Mittwoch, 31. August 2016

die lange Nacht des Karnevals

 der Karnevalszug neigt sich dem Ende zu und wir beschließen, die Straße hoch zu laufen um nun vor der Haupttribüne uns den Rest des Spektakels anzusehen. Bevor wir überhaupt angekommen sind läuft er uns auch schon über den Weg. Wir begrüßen uns und ich stelle ihm alle meine Freunde vor. Nach nur wenigen Minuten verläßt er mich mit der Versprechung gleich zurückzukommen. Wir laufen zur nächsten Bar weiter um uns mit Drinks zu versorgen, wo ich auch schon auf weitere Freunde treffe. Mit steigendem Alkoholpegel löst sich unsere Gruppe ein wenig auf und verteilt sich über den Platz. Die einen flirten, die anderen tanzen und die ersten wollen auch schon nach Hause gehen. Derweil taucht der Herr wieder auf und diesmal lasse ich Ihn zurück um den einzigen Mann unserer Truppe und die Mama mit Baby nach Hause zu begleiten.
Zu Hause angekommen gibts auch schon die erste Schimpftirade meiner Mutter. Wer meine Mutter kennt, weiß wie das abläuft und weiß aber auch wie ich reagiere, nämlich mit Kopfschütteln und Ignorieren dieses Dramas. Ein Glück, daß ja auf dem Platz unten noch die anderen sind, die nicht wissen, wie Sie nach Hause kommen und ich so eine offizielle Ausrede habe wieder zu gehen. Unten angekommen, sind die zwei übrigen Mädels wild am tanzen und ich begebe mich auf die Suche nach dem Herrn, den ich dann auch finde und direkt zur Bar entführe. Nach einem Amaro und ein paar Gesprächsfetzen taucht ein weiterer Freund von mir auf, mit dem ich vor einigen Jahren mal eine Liaison hatte und der tatsächlich schon sturzbetrunken ist.
Nach dem Sommermärchen 2006, als Italien in Deutschland Fußballweltmeister wurde, verbrachte ich danach knapp sechs Wochen in Laurenzana und Umgebung. Im Dorf lernte ich über meinen anderen Cousin eine Gruppe von Jungs kennen, mit denen ich diesen Sommer hauptsächlich verbrachte, mitunter auch Ihn. Ihr wißt ja, italienische Männer sind altersmäßig schwerer einzuschätzen, denn durch die dunkle Haut, den Haaren usw. wirken Sie sofort viel älter. Er war damals knapp achtzehn Jahre jung und ich schon über dreißig. Oh je, auch davon werde ich noch erzählen, aber nun erstmal zurück zur Gegenwart.
Er zerrt an mir und will mich dort weglotsen, denn immer wenn er betrunken ist, wird er wahnsinnig anhängig. Treffen wir uns tagsüber im Dorf wahrt er einen gewissen Abstand, daß uns ja keiner zusammen in einer nur annähernd verräterischen Haltung sieht, denn die Leute quatschen und sogar die jungen Leute halten sich irgendwie an diese bescheuerten Regeln, was mich persönlich total aufregt, auch wenn ich versuche dies Ihnen zu Liebe zu akzeptieren. Mein Angebeteter ist mal wieder verschwunden und stattdessen begegne ich meinem Cousin und Cousine, die Kinder meiner Lieblingstante. Meine Cousine hat Ihre Tochter dabei, die ich noch nie vorher kennengelernt habe und so reden wir ein wenig und ich freue mich wirklich sehr Sie zu sehen, ist das doch schon über zehn Jahre her. Wie gesagt, seitdem sich unsere Eltern verworfen haben ist das eine schwierige Sache geworden sich zu hören, geschweige denn sich zu treffen, auch weil Sie alle in ganz Italien verstreut wohnen.
Ich begebe mich wieder auf die Suche nach meinem Herrn und finde Ihn an einem Stand für einen wohltätigen Zweck, Er stellt mich kurz seinen Freunden vor, ich aber ziehe Ihn einfach weg auf den Platz zu den Mädels, die immernoch tanzen. Sich unterhalten kann man dort nicht und Durst haben wir auch, also gehts nochmal an die Theke und von da aus an den Brunnen. Wir setzen uns an den Rand des Brunnens und drehen dem Publikum den Rücken zu. Ich hab mich über Dich informiert, höre ich Ihn sagen, und denk mir nur oh je. Doch bevor ich was erfahre küßt er mich einfach, am Brunnen, am Platz nicht weit von der Tribüne, wo alle uns sehen. Das imponiert mir sehr ! Endlich mal jemand im Ort, der nicht über das Geschwätz der Leute nachdenkt. Wir bleiben da nicht ungestört und erst kommt nochmal mein betrunkener Freund und dann meine Mädels, die jetzt gern heim möchten.
Mein Herr fackelt nicht lange und bietet uns an nach Hause zu fahren. Obwohl es zu Fuß viel schneller wäre, sage ich zu, denn natürlich habe ich sofort verstanden, daß er nur die Mädels abladen will und mit mir was anderes vorhat, also gehen wir zu seinem Auto, und am Wegesrand reißt er eine Blume ab und überreicht sie mir. Bei meiner Mutter angekommen, parkt er sein Auto ein paar Meter weiter und wir laufen die letzten zwanzig Meter. 
Das zweite mal in dieser Nacht zu Hause angekommen gehts direkt weiter mit der nächsten Schimpftirade und die Schlagfertigste in unserer Runde reagiert prompt, und sagt meiner Mutter warum ich wieder weg muß. Na klar, ich hab an der Theke der Bar auf der Piazza mein Handy zum Aufladen abgegeben und nun vergessen. Besseres wäre mir niemals eingefallen und so bedanke ich mich heimlich bei Ihr und laufe zurück zu meinem Herrn, der mich zum Sterne anschauen einlädt und mich entführt.
Ganz nebenbei lerne ich noch einen neuen Feldweg kennen.

Dienstag, 30. August 2016

carnevale estivo di Laurenzana

 ich hatte ja kurz erwähnt, daß die Dorfgemeinschaft, besonders die Jüngeren sich sehr angagieren, diesem Dorf wieder Leben einzuhauchen, und ja, heut abend findet also dieser Sommerkarneval statt, der läuft so ähnlich ab wie in Rio de Janeiro, nur ohne Sambatänzer .  Na gut, wohl eher wie der in Köln, nur um vieles kleiner. Der Umzug wird dann durch den unteren Teil des Dorfes bis zum Hauptplatz führen, wo dann später auf der Tribüne die Gewinner bekannt gegeben werden und eine Live Band samt Dj uns zum Tanzen animieren wird.
Dieses Dorf liegt auf einem Hügel von über 800 m Höhe und es teilt sich in vier Plateaus ein, daß von einer Serpentinenartigen Hauptstraße verbunden wird. Am obersten Teil ist das letzte Gebäude ein ehemaliges Gefängnis und daneben eine Kirche. Der mittlere Teil wird als das "Centro Storico" bezeichnet, wo man den sanierten "Castello", die "Chiesa Madre" und noch eine kleine Kirche findet, von da aus gibts dann einige Gassen, die in die unteren Dorfteile führen. In der Nähe dieser kleinen Kirche und dem Castello wohnt meine Mutter. Über diese kleine Kirche gibts noch eine besondere Geschichte zu erzählen, daß ich bald nachholen werde, versprochen ! 
Im unteren Dorfteil ist der "Corso", das ist ein Teil der verbindenden Straße, wo verschiedene Geschäfte, eine Kirche und meine Lieblingsbar zu finden ist, während im untersten Dorfteil, das auch das jüngste ist, eine Autowerkstatt und ein großer Supermarkt zu finden sind.
Wir beschließen also loszulaufen um zum Karnevalsumzug zu kommen und nehmen der Einfachheit wegen die Serpentinenstraße, denn mit dem Kinderwagen ist es einfacher als die Gassen mit den langgezogenen Treppenstufen zu laufen. An dieser Straße entlang gibt es einige Bars, die wir normalerweise nach und nach abklappern bis man dann unten im Dorf angekommen ist. Die Truppe ist aber noch nicht trinkbereit und so laufen wir direkt zu meiner Lieblingsbar weiter, wo sich die interessanteren jungen und junggebliebenen Leute aufhalten. Tradition ist es, daß man schon zur Begrüßung auf einen "Amaro Lucano" eingeladen wird und das zu jeder Tageszeit, denn Kaffee wäre zu banal, und so fängt der Abend schonmal gut an. Vernünftigerweise trinke ich nebenbei auch Wasser, denn ich ahne schon, daß es einige Amaros werden.
Der Karnevalsumzug ist schon im Gange und von dort aus macht es am meisten Spaß diesen zu begutachten, denn nebenbei springt der ein oder andere, der am Karneval teilnimmt in die Bar um etwas zu trinken. Mittlerweile kenne ich doch schon einige hier und so sind in kurzer Zeit schon einige Amaros getrunken, bis eine whatsapp Nachricht eintrifft. In dieser werde ich freundlich ironisch gebeten, nicht schon betrunken zu sein, damit auch er mit mir nochwas trinken kann.
Er hat bis grad gearbeitet und braucht noch eine Dusche. Ok, was für eine Nachricht. Nach diesem Herrn hatte ich schon die ganze Zeit unauffällig Ausschau gehalten. Gut, er kommt also tatsächlich. Ich antworte Ihm, daß ich mich bremsen werde und auf Ihn warte. 
Diesen Herrn habe ich hier im Dorf vor gut einem Monat kennengelernt und sofort gedacht, den kenn ich noch nicht und der ist nicht von hier. Wir mustern uns gegenseitig eine Weile, bis er irgendwann mit meinem Cousin spricht und ich denke, gut, ich kann zur Not meinen Cousin ausfragen. Ich springe derweil ständig zwischen draußen und drinnen hin und her um mit meinen Freunden an der Theke was zu trinken. Bevor ich ganz betrunken bin, nutzt er die Gelegenheit sich mit meinem Cousin zu uns zu gesellen und Unsinn zu quatschen. Tatsächlich fragt er mich nach meiner Telefonnummer und ich gebe Sie Ihm lachend mit dem Hinweis, daß er sich sowieso nicht meldet, worauf er mir antwortet, daß er sich für den nächsten Abend melden will, bevor ich Laurenzana wieder verlasse.
Wie es der Zufall dann will, schreibt er mir nicht, dafür treffe ich Ihn dann nachmittags im Dorf. Wir lachen beide und scherzen miteinander um uns dann mit den Worten zu verabschieden, daß ich mich melden soll, wenn ich das nächste Mal komme. Seitdem hatte ich Ihn nicht mehr gehört und gesehen, aber ich halte ja meine Versprechen und so hab ich Ihm letzten Donnerstag geschrieben, daß wir für den Karneval da sein werden.

Montag, 22. August 2016

Laurenzana

 kaum angekommen frierts mich schon leicht, auch wenn ich im moment noch nicht weiß, ob es am deutlich kühleren Klima liegt oder an meiner Anspannung. Wie schon erwähnt, habe ich zu diesem Dorf eigentlich gute Erinnerungen, grabe ich aber tiefer in meiner Gedächtniskiste fallen mir leider auch nicht so schöne Dinge ein, nämlich eine gespaltene und zerstrittene Familie. Italienische Familien verhalten sich deutlich anders als deutsche Familien. Hier gilt der Ehrenkodex, sprich : hat sich Deine Mutter mit Ihrer Schwester zerstritten, darfst auch Du automatisch keinen Kontakt mehr zu Deiner Tante haben. Ist Deine Tante auch noch mit dem Bruder Deines Vaters verheiratet, wirds doppelt kompliziert. Von meinen Cousins will ich gar nicht erst sprechen, die halten sich nämlich an dieses unausgesprochene Gesetz, nur mein Bruder und ich natürlich nicht. Wir besuchen weiterhin meinen Onkel und meine Tante, auch wenn wir uns dafür ganz schöne Ausreden einfallen lassen müssen und noch irgendwie dafür sorgen müssen, daß uns bloß keiner sieht. Denn entdeckt uns jemand, erfährt meine Mutter davon so schnell, daß ein Donnerwetter zu Hause dann leider nicht mehr aufzuhalten ist und das kann sich dann auch über Tage hinziehen.
Die Menschen in der Basilikata sind als stures Bergdorfvolk bekannt, schon Carlo Levi beschrieb in seinem Buch "Christus kam nur bis Eboli" dieses Volk sehr detailliert.
Meine Mutter ist leider eine sehr sture, schwierige Persönlichkeit und deshalb kündige ich meinen Besuch auch nie vorher an um mir Diskussionen zu ersparen. Auch heute komme ich natürlich nicht allein, sondern wir sind zu fünft, ein Mann, vier Frauen und ein Baby. Das Baby ist mein Neffe und der soll nun seine Oma kennenlernen. Die Mutter des Babys und meine Mutter kennen sich schon. Der Mann aus meinem Bett vor ein paar Tagen entpuppt sich zum Busenfreund und der war sofort begeistert uns zu begleiten.
Beste Voraussetzungen um meine Mutter erstmal in Ruhestellung zu bringen. Denn für alle Italiener ist es besonders wichtig "Bella Figura" zu machen, sprich sich von seiner besten Seite zu zeigen, für meine Mutter ganz besonders sogar, legt Sie doch soviel Wert darauf was die Leute schwatzen. Und ich bin sowieso schon immer Gesprächsthema in diesem Dorf, allein meine Anwesenheit bringt das Dorf in Verzückung.
Somit hab ich schonmal einen Tag gewonnen, denn spätestens wenn meine Freunde bei uns zu Hause gegessen und geschlafen haben, adaptiert meine Mutter Sie als Teil der Familie, ja und dann gibts kein Halten mehr. Sie läßt keine Gelegenheit aus mich vor allen zu kritisieren in der Hoffnung, dass jemand Ihrer Meinung ist und womöglich dann versucht mich zu bekehren.
Für meine Mutter bin ich alles andere als eine ehrenvolle Frau, unverheiratet, ohne Kinder, Single und nur am Spaß haben interessiert. Ich bin für Sie das Sinnbild der modernen Frau, die diese Welt ins Verderben gestürzt hat.
Zu meinem Glück findet ja heute noch das Sommerkarneval statt und das heißt natürlich, wir gehen heut noch aus und ich kann meinem Ruf volle Ehre zukommen lassen.
Nach dem Essen bereiten wir schonmal unseren Schlafplatz vor und holen im Keller die Matratzen hoch, die wir dann im Schlafzimmer gegenüber vom Ehebett auf den Boden plazieren. Bei der Gelegenheit halten wir auch ein kleines Mittagsschläfchen, aus dem uns kurz später meine Mutter weckt. Wir liegen zu dritt umarmt auf den Matratzen und den tötenden Blick meiner Mutter spüre ich sogar durch meine Schlafmaske durch. Tja, man kann nicht mit zwei Frauen und einem Mann umarmt ein Nickerchen machen, was sollen denn die Leute denken....

Freitag, 19. August 2016

Aufregung

 heute werde ich nicht vom Wecker, sondern von unserem Handwerker geweckt. In unserer Küche gibt es ein Problem mit dem Abfluß und er hatte mir gestern zugesagt vorbeizuschauen. Er ist ein großer kräftiger Mann, Ukrainer und erledigt alle Aufgaben für unseren Vermieter, die es im und ums Haus zu erledigen gibt. Unser Vermieter ist ein in der Stadt sehr bekannter älterer Mann, der über achtzig Wohnungen besitzt, und somit hat er ordentlich zu tun.
Wir zwei mochten uns auf Anhieb und so kam es, dass immer wenn er in der Nähe oder im selben Palazzo arbeitet er kurz auf einen Kaffee vorbeikommt um mit mir über Gott und die Welt zu schnattern und das in fließendem neapolitanisch, einfach nur herrlich. Mittlerweile wissen wir einiges übereinander, auch, daß er mit einer Landsfrau zusammen ist und eine kleine Tochter hat. Sie sind nicht verheiratet und das bringt leider das Problem mit sich, daß seine Frau illegal hier lebt. Eine Tatsache, die auf viele hier zutrifft, doch auch das leider normal in Neapel. Er schätzt an mir, daß ich so komplett anders bin als viele Frauen und versteht deshalb nicht, warum ich immernoch solo bin. Tja, und daß ich wirklich soviel anders bin, liegt wohl daran, das ich ein Kind italienischer Einwanderer aus der ärmsten Region Italiens und in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Als ich drei Jahre alt war zogen wir zwar wieder zurück nach Laurenzana, weil meine Mama so heimweh hatte, doch das große Erdbeben 1980 verschaffte mir unvorhergesehen die Möglichkeit wieder zurück nach Siegen zu kommen. Ok, Siegen war nicht die beste Wahl, aber dort hatte ich doch mehr Möglichkeiten als meine Cousinen in Laurenzana.
Nachdem ich uns den obligatorischen Kaffee gemacht habe, und das Problem mit dem Abfluß gelöst ist, fragt er mich was ich so treibe und so erzähle ich Ihm, dass wir dieses Wochenende nach Laurenzana zu meiner Mutter fahren.
Sobald ich Laurenzana nur höre und ausspreche fange ich an zu schmunzeln.
Dieses Dorf weckt in mir einige Erinnerungen und es kommen bei fast jedem Besuch neue dazu.
Wir heißt, die Gruppe von vorletztem Abend und noch eine weitere Freundin von mir, die zudem auch die Mutter meines Neffen ist. Dies auch der Grund warum wir nach Laurenzana fahren. Meine Mutter kennt Ihren Enkel noch nicht und so wird Sie Ihren drei Monate alten Enkel kennenlernen und wir nebenbei ganz viel Spaß haben. Dieses Dorf müßt Ihr wissen, ist halb ausgestorben, jedoch gibt es eine Gruppe von jungen Leuten von Mitte Zwanzig bis Mitte Dreißig, die sich auf die Fahne geschrieben haben, das Dorf wiederzubeleben und so finden in den Sommermonaten nicht nur die üblichen Feste statt, wo ein Heiliger mit einer Prozession und einem Konzert geehrt wird, sondern auch andere, wie z.B. einem Karnevalsumzug, der an diesem Samstag stattfinden wird und wir schon letztes Jahr das Vergnügen hatten dabei zu sein. Bei dem letztjährigen war auch mein Bruder dabei. Er besuchte mich letzten Sommer mit einem gemeinsamen Freund aus Siegen und so kam es, daß er meine Freundin kennen- und liebenlernte. Sie sind kein Paar mehr aber der Kleine Bub erinnert uns täglich an diesen super Sommer.
Also werden wir morgen nicht nur zu meiner Mutter fahren und Ihr eine Freude bereiten sondern auch dem ganzen Dorf.
In diesem Dorf kennen sich ausnahmslos alle und somit kennen auch alle mich. Na ja, also Sie wissen, daß ich die Deutsche bin und hier Familie habe.
Was Sie sonst noch wissen ist fraglich, aber ab und an kommen dann aus dem Nichts die Gerüchte über mich ans Licht, wovon ich dann bald mal erzählen werde.

ein verkaterter Tag

 der wecker schrillt heut morgen um 9.50 Uhr und neben mir liegt ein Mann, der gut riecht und mir schon länger bekannt ist. Ich hab Kopfweh und als ich kurz aufspringe um zur Toilette zu huschen fällt mir auf wie betrunken ich immernoch bin. Wir saßen gestern in unserer Küche um mit drei Frauen und diesem besagten Mann über die Probleme zwischen Frauen und Männern zu sprechen, während wir in kurzer Zeit, eine ganze Flasche "Amaro del Capo" austranken. 
Wir beschlossen noch auszugehen und in einem unserer Lieblingslokale angekommen gab´s noch ein paar Drinks bevor wir alle recht betrunken entschieden zurückzulaufen. Zwischenzeitlich wurde kurz geklärt, daß wir alle bei uns schlafen, somit wird klar, dass dieser Mann zum erstenmal mit mir in meinem Bett schlafen wird und die zwei Mädels sich das andere Bett teilen werden.
Wir laufen durch Port`Alba an Piazza Dante vorbei, wo auch fast immer hübsche Militärmänner stehen. Nach den Anschlägen in Europa stehen auch in Neapel mehr Kontrollen bereit, daß hier das Esercito übernimmt. Zugegeben, ich hab eine Schwäche für Männer in Uniform. In unserem Zustand fällt das Flirten nicht schwer, aber meine Gruppe ist nicht so begeistert und so gehts schnell die Via Toledo runter um an Piazza Plebiscito vorbei nach Hause zu gelangen.
Zurück vom Bad bringe ich uns was zu trinken mit und lege mich nochmal zu Ihm ab um mich an Ihn zu schmiegen. Mein Körper will mehr, mein Verstand leider nicht. Die anderen zwei höre ich derweil über den Flur traben und kurz darauf riecht man schon den Kaffee aus der 
Küche.
Diesen Mann kenne ich schon seit über einem Jahr. Ihn und ein paar andere Jungs lernte ich kennen, als ich grad nach Neapel gezogen war. Wir machten bei einem Flashmob mit und ich erinnere mich, daß ich Ihn damals gar nicht als Mann wahr genommen habe. Aber wen hab ich damals schon wahr genommen ? Ich war grad frisch getrennt und nach fast zehn Jahren Beziehung hatte ich ganz anderes zu tun als mich nach Männern umzuschauen. Ich hatte meinen langjährigen Traum in die Realität umgesetzt. Ich bin endlich in meine Lieblingsstadt gezogen. Neapel, diese pulsierende Stadt am Meer, mit allen seinen Schönheiten an Architektur aus allen Epochen, seinen Traditionen, sehr leckerem Essen, dem SSC Neapel, den einzigartigen Menschen und natürlich dem Vesuv, der mich jeden Tag fasziniert und glücklich macht, weil dieser mit jedem Blick aus meinem Fenster mir was neues von sich zeigt. 
Seitdem ich hier lebe kann ich mir gar nicht mehr vorstellen wie ich es in Deutschland so lange ausgehalten habe. Auch wenn Berlin zuletzt eine passable Alternative war. Doch Berlin hatte sich in den letzten Jahren sehr zum Nachteil verändert und als vor zwei Jahren das Angebot kam in Turin zu arbeiten, war das für mich wie ein Befreiungsschlag. Endlich raus aus Berlin und in eine neue Stadt mit etwas besserem Klima. Davon aber ein andermal.

Wir sitzen in der Küche und schon wird herrlich italienisch durcheinander erzählt. Was genau ist eigentlich passiert ? Es war durch und durch ein Abend nach meinem Geschmack, es wurde gelacht und alle möglichen Anekdoten über Männer zum Besten gegeben worauf dann unser einziger Mann in der Runde nach seiner Meinung befragt wurde. Was so alles ans Licht kommt wenn drei Frauen mit steigendem Alkoholpegel mal anfangen zu erzählen.
Obwohl ich Italienerin bin und der Sprache sehr gut mächtig bin, muß ich doch ab und an nachfragen um folgen zu können, daß widerum bringt viele Lacher, denn auch wenn Italien und Deutschland nur wenige Kilometer auseinander liegen, die sozialen und kulturellen Unterschiede werden doch sehr deutlich. Ungewollt wurde ich und ein anderer Mann zum Hauptgesprächsthema. Dieser andere Mann ist ein sehr guter Freund von dem Mann in unserer Küche und damit nicht genug. Meine Freundin und zur Zeit auch Mitbewohnerin ist so eine Frau "Tomb Raider", optisch wie charakterlich und noch dazu sehr wortgewandt. Und so redet Sie unseren einzigen Mann in unserer Runde quasi schwindelig in Grund und Boden, Ihm klarmachend wie unmöglich sich sein Freund mir gegenüber verhalten hätte. "Tomb Raider" ergreift gerne für die Schwächeren Partei, auch wenn ich selbst, diese Geschichte schon fast vergessen und sogar verziehen hatte.
Wie gut, dass es den "Amaro del Capo" gibt, auch wenn ich den "Amaro Lucano lieber mag, denn der ließ diese Auseinandersetzung schnell vergessen und half uns allen einen lustigen Abend zu verbringen.
Als uns nach dem Kaffee die Gäste verlassen und meine Freundin und ich in der Küche zurückbleiben wirds erst richtig spannend. Ich habe den ganzen Abend wohl nicht mitbekommen, daß unsere neue Freundin wohl an meiner Freundin interessiert ist und Ihr die ganze Nacht auf die Pelle gerückt ist. Ok, wir haben auch sehr ungünstig zusammen gesessen, so das ich wirklich nichts sehen konnte, aber auch liegt es wohl an mir, denn da machen sich die Unterschiede bemerkbar, noch immer haben die Italiener unausgesprochene Verhaltensregeln für Männer und Frauen. Hier im tiefen Süden wird eine simple Umarmung schnell mißverstanden und das nicht nur zwischen Männern und Frauen. 

Die Nacht war für uns alle ziemlich kurz, doch für meine Freundin wohl gar nicht vorhanden. Sie versuchte die ganze Zeit hindurch sich so freundlich wie möglich von Ihr zu befreien und wurde dann vom Wecker erlöst, denn unsere neue Freundin mußte noch zur Arbeit.

Ich schlüpfe nochmal ins Bett und liege noch eine Weile wach um zu ergründen, warum ich wohl nichts mitbekomme oder auch einiges mißverstehe. Ich denke dabei an den Mann der noch vor kurzem in meinem Bett lag, sein Duft ist noch zu riechen, und dann denk ich auch an den Mann der Thema des Abends war, und frage mich ernsthaft was ich eigentlich will ??? 
Bevor ich es beantworten kann, schlafe ich ein.