich auch schon in Kleinigkeiten. Ich habe hier in Napoli noch nie jemanden auf der Straße mit einem "Coffee to go- Becher" gesehen. Die fünf Minuten, um mal eben ein Schwätzchen an der Theke einer Bar zu halten und einen super Kaffee zu trinken, nimmt man sich hier einfach.
Auch stimmt einfach gar nicht, daß in Süditalien nicht gearbeitet wird, ganz im Gegenteil, die Jobs hier sind so schlecht bezahlt, daß viele sogar mehrere Jobs haben, also wie in Deutschland auch.
Das einzige was man nicht vergleichen kann, ist die Küche, denn die ist hier wie eine eigene Religion. Wenn man bedenkt, daß hier alle Milch- und Fleischprodukte teurer sind und trotzdem viel gegessen wird, während einige in Deutschland mehr Geld für Hundefutter als für Ihr eigenes Fleisch ausgeben, da spätestens merkt man doch wie unterschiedlich das ist. Man spart hier an allem, aber nicht an Lebensmitteln, auch wenn Obst und Gemüse tatsächlich noch günstiger sind, aber hier wächst bei diesem Klima ja auch alles. Letzten Winter hat es hier nur fünf Tage gegeben, wo es mal um die null grad kalt war, ansonsten waren es um die zehn grad und sehr oft auch wärmer. An Heiligabend bin ich sogar in Shirt und Shorts bei über zwanzig Grad aus Neapel raus um dann bei meiner Mutter im Bergdorf den Kälteschock abzukriegen. Das Klima beeinflußt doch sehr viel, auch die Gemütslage der Menschen. Dieses überschäumende fröhliche und positiv sein ist hier Alltag und letzendlich auch richtig, es geht ja immer irgendwie weiter.
Jetzt haben wir hier doch so viel Zeit verbracht, dass ich zu allem Überfluß auch noch einen super schönen Sonnenuntergang mitbekomme, so einen roten Himmel habe ich schon lange nicht mehr gesehen und genieße diesen bis zum Schluß.
Ich verabschiede und bedanke mich für alles um dann entspannt und happy nach Hause zu laufen. Dort angekommen stöpsel ich sofort mein Handy an den Stromkabel und schon werden auch einige Nachrichten eingeblendet. Ich wurde tatsächlich schon vermißt, von meinem Herrn, der mich unbedingt treffen will und mich nach Potenza zu sich einlädt fürs kommende Wochenende, aber vor allem von meiner "Tomb Raider- Freundin", die mich fast anfleht mich sofort zu melden.
Ich rufe Sie an und wir verabreden uns für Piazza Bellini, Sie hat heute das dringende Bedürfnis sich zu besaufen. Oh je, ich ahne schon worum es geht, also springe ich unter die Dusche, freue mich über die Einladung zum Wochenende und denke nur, wie gut, daß ich schon ordentlich gegessen habe, denn das wird heut auf jedenfall noch spät und sehr feucht.
Ich bin kaum aus der Dusche raus, da klingelt auch schon mein Handy und mein Herr ruft an. Ich schalte den Lautsprecher ein, denn schließlich muß ich mich noch abtrocknen usw. und Tomb Raider wartet ja auch auf mich.
Ob ich schon nach den Zügen geschaut hätte werde ich gefragt, ich fühle mich ein wenig ertappt, denn ich hatte ja noch gar keine Zeit nachzusehen, wie gut, daß mir einfällt, daß ich ja noch gar nicht weiß, wie er am Wochenende arbeiten muß und stelle so eine Gegenfrage um Ihm aber auch direkt mitzuteilen, daß ich mit Tomb Raider verabredet bin und ich springen muß. Ein Glück, daß auch er schon unterwegs ist und mir doch nur erzählen wollte, daß er in Laurenzana in unserer Bar ist um dort ein Konzert zu sehen und mein Cousin natürlich auch da ist. Wir beschließen uns später zu hören und ich beeile mich um fertig zu werden.
Auf dem Weg zu Piazza Bellini, beantworte ich noch per Voicemail einige weitere Nachrichten und gönne mir noch schnell ein leckeres Eis, da treffe ich zufällig auf meinen Nachbarn, den ich kurzerhand einfach mitnehme. Ich weiß, daß er auf Tomb Raider abfährt und so hoffe ich die Situation ein wenig zu verändern.
Als wir dort ankommen ist Tomb Raider überrascht, aber in der Zwischenzeit haben sich bei mir auch noch mein Busenfreund und sein Freund gemeldet, die auch noch dazukommen wollen, was ich Ihr erstmal verschweige. Wir setzen uns an einen Tisch und trinken erstmal einen Aperol Spritz und man bekommt den Eindruck, daß Sie sich entspannt. Kurz darauf stoßen auch schon die anderen zwei dazu und irgendwie wird es doch eher eine ruhige Runde und nicht wie ich vermutet hatte, laut und anstrengend. Mein Telefon klingelt und der Herr will mich wohl sprechen, ich stehe kurz auf und entschuldige mich um kurz mit Ihm zu quatschen und er zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, er scheint sich mehr zu amüsieren als wir, quatscht er doch ununterbrochen auf mich ein, so daß ich kaum zu Wort komme. Meine Erfahrung sagt mir, daß er wohl schon einige Drinks hatte, kenn ich das doch von allen meinen Ex-Männern. Ich lasse Ihn turteln und wende kurz meinen Blick zum Tisch hinüber, wo ich auf einmal mehr Action sehe als zuvor, auch wenn ich noch nicht genau sehen kann ob negativ oder positiv.
Der Herr am Telefon will gar nicht mehr aufhören zu turteln und auch wenn es mich freut, will ich doch jetzt lieber das Tischgespräch verfolgen und so versuche ich vorsichtig den Herrn am Telefon auf später zu verschieben, was mir auch gelingt.
Ich komme zum Tisch zurück und mit den ersten Worten, die ich höre, wird mir klar es geht um mein Lieblingsthema. Männer !!! und wie blöd diese im Moment sind. Tomb Raider redet wie ein Wasserfall auf die Jungs ein, daß Sie doch keine echten Männer mehr seien und zu Müttersöhnchen verkommen. Sie treffen keine Entscheidungen mehr, es wird nur noch virtuell geflirtet und noch nicht mal mehr zu einfachem Sex wären Sie zu haben, so lustlos wären Sie mittlerweile schon. Die Jungs antworten, daß die Schuld bei den Frauen zu suchen wäre, schließlich müßte man viel zu viel machen um überhaupt ran zu dürfen, und überhaupt wäre alles zu kompliziert, man würde viel mehr die ausländischen Frauen schätzen, die doch umso einiges entspannter und einfacher wären.
Alle starren mich an, aber klar, ich bin ja die Deutsche !
Ich fange an zu lachen, denn ich weiß ja, was die von mir hören wollen. Also erzähle ich erstmal, daß wenn man im Urlaub ist, man sogar nach dem Abenteuer sucht, schließlich ist man ja entspannt. Umso mehr ich rede, umso mehr wird klar, daß diese Unterschiede zwischen den Ländern zwar noch vorhanden sind, aber immermehr verschwimmen. Diese klassischen Vorurteile treffen einfach nicht mehr so zu. Dafür stellt man fest, daß sich einfach die Geschlechterrollen insgesamt sehr verändert haben. Männer wie Frauen sind heutzutage vorsichtiger und wollen sich gar nicht mehr auf das andere Geschlecht einlassen, ob aus Angst zu leiden, oder aus purem Egoismus ist nicht ganz klar. Fakt ist, daß für uns Frauen es generell einfach ist jemanden abzuschleppen, und auch für die Männer ist es einfacher geworden, die sexuelle Befreiung der Frau hilft da natürlich, auch wenn es in dieser Gesellschaft immernoch nicht gern gesehen wird, und hier in Süditalien schon gar nicht, daß eine Frau dasselbe macht wie ein Mann. Als Frau wird man hier sofort abgestempelt und da zeigt sich sofort diese Doppelmoral, wenn die Ausländerin leicht zu haben ist, ist das super, aber eine Landsfrau darf nicht leicht zu haben sein. Man weiß gar nicht mehr, wie man sich verhalten soll. Geht man die erste Nacht schon mit, ist eigentlich schon klar, daß daraus nichts werden kann, wenn man Pech hat, gibt der Typ noch damit an und die ganze Stadt weiß Bescheid. Geht man nicht mit, ist man mal mindestens schwierig wenn nicht sogar verklemmt. Wird man als schwierig gesehen, kann man damit rechnen, daß er es nochmal probiert.
Tja, ich dagegen habs doppelt schwer, denn Sie können mich nicht einschätzen, Sie verstehen mein Verhalten nicht, denn ich bin Deutsche und gleichzeitig aber nun auch eine, die hier lebt. Doppeltes Dilemma.
Ich entscheide spontan, daß wir viel zu wenig getrunken haben und bestelle die erste Runde Amaro für alle, schließlich sind wir ja nicht zum Spaß da.
Das finden natürlich alle lustig und typisch deutsch und so wird aus einer Runde schnell mehrere Runden und schon werden auch die lustigsten Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht erzählt.
Die Zeit vergeht wie im Flug und es ist auch schon wieder drei Uhr nachts, als wir beschließen nach Hause zu müssen. Mit einem Grinsen im Gesicht laufen Tomb Raider und ich nach Hause. An Piazza Dante vorbei, kann ich nicht anders als mit meinen Männern in Uniform zu flirten, ich habe noch nie erlebt, daß nicht wenigstens einer von denen hübsch ist, oft sind mehrere gutaussehend, aber Tomb Raider findet das gar nicht lustig und zieht mich einfach weg. Mit Männern in Uniform flirtet man einfach nicht, sagt Sie und hält mir eine Standpauke.
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