die anderen müssen wohl vergeblich auf uns gewartet haben, denn als wir wieder wach werden ging draußen schon die Sonne auf. Wir schauten uns an und schmunzelten, ich hatte wohl an alles gedacht, aber nicht daran, daß ich eine heiße Nacht mit einem aus diesem Dorf haben würde und dann auch noch zwölf Jahre jünger als ich.
Wir knutschten noch eine Weile bevor wir uns ans aufräumen machten, doch das Abenteuer sollte erst noch losgehen, denn wie sollten wir bloß unbemerkt durchs Dorf nach Hause kommen. Ich hatte natürlich überhaupt keine Idee, ich wußte noch nicht mal wo ich mich genau befand, aber Ihm fiel noch eine Straße ein, die mich fast bis ganz nach Hause bringen würde, hörte ich Ihn sagen. Ich müßte dann nur noch ein paar Treppenstufen hochlaufen, was für mich ja kein Thema sei.
Wir stiegen auf den Scooter und fuhren los. Die Sonne wärmte schon ordentlich und ich spürte deutlich, daß ich noch angetrunken war, oder war das nur die Aufregung nicht erwischt zu werden ?
Als wir an die Stelle kamen, wo ich alleine weiter mußte, gabs einen flüchtigen, verstohlenen Kuß und ich lief langsam diese langgezogenen Treppen hoch. Irgendwie fühlte ich mich wie ein Teenie, der was total verbotenes angestellt hatte. Ein wenig wackelig kam ich an einem Haus vorbei an dem draußen Peperoni zum trocknen hingen und so entschloss ich später unbedingt nochmal vorbeizukommen um hier ein paar Fotos mit der Kamera zu machen.
Zu Hause angekommen weckte ich leider meine Mutter, die mich erst wie immer schief anschaute um dann auf mich loszuschimpfen, ich aber lief schweigend an Ihr vorbei um mich nochmal schlafen zu legen.
Wenn ich heute so darüber nachdenke, war ich damals ganz schön vernarrt in diesen jungen Mann und auch heute noch, wenn ich Ihn treffe knistert es. Auch letzten Sommer als sogar mein Bruder mit meiner napolitanischen Schwägerin mit im Dorf war haben wir versucht uns nichts anmerken zu lassen. Kennt Ihr das, daß Männer irgendwie spüren, wenn man wieder Single ist ?
So war das mit Ihm auch. Kurz nach der Trennung von meinem Ex aus Frankfurt erreichte mich eine Nachricht von Ihm in Turin, kurz bevor ich nach Neapel zog. Wir quatschten oft miteinander und schon bei meinem Besuch im April ging unsere Liaision nach fast zehn Jahren Pause weiter. Bei jedem Besuch von mir im Dorf treffen wir uns heimlich und bisher hab ich noch nicht mitbekommen, daß irgendwer eine Ahnung hat. Seit letztem Winter ist nichts mehr gelaufen, anscheinend brauchte ich mal Abwechslung, denn da hatte ich ja kurz was mit dem Freund von meinem hartnäckigen Verehrer. Erst diesen Sommer näherte er sich mir wieder an aber da wollte ich nicht mit Ihm mitgehen, Ihr erinnert euch, ich hatte mich in meinen Herrn verliebt.
Tja, ich habe mich niemals gefragt, ob aus uns etwas ernstes werden könnte und ich glaube auch er nicht und ich frage mich gerade, woran es liegt. Ist es der Altersunterschied oder die Tatsache, daß ich nicht glaube, daß er jemals da wegziehen würde ? Ich habe tatsächlich nie mit Ihm über sowas gesprochen.
Vielleicht sollte Ich ihn mal fragen ?
Oder besser auch nicht...
Ich bin nun oben in der Corso Vittorio Emmanuele angekommen und halte kurz an einer meiner Lieblingsstellen. Die Aussicht hier oben ist wirklich schön und man schaut auf viele
Dächer, die kaum als Terrassen genutzt werden. Ich erkläre mir das damit, daß man in wenigen Minuten am Meer ist und auch sonst sind die Napolitaner ja gesellige Menschen, die sich lieber auf der Piazza zum Quatschen und Schauen verabreden, als allein oder mit wenigen Leuten auf der eigenen Terrasse zu sitzen. Ich habe zwar keinen Balkon und keine Terrasse, aber auch wenn würde ich es vorziehen lieber auf die Piazza zu gehen, denn hier kommt man schnell ins Gespräch und lernt so viele neue Leute kennen und das macht mir am meisten Spaß.
Auch heut abend gehts raus auf die Piazza, der SSC Napoli spielt.
Ich laufe durch die Pignasecca zurück um mich mit einer Pizza a portafoglio zu stärken, da meldet sich schon Tomb Raider und fragt, wann und wo wir uns treffen.
heut morgen brauche ich unbedingt Bewegung. Joggen gehen ist mir noch zu viel, aber einen Spaziergang durch die Stadt ist drin und so ziehe ich mich an und frühstücke an meiner Bar an Piazza Carolina. Heute ist gar nicht so viel los und so hab ich genug Gelegenheit mich kurz mit den Barristas auszutauschen. Mein Cappuccio schmeckt mir heute besonders gut, ein super Zeichen also, daß die Grippe mich endlich verläßt. Nach dem üblichen Smalltalk überlege ich wo mein Spaziergang langgehen soll und entscheide mich für Chiaia, den eleganteren Stadtteil Neapels. Ich werde Via Chiaia, Via dei Mille und Parco Margherita durchlaufen um dann zu Corso Vittorio Emmanuele zu gelangen, die paralell zur Küste entlang geht und somit auch super Ausblicke bietet. Hier laufen wenige Touristen lang, die Straße ist sehr befahren und der schmale Bürgersteig ist schlecht gepflastert und noch dazu muss man oft auf den Boden schauen, will man nicht in Hundescheiße treten. In Via del Parco Margherita muss ich immer vor diesem
Gebäude stehen bleiben. Es ist einmalig schön und dieses Gelb und Ocker mit dem strahlend blauen Himmel, einfach nur himmlisch.
Bevor ich die Straße weiterlaufe, genehmige ich mir an der Bar einen Cafè und nehme mir eine kleine Flasche Wasser mit. Ich blicke kurz auf mein Handy und es leuchtet eine Nachricht vom Messenger, es ist mal wieder der junge Typ aus Laurenzana. Ich bin ein wenig überrascht, wie hartnäckig er ist. Seitdem wir uns kennen, sagt er mir deutlich, daß er unbedingt mit mir schlafen will und jedesmal wenn ich in Laurenzana bin versucht er es und oft vermasselt er sich sein Vorhaben selbst, weil er mir für meinen Geschmack immer mit der Tür ins Haus fällt. Mittlerweile weiß ich ja was er will, muß man das jedesmal so deutlich sagen ? Lustig wird es dann, wenn er mir schreibt wie er es am liebsten mit mir machen will, wie eine Waschmaschine, die ihr Programm abspült.
Schade, denn er sieht ganz gut aus und ich hätte wirklich Lust es mal darauf ankommen zu lassen, aber wenn ich schon vorher im Detail weiß was passieren wird, tja, was soll ich sagen, mir vergeht dann einfach die Lust. Es soll ja doch auch aufregend bleiben.
Ich habe Ihm sogar mal erklärt, warum es mit uns noch nicht geklappt hat und auch die Tatsache, daß ich dann sogar schon zum zweiten Mal lieber mit seinem Freund verschwunden bin als mit Ihm, hält Ihn nicht davon ab mir weiterhin zu schreiben. Entweder unterhalten sich die Jungs nicht untereinander oder wer weiß, was sein Freund Ihm wohl erzählt hat. Er bleibt hartnäckig. Ich will mir auch gar nicht erst irgendwas einbilden, denn natürlich weiß ich ja, daß im Dorf willige und lustige Frauen schwer zu finden sind, dann bin ich ja auch noch älter und angeblich erfahrener. Abenteuerlustig und spontan bin ich wohl, wie er schreibt, wer weiß was er sonst noch von mir denkt.
Ach ja, ich muß euch ja noch erklären wie es im Dorf ablief zu meinen Teenagerzeiten, obwohl es auch heute noch folgendermaßen abläuft: die Jungs und Mädels verabreden sich heimlich um dann für ein Schäferstündchen in irgendwelchen Feldwegen Erfahrungen im Auto zu sammeln, in der freien Natur oder auch in der Campagna. Die Campagna ist nicht nur eine Gemeinde in der Region Kampaniens sondern im umgangssprachlichen beschreibt es den Ort, außerhalb des Dorfkerns, wo fast jede Familie sich Tiere hält und Gemüse anbaut. Die meisten haben auch mindestens eine kleine wenn nicht sogar eine große Scheune. Mit Hilfe von kleinen Briefen die über Mittelsmänner weitergegeben wurden, verabredete man sich dann, heute wahrscheinlich mit WhatsApp und Messenger. Welche Methode wohl aufregender ist ?
Nicht geändert hat sich, daß man auch heute sich nicht von den Leuten erwischen läßt, zumindest bis man sich klar als Paar bekennt. Ihr wißt ja, was sonst das Volk im Dorf macht, tratschen natürlich.
Da erinnere ich mich doch gern an eine Geschichte von vor elf Jahren zurück, Ihr wißt schon, das Jahr wo Italien Weltmeister wurde und ich meinen ersten langen Sommer in Laurenzana verbrachte, denn das war auch der erste Sommer wo ich meine erste Liaison mit einem aus Laurenzana hatte, mit dem sehr jungen hübschen Kerl, der auch heute noch mein Freund ist.
An Ferragosto waren wir, wie es im Dorf üblich ist, schon morgens früh in den Wald gefahren um Salsiccia zu grillen und viel Wein zu trinken. Ferragosto ist der italienische Nationalfeiertag, und in Europa der älteste Feiertag, der noch aus der Zeit des römischen Kaisers Augustus zurückfällt, denn am 13., 14. und 15. August feierten sie in Rom den Sieg über Kleopatra und Marcus Antonius und damit die Eroberung Ägyptens. Heute leitet er den Wendepunkt des Sommers ein, denn in der Regel ist es der heißeste Tag und die Kirche feiert auch noch Mariä Himmelfahrt. Also viele gute Gründe ordentlich zu feiern.
Für mich war es das erste Mal seit Kindheitstagen und somit auch wirklich lustig, denn das halbe Dorf war dort oben und vergnügten sich mit allen möglichen Spielen, Musik machen und dazu tanzen oder einfach nur essen und trinken. Ich war mit meinen Cousins und den Jungs da mit denen ich schon die ganze Zeit unterwegs war, aber ich ließ keine Gelegenheit aus um ein wenig umherzuwandern und von einer Gruppe zur nächsten zu wandern. Ich weiß nicht mehr was ich alles gegessen und getrunken habe, ich weiß aber noch, daß meine Gruppe mit einer der letzten dort oben war und wir nach Mitternacht die letzten Flammen vom Feuer löschten. Es wurde kurz geklärt wer mit wem ins Dorf zurück fuhr und mich nahm dann der junge hübsche mit auf seinem Scooter.
Ich war ganz schön angetrunken, aber die frische kühle Luft half mir mich zu erholen.
Kurz bevor wir ins Dorf kamen fuhr er dann mit mir eine für mich neue Straße entlang, die zu seiner Campagna führte, wie ich dann feststellen mußte. Mit der Ausrede noch was Wein zu holen für uns alle, bot er mir an schnell hier ein Glas zu trinken und wir gingen mit einer Taschenlampe in die Scheune und zu meiner Überraschung hatte er auch noch was Brot und Käse herbeigeholt. Um es gemütlicher zu machen klappte er ein Gästebett auf, kennt Ihr diese noch ? Diese nicht wirklich bequemen Betten, die aufklappbare Ständer haben und in der Mitte diese kleinen Metallrollen ? Wie auch immer, wir saßen dann auf einem solchen Bett und tranken und aßen und lachten über das ein und andere was heute so lustiges passiert war. Es knisterte ganz schön zwischen uns, und bevor ich weiter über unseren Altersunterschied nachdenken konnte, passierte es auch schon. Ganz entschlossen küßte er mich und ich war Feuer und Flamme. Wir zogen uns nach und nach aus und als wir uns auf dieses Bett warfen, ging erst die Taschenlampe aus und dann krachte auch noch das Bett unter uns zusammen....
heut morgen werd ich sehr früh wach und die Sonne scheint. Ich hab super Laune und ich kontaktiere meinen Freund ob der nicht Lust hat in dieses Bagno Sirena mit mir zu fahren. Ja, denn fahren heißt, er holt mich mit dem Scooter ab und wir fahren gemeinsam an diesen privaten Strandabschnitt, wo man für Liege und Schirm zehn euro pro Tag zahlt, aber das gönnen wir uns heute mal.
Als er mich unten vor unserem Portal von der Treppe runterlaufen sieht, ruft er mir schon entgegen, daß ich dringend Sonne nötig habe, ich bin zwar immernoch sehr braun, aber irgendwie denken immer alle ich würde wohl schokoladenbraun werden, aber nein, ich werde nur so braun wie die"bastoncini di Findus", bedeutet goldbraun, wie die Fischstäbchen von Käpt´n Iglo, beteuere ich Ihm und er reicht mir schon den Helm.
Ach ist das schön, ich liebe es einfach Beifahrer auf dem Scooter zu sein. Dieses Bad ist auf Anhieb gar nicht so schnell zu finden, es liegt an der Via Posillipo, die sich den Hügel nach Posillipo in Kurven hochschlängelt. Auf der rechten Straßenseite dann ein kleines Schild über einem Türbogen und wir parken einige Meter weiter links an der Straße, von der man eine super schöne Aussicht hat, wie Ihr auf dem Bild sehen könnt.
Wir gönnen uns erstmal an der Theke einer Bar einen Capuccio und einen Cornetto bevor wir dann durch den Torbogen durchlaufen. Von da führen Treppen nach unten, die unter der Straße direkt ans Meer führen.
Hier kann man jetzt entscheiden, ob man an den privaten Strand will oder an dem privaten Bereich vorbei auf den öffentlichen Teil des Strandes. Ich aber brauche heute doch noch ein wenig Schatten, denn die Sonne knallt noch ganz schön, also bleiben wir hier und zahlen. Es ist immernoch wahnsinnig gut besucht, aber das stört mich überhaupt nicht, denn dieser Ausblick ist es trotzdem wert.
Nachdem wir uns einen Platz ausgesucht haben, erzähle ich Ihm erstmal was so mit meinem Herrn passiert ist und er hat erstmal gar keine Worte für mich übrig. Dann fängt er an, Ihn zu rechtzufertigen, warum er wohl so reagiert haben könnte, doch während er diese Theorie ausspricht ändert er auf einmal seine Meinung, schaut mich an und sagt einfach nur, " vergiß was ich gesagt habe, ich weiß auch nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich mich in Dich verliebt hätte." Ich schaue Ihn an und bevor ich was sagen kann, führt er seinen Gedanken aus. "Er hat sich einfach in seiner Männlichkeit nicht stark genug für Dich gefüht", sagt er und er hätte da auch Probleme mit.
"Du hast alles, was Du in Deinem Leben gemacht hast alleine geschafft, ohne finanzielle Hilfe von Deinen Eltern hast Du Dein Leben lang alleine für Dich gesorgt, bist von einer in die andere Stadt gezogen, hast ohne groß nachzudenken Deinen sicheren Job in Berlin aufgegeben um nach Turin zu gehen und dann nach der Trennung von Deiner langjährigen Beziehung bist Du ohne jemanden zu kennen und ohne Job einfach mal nach Neapel gezogen. Den Mut habe ich nicht," beteuert er mir und ich stehe da und weiß gar nicht was ich sagen soll. So habe ich das noch nie betrachtet. Klar, irgendwie kann das sicherlich Angst machen, erst Recht wenn man mich reden hört, denn schließlich versuche ich jetzt hier auch beruflich meinen Weg zu finden. Nach mehreren Vorstellungsgesprächen habe ich nicht nur feststellen müssen, daß die Bezahlung sehr schlecht ist, sondern einfach auch die Tatsache, daß ich nicht mehr Vollzeit irgendwo festhängen will. Die Vorstellung wieder in einem Laden zu stehen, verursacht mir regelrecht Magenkrämpfe und so habe ich mit Hilfe meiner englischen Freunde begriffen, was ich hier machen will und muß. Ich werde mein eigener Chef werden müssen, auch wenn es mir selbst noch ein wenig Angst bereitet, in einem Land, wo doch alles so anders läuft, in einer Sprache, die immer noch nicht richtig meine Muttersprache ist und dann auch noch wie überall ins Ungewisse zu gehen, denn Garantien, daß es funktioniert, gibts nicht.
Es stimmt schon, daß viele hier immernoch sehr abhängig von Ihren Eltern sind, und die, die gut verdienen, oft den elterlichen Betrieb übernommen haben, wo aber die Eltern immernoch Mitspracherecht haben. So auch der Herr.
Während ich, für den Fall, daß es nicht klappen sollte einfach meine Sachen packe und es woanders versuchen werde. Aber ich bin auch weder finanziell noch emotional verstrickt mit meiner Familie. Tja, ich werde mir wohl einen Ausländer suchen müssen, der hier leben will, sagt mir mein Busenfreund und ich lache erstmal bevor ich Ihn überrede mit ins Wasser zu gehen.
Wahrscheinlich hat er gar nicht so unrecht.
Der Tag vergeht so schnell und hier an dieser Meerseite verschwindet gegen fünf Uhr nachmittags die Sonne. Wir packen also unsere Sachen und mit der Idee noch ein wenig durch die Gegend zu fahren freunde ich mich gerne an und wir fahren hoch zum Parco Virgiliano.
In einem Supermarkt um die Ecke lassen wir uns jeder ein kleines Filoncino mit Mortadella belegen und ich nehme mir eine Flasche Cedrata von Tassoni aus dem Kühlschrank mit. Das ist eine sehr leckere Zitronenlimonade, ich kann ja nicht nur Aperol Spritz und Amaro trinken.