Er meinte immer, daß die Priester die schlimmsten wären, denn schließlich predigten Sie Wasser und soffen wie er Wein, viel Wein.
Ich erinnere mich, daß in der Nähe unserer Wohnung so eine Spelunke war, wo sich die Männer zum Scopa spielen trafen. Scopa ist ein napolitanisches Kartenspiel, daß einiges an Gedächtnis und Konzentration fordert und höllisch Spaß macht, da es auch ein schnelles Spiel ist. Mein Vater beherrschte dieses Spiel wohl ganz gut, denn die Verlierer gaben die Trinkrunden aus und da Papa oft betrunken nach Hause kam, und sogar auch häufiger begleitet wurde, tippe ich mal, er beherrschte dieses Spiel ganz gut.
Meine Mutter zwingte uns zum Kirchengang, aber mein Vater setzte sich auch oft damit durch, daß wir nicht gehen mußten, wofür wir immer sehr dankbar waren, denn lieber verbrachten wir die Zeit mit unseren Cousins und Freunden. Wenn wir denn mal gehen mußten, war das immer eine nicht so schöne Sache. Man kam kaum zur Tür herein, da drehten sich auch schon alle um und fingen an zu tuscheln. Damals dachte ich immer es ging nur um Äußerlichkeiten, später dann begriff ich, daß es wohl um viel mehr ging.
Ihr erinnert euch, daß ich euch von der Kirche bei meiner Mutter erzählen wollte ? Gut, dann leg ich jetzt mal los.
Eines Abends wollte ich mich also mit dem Nachbarssohn meiner Tante treffen und meine Mutter fing zu Hause schon an zu mosern, als Sie mich mit Ihm am Telefon verabreden hörte. Ich hatte Ihn mal mit zu uns nach Hause mitgenommen, weil ich dachte, wenn Sie weiß mit wem ich unterwegs bin, beruhigt Sie sich. Aber nein, hier ist das nicht üblich, denn bringt man einen Mann mit nach Hause, bedeutet das eigentlich, daß man über eine Verlobung nachdenkt. Da sowohl mein Bruder und ich, das aber aus Deutschland anders kannten, haben wir nie darüber nachgedacht und immer alle Freunde mit nach Hause geschleppt, egal welches Geschlecht. In Deutschland meckerte meine Mutter zwar immer, wenn wir Freunde mitbrachten, aber irgendwann fing Sie das an zu akzeptieren, hatten wir da schließlich keine weiteren Verwandten und auch sonst keinen, der hätte darüber urteilen können. Meinen Vater interessierte sowas sowieso nicht, da war er schon immer untypisch südländisch. Ganz im Gegenteil. Ihm ging das Geschwätz der Leute auf die Nerven, so daß er oft sogar allem eine Krone aufsetzte um die Leute noch mehr zum Schwätzen zu bringen. "Ist der Ruf erst ruiniert, lebts sich frei und ungeniert ."
Meine Mutter aber hatte, kaum in Laurenzana zurück, wieder alle Dorfmarotten angenommen und so teilte Sie mir dann mit, daß Sie nicht erfreut darüber war, daß ich mich mit Ihm traf, denn er käme eben nicht aus einer guten Familie. Auch als ich Ihr beteuerte, daß wir doch nur Freunde seien, hörte dieses Gemeckere nicht auf und so vertraute ich mich eines Abend bei Ihm an.
In dörflicheren Gegenden gibt es auch heute noch diese Tradition, daß ganze Familien oder Persönlichkeiten einen Spitznamen bekommen. Das kann wegen dem Beruf sein, auch aber wegen aller anderen möglichen Tatsachen, ich heiße hier einfach nur "la tedesca", die Deutsche. Im Fall der Familie von meinem Freund kam der Name dadurch zu Stande, daß seine Familie eine Pferdezucht betrieben und da Sie viel unterwegs waren um auf anderen Märkten Tiere zu kaufen oder zu verkaufen, wurden Sie dann "Zingari" genannt, also Zigeuner. Da ich so schlecht lügen kann, erzählte ich Ihm also, daß meine Mutter nicht will, daß ich mich mit dem Sohn von Zigeunern rumtreibe, worauf er mich erst entsetzt anschaute und dann anfing zu lachen. Ich verstand seine Reaktion überhaupt nicht und fragte, was los sei, worauf er mir dann entgegnete, daß ausgerechnet wir sowas äußern würden, denn schließlich wäre unsere Familie doch um einiges schlimmer. Ich schaute Ihn wohl zu lange komisch an, bis er mich dann fragte, ob ich denn wirklich von nichts wüßte. Ich fragte Ihn, was ich denn wissen sollte und da erzählte er mir dann folgende Legende:
Meine Oma war eine sehr gläubige Frau, wahrscheinlich noch mehr geworden, weil Sie in dieser Kirche Ihren Frieden fand, und so meinem gewalttätigem Opa aus dem Weg gehen konnte. Ihr wißt ja, die Frauen dort sind ja im Dorf nur unterwegs wenn Sie Erledigungen machen, ansonsten bleibt man zu Hause und geht der Heimarbeit nach.
Als 1980 das Erdbeben in Süditalien ganze Landstriche in Schutt und Asche legte, wurde auch unser Dorf sehr beschädigt, sowohl unsere Wohnung als auch diese Kirche. Meine Oma angagierte sich damals sehr dafür, daß alles wieder aufgebaut wurde, vorallem aber Ihre Kirche. Den Leuten im Dorf, vorallem den Männern, ging das Angagement wohl zu weit. Sie sagten meiner Oma und dem Pfarrer eine Affäre nach und hetzten meinen Opa so lange auf, bis der wohl 1982 nichts besseres zu tun hatte, als dem Geschwätz der Leute zu glauben und mit einem Messer bewaffnet in die Kirche zu gehen um auf den Pfarrer einzustechen. Meine Oma war um die sechzig und mein Opa schon fast achtzig, nur mal so als Hinweis, nicht, daß man nicht mit sechzig noch aktiv sein kann.
Na ja, nach dem ganzen soll mein Opa zu seinem anderen Teil der Familie nach Turin geflohen sein, während der Pfarrer wohl keine Anzeige erstattet hatte, so daß mein Opa dann wahrscheinlich durch eine saftige Schmerzensgeldzahlung wieder zurückkehren konnte.
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte, viel schlimmer aber fand ich, daß ich davon nichts wußte. Und dann fragte ich mich tatsächlich, ob meine Oma wirklich eine Affäre hatte, meine so streng gläubige Oma, irgendwie unvorstellbar.
Der Abend war für mich gelaufen, ich verabschiedete mich mit den Worten, daß ich das jetzt klären müsse und lief sofort nach Hause zurück. Ich packte mir meine Mutter und erzählte Ihr diese unglaubliche Geschichte, aber meine Mutter schaute mich so an, wie ich wohl meinen Freund angeschaut haben muß. Sie wußte von nichts und fragte mich, wer mir das erzählt hatte. Betretenes Schweigen. Man sah förmlich meine Mutter in eine andere Gedankenwelt abdriften. Stille.
Nach einer Weile fing meine Mutter an zu sprechen, und erzählte mir, daß wir nach dem Erdbeben, ganze drei Jahre nicht mehr in Laurenzana waren. Ein eigenes Telefon hatten wir nicht, weder in Laurenzana, noch in Siegen, und auch sonst keiner aus unserer Familie. Ich erinnere mich, daß wir in Siegen, kurz vor unserem Urlaub in Laurenzana ein Telegramm erhalten hatten, wo uns mitgeteilt wurde, daß unser Opa verstorben war. Das war wohl auch der Grund, warum wir 1983 zum erstenmal wieder nach Laurenzana fuhren. Es gab ja jetzt das Erbe aufzuteilen.
Immernoch war das Dorf in großen Teilen zerstört, auch unsere Wohnung wurde nur soweit wie nötig geflickt, damit wir dort übernachten konnten, denn im Sommer wirds tagsüber sehr heiß, aber abends kühlt es doch um einige Grad ab. Ein Bergdorf halt.
Immernoch nachdenklich erzählte Sie mir, daß Ihr keiner, weder die Familie, noch alte Freunde oder Bekannte Ihr irgendetwas über diese Sache erzählt hatten. Sie bemerkte zwar, daß die Leute im Dorf tuschelten, hatte aber weiter keinerlei Ahnung. Es wurde einfach totgeschwiegen ! Dieser sogenannte Deckmantel sollte noch so häufig in unserer Familiensaga auftauchen.
Gut, ich verstand so langsam einiges und so rief ich erstmal meinen Bruder an um Ihm davon zu erzählen, schließlich sollte sich ja nicht schon wieder dieser Deckmantel des Schweigens ausbreiten. Dann lief ich zu meinem Cousin runter, der noch zu Hause am Essen war. Ich redete auf Ihn ein wie eine verrückt gewordene Tarantel, aber auch er wußte von nichts. Wieder betretenes Schweigen. Sein Vater hörte uns zwar zu, tat aber so, als ob er nichts hören würde, daß machen viele alte Männer hier wenns unangenehm wird, und so brüllte ich Ihn an, aber auch da, Stille. Angeblich weiß auch er von nichts. Ungläubig schauen wir uns an und beschlossen erstmal was trinken zu gehen, bevor wir uns den übrigen Familienmitgliedern widmen wollten und liefen den Corso runter zu unserer Lieblingsbar.
In Windeseile hatten wir uns fast schweigend einige Amaros runtergekippt und unser Barrista staunte nicht schlecht, daß ich auf einmal so schnell trinken konnte. Mein Cousin brabbelte sowas wie, die guten Gene halt und so ließen wir uns regelrecht volllaufen bis wir dann am frühen Morgen Richtung heimwärts liefen. Ich weiß nur noch, daß wir es nicht nach Hause geschafft haben und irgendwann von Hühnergegackere geweckt wurden.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen