ich bin fast zu Hause als mein Telefon klingelt und das um vier Uhr morgens. Ich wundere mich, wer jetzt noch anruft, aber es kann ja nur Tomb Raider sein, wahrscheinlich hat sie was vergessen. Auf meinem Display sehe ich, es ist mein Herr, ich gehe ran und er turtelt mir ins Ohr, daß er von seinem Konzert auf dem Weg nach Hause ist und mich noch hören will. Betrunkene Männer am Telefon sind immer was feines und ich amüsiere mich darüber, noch dazu finde ich seine tiefe Stimme unheimlich sexy und so lasse ich Ihn einfach vor sich hin erzählen, was er denn alles heut abend erlebt hat. Erstaunlicherweise kennt er gar nicht so viele Leute wie ich im Dorf, aber trotzdem hat er sich wohl diesmal sehr beobachtet gefühlt. Tja, mit großer Sicherheit, hat es sich im Dorf schon rumgesprochen, daß wir mitten auf der Piazza geknutscht haben sag ich Ihm und er fängt an zu lachen. Ich frage Ihn, ob seine Eltern Ihn noch nicht angesprochen hätten, meine Mutter jedenfalls hat sich schon bei mir erkundigt, wer dieser Mann ist, und ob diese Geschichte überhaupt wahr ist.Sie war gar nicht erfreut darüber zu erfahren, daß es die Wahrheit ist, aber immerhin fand Sie es nur schlimm, daß wir uns haben erwischen lassen, über den Mann hat Sie diesmal nichts geäußert, wahrscheinlich auch nur deshalb, weil Sie Ihn nicht kennt. Auch meine Mutter kennt nicht alle im Dorf, aber bei sechsunddreißig Jahren Abwesenheit wohl völlig normal.
Mittlerweile stehe ich vor meiner Tür und versuche diese aufzuschließen, dabei vernehme ich ein leichtes Vibrieren unter meinen Füßen, denk mir aber nichts weiter und gehe rein. Der Herr will gerne einen Beweis dafür, daß ich Samstag wirklich zu Ihm fahre und so werfe ich den Computer an und suche mir die Seite von Trenitalia um diese Fahrt zu buchen. Heute klappt das hervorragend mit dem Buchen und ich öffne mir eine neue Seite um in meinen Mail- Account nach der Bestätigung nachzusehen, da lese ich nebenbei, daß es vor kurzem in Mittelitalien ein schwereres Erdbeben gegeben hat. Ich spreche den Herrn darauf an und wir sind beide ein wenig betreten, kennen wir die Folgen eines Erdbebens doch beide, auch wenn er gerade mal geboren war als 1980 in Süditalien die Erde so bebte, daß viele Süditaliener Ihr Hab und Gut verloren.
Mein Bruder und ich wurden beide in Deutschland geboren, aber da meine Mutter so heimweh hatte, sind wir als ich drei Jahre alt war, wieder zurück nach Laurenzana gezogen. Ich habe dort den Kindergarten und sogar die Schule besucht, und wurde doch sogar mit viereinhalb Jahren eingeschult, einiges früher als üblich. Der Kindergarten wird auch heute noch von den Nonnen geleitet und ich erinnere mich, daß ich vor einigen Jahren von einer Nonne im Dorf angesprochen wurde ob ich die Tochter von der Familie sei, die in Deutschland lebt. Als ich mit ja antwortete, war Sie erfreut darüber, daß aus mir doch noch was geworden sei, denn ich muß wohl schon als Kind zu viel Energie gehabt haben, und so beschlossen damals alle, daß ich schon ein Jahr früher zur Schule sollte. So wurde das wohl früher gelöst.
Mein Vater lebte weiterhin in Deutschland als die Welt und auch er von diesem Unglück erfuhr. Wir warteten einige Tage bis mein Vater zu uns nach Laurenzana kam um uns zurück nach Siegen, genauer Dreis- Tiefenbach zu holen.
Laurenzana war zur Hälfte eingestürzt und es war ein kalter Novemberabend als es passierte. Ich erinnere mich, daß mein Bruder und ich bei meiner Tante waren um mit unseren Cousins zu spielen. Meine Mutter war schon mehrmals gekommen um uns nach Hause zu holen zum Abendessen, wir aber wollten einfach nicht nach Hause. Wir schauten irgendeine Kindersendung im Fernsehen und tobten vor uns hin, wir waren ja zu sechst, die älteste Cousine gerade neun und der jüngste gerade vier Jahre alt, als wir das Wackeln zwar wahrnahmen aber dem keine Bedeutung schenkten. Kurz darauf kamen fast schon hysterisch meine Mutter und meine Tante hoch um uns aus dem Haus zu holen. Man hörte hier und da Schreie, aber an mehr erinnere ich mich nicht mehr, es geschah ja auch einen Monat vor meinem siebten Geburtstag.
Neunzig Sekunden soll es nur gedauert haben, dafür aber Schäden hinterlassen, die teils heute noch sichtbar sind. An die vielen Toten und Verletzten mag ich gar nicht denken wollen.
Wir durften die Nacht draußen auf der Ladefläche der Ape schlafen und am nächsten Tag wurde die Katastrophe erst richtig sichtbar. Unser Gebäudekomplex, wo sich die Wohnung meiner Eltern befindet, war so dermaßen eingestürzt, daß wir gar nicht mehr hinein konnten.
Die nächsten Tage war in dem Dorf trotz allem viel Bewegung, es kamen von überall Leute um zu helfen um wenigstens die Hauptverkehrsstraße zu räumen.
Als mein Vater dann endlich da war, versuchten er und mein Onkel das wichtigste aus der Wohnung zu holen und ich erinnere mich, daß ich ganz schön geheult habe, als wir ein paar Tage später, alle und alles zurückließen um den langen Weg nach Deutschland anzutreten.
Wir quatschen noch eine Weile und als wir einiges später auflegen, schicke ich Ihm ein Foto meines Tickets worauf dann noch ein Smiley und ein Küßchen zurückkommt und ich lege mich ins Bett um noch eine Weile wach zu liegen. Ich denke an das Erdbeben damals, an das vor ein paar Jahren und auch an das von heute Nacht und auch daran wieviel Glück wir letztendlich hatten, daß nur unser Gebäude eingestürzt ist. Meine Mutter sagt auch heute manchmal noch, ein Glück, daß wir an diesem Abend so besonders ungehorsam waren.
Als ich Mittags wach werde rufe ich Tomb Raider an und auch Sie hat schon von dem Erdbeben gehört. Sie war damals auch erst grad geboren und in ihrem Ort war es sogar noch schlimmer, denn dort an der Grenze zu Kampanien und der Basilikata lag das Epizentrum dieses Erdbebens. Sie wuchs tatsächlich jahrelang in einer Holzhütte auf bis die Aufbauarbeiten so langsam in Bewegung kamen.
Wir verabreden uns auf einen frühen Aperitivo und fragen in unserem Gruppenchat wer noch dazu kommen will. An diesem Abend gibts nur zwei Themen, das Erdbeben und meine Reise nach Potenza an diesem Wochenende. Die Mädels können es kaum glauben, daß wir so verliebt sind, ich ehrlicherweise auch noch nicht. Optisch ist er gar nicht mein Typ, bestätigen mir auch alle, aber irgendwas reizt mich an Ihm, vielleicht auch die Tatsache, daß schon länger sich keiner mehr so ins Zeug geworfen hat ?
Jedenfalls werd ich das jetzt einfach ausleben und hinfahren, auch das empfinden Sie alle als mutig, weil ich Ihn ja kaum kenne und wer weiß was dann dort passiert. Ich muß lachen, denn ich verstehe nicht warum denn alle so negativ denken, und antworte Ihnen, daß ich ja höchstens herausfinden kann, daß er ein Serienkiller ist, aber das scheint sie noch mehr zu beunruhigen. Ich stelle oft fest, daß viele um mich herum so negativ sind, während sie mir oft vorwerfen zu positiv zu sein. Von meinen deutschen Freunden z.B. höre ich oft, ob ich keine Angst davor habe, daß der immernoch aktive Vesuv ausbrechen könnte, was mir ehrlicherweise überhaupt keine Angst macht, ganz im Gegenteil, ein schneller Tod wie ich finde. Ich habe mal eine Dokumentation darüber gesehen, in dem die simuliert darstellten, was alles passieren könnte und daß man innerhalb weniger Minuten an dem Ascheregen ersticken würde. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum es hier keinen Evakuierungsplan gibt. In wenigen Minuten schaffe ich es noch nicht mal aus meinem Bett raus, wo sollte ich da schon hinfliehen .....
https://www.youtube.com/watch?v=E_SLxwyOzbA
https://www.youtube.com/watch?v=dYoM9CErElY
https://www.youtube.com/watch?v=OCYGlREVmEI
https://www.youtube.com/watch?v=MwUPefAsbu4
Wie auch immer, wir verabreden uns für Freitag abend zum Fisch essen in Castellammare di Stabia, einem schönen Ort an der Amalfiküste unterhalb von Pompeji und die Jungs werden mich und Tomb Raider auf Ihren Scootern mitnehmen. Sehr schön, ich fahre so gern Scooter mittlerweile, daß ich fast gar keine Angst mehr habe, noch nicht mal mehr auf der Autobahn. Mein Busenfreund ist ehrlicherweise auch ein super Fahrer und ich genieße es sehr mit Ihm durch die Gegend zu fahren, ich habe sogar dahingehend Blut geleckt, daß ich ernsthaft überlege mir selbst eins anzuschaffen, wer hätte das mal gedacht.
Heut abend habe ich auch das Vergnügen mit Ihm nach Hause zu fahren und er nutzt die Gelegenheit mit mir eine extra Runde zu drehen. Ich genieße trotz Helm den warmen Fahrtwind in meinen Haaren, schmiege mich an Ihm und genieße diese Aussicht am Meer entlang. Es geht grad die Sonne unter und Ihr wißt ja, wie sehr ich diese Stadt liebe, aber dieser Anblick vom Scooter aus ist einfach unbeschreiblich schön, ich frage mich ernsthaft, wie kann man diese Stadt nicht lieben, es ist einfach unmöglich.
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