Wir liegen auf einem kleinen Hügel und so laufe ich durch eine schmale Gasse, langgezogene Treppen hinab und am typischen neapolitanischem Leben vorbei, wo Kinder fast nackt auf der Gasse spielen, Omas und Opas auf Stühlen in der Sonne sitzen und an drei kleinen Tante Emma- Läden vorbei, die alle drei unterschiedliche Waren anbieten. Beim Salumiere halte ich kurz an um mir eine Art Baguettebrot mit frischer Mortadella mitzunehmen und natürlich ein kleines Schwätzchen zu halten. Im Moment ist keine Fußballliga, also quatschen wir kurz über meinen Ausflug nach Laurenzana, hat er mich doch seit ein paar Tagen nicht gesehen.
Ich laufe weiter und unten angekommen, springe ich noch in einen Laden, der tiefgefrorenes verkauft. Hier findet man Fisch, Fleisch, Gemüse usw. und auch meine große Flasche Wasser, wohlgemerkt tiefgefroren, so habe ich für die nächsten paar Stunden kaltes Wasser. Hier in der Via Santa Lucia gibts wundervolle alte Gebäude und alle paar Meter bekommt man den Blick frei direkt aufs Meer. Ich freu mich schon so, es kommt auch eine Freundin, die schon ganz gespannt ist auf meine Geschichten.
Die Promenade ist hier von großen Steinen gesäumt mit wenigen Stellen, wo man auch auf dem dunklen Vulkansand liegen kann. Ich selbst mag lieber die Steine und meine Lieblingsstelle ist die beim Castello dell´Ovo, wo man über eine kleine Mauer steigt und dann dort die wunderbare Aussicht hat auf die wunderschönen bebauten Hügel. Ich liebe diese Aussicht auf die Burg, die Häuser, den Booten und Jachten, das hat für mich was beruhigendes und mondänes zu gleich. Ab und an, sind auch die Spieler vom SSC Napoli auf den Jachten zu entdecken oder andere VIPs, aber ich finde viel spannender die Leute aus dem einfachen Volk um mich zu haben und wenige Touristen.
Wenn wir da zu zweit liegen, kommt es seltener vor, daß wir angesprochen werden, außer man kennt sich schon. Liege ich dort allein quatscht einen ständig jemand an und je nachdem, lasse ich mich darauf ein, außer es handelt sich um einen hübschen Neapolitaner, da kommt die Lust von ganz allein.Wenn ich mal wirklich keinen sprechen mag, ziehe ich mir meinen großen Schlapphut über und das funktioniert eigentlich ganz gut.
Ich laufe zu unserem Lieblingsstein weiter und sehe, daß meine Freundin noch gar nicht da ist, höre aber dann auch schon mein Handy. Es ist nicht meine Freundin, sondern mein Herr. Er begrüßt mich mit "buongiorno principessa" und den Worten, daß er mir einfach schreiben muß. Ich freue mich und mache erstmal ein Foto von meiner Aussicht um Ihm diese zu schicken. Er antwortet, daß er neidisch ist und verschlossen in seinen vier Wänden arbeitet. Bei Ihm regnets. Das tut mir natürlich leid, aber die Basilicata ist wettertechnisch wie das Siegerland, nur extremer.
Endlich kommt auch meine Begleitung und bevor ich Sie begrüßen kann fängt Sie auch schon an mich auszufragen. Ich erzähle Ihr also die ganze Geschichte und Sie unterbricht mich immer wieder mal mit "u ver", was "jetzt ehrlich" bedeutet, bevor ich dann weiter erzählen kann. Wir kichern vor uns hin und jedesmal wenn Sie "u ver" sagt, muß ich lachen. Ich liebe die neapolitanische Sprache und es gibt so eine paar Ausdrücke, die ich über alles liebe, wie z.B. auch "azz", das sogar aus dem deutschen kommt, hatten doch die deutschen Soldaten während der Besetzung im zweiten Weltkrieg immer "ach so" gerufen sobald Sie etwas verstanden, oder "uaaaa" von den Amerikanern, wenn diese "wow" sagten. Die Neapolitaner machen alles was Ihnen gefällt zu Ihrem Eigentum, im neapolitanischen findet man viele Wörter, die ursprünglich aus anderen Sprachen kommen, und mittlerweile hat die UNESCO diese als eigene Sprache erklärt und es werden weltweit Sprachkurse angeboten.
Heute piepst ständig mein Handy und beim nachschauen finde ich auch Nachrichten von Typen, die ich schon länger nicht gehört habe. Ich frag mich immer, warum die sich immer dann melden, wenn man erstmal kein Interesse mehr hat, aber das ist ja ein bekanntes Phänomen.
Auch der Herr findet zwischendurch Zeit um mir zu schreiben und ehrlicherweise fühle ich mich sehr verliebt. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange das her ist, daß sich jemand so ins Zeug wirft, irgendwie unglaublich und es sollten alle Alarmglocken schrillen, aber andererseits fühlt sich das so gut an, daß ich es einfach auf mich zukommen lassen will. Schließlich bin ich ja Optimist.
Da piepst auch schon wieder mein Handy, diesmal der Messenger. Oh je, da schreibt mir jemand, daß ich schon zum dritten mal abgelehnt hab mit Ihm einen Kaffee zu trinken und daß er deshalb auch nichts mehr mit mir zu tun haben will. Ich fange an laut zu lachen und meine Begleitung will wissen was passiert ist, ich muß weiterhin so lachen, daß ich Ihr mein Handy weiterreiche und meiner Begleitung ist aber gar nicht nach lachen, sondern Sie fängt an zu schimpfen. Was er sich denn einbildet, ob er mal in den Spiegel geschaut hätte und überhaupt, verheiratet ist er und seine Tochter haben wir auch schon kennengelernt und überhaupt, warum wir Frauen denn nicht ablehnen können ohne uns danach noch beschimpfen lassen zu müssen, wir können doch wohl selbst entscheiden. Sie ist wirklich sauer.
Also, das muß ich jetzt erklären glaub ich. Diesen Typ haben wir hier am Meer bereits letztes Jahr kennengelernt. Ein kleiner untersetzter Mann mit einem Bauch, Glatze und knapp über fünfzig Jahre alt. Am Anfang wurde so über Gott und die Welt gesprochen und er schien ganz nett zu sein, obwohl mir mein Gefühl irgendwie schon mitteilte, daß irgendwas mit Ihm nicht stimmt. Kurz darauf war dann auch mal seine Tochter da, ein nettes sehr hübsches Mädchen, daß wir uns sogar gefragt haben, wie das möglich sei. Gut, irgendwann hat er uns beide mal zum Kaffee eingeladen, wir lehnten aber beide ab. Damals wußte ich noch nicht, daß diese Einladung zum Kaffee tatsächlich eine Anmache war, hatte er uns ja erzählt, daß er verheiratet ist.
Auch wenn das natürlich nichts zu bedeuten hat. Na ja, irgendwann erzählte er uns dann sogar, daß er immer wieder mal Affären hat, aber auch das hat mich nicht weiter aus der Fassung gebracht, schließlich kann jeder machen was er will, auch wenn ich selbst eine andere Meinung dazu habe.
Das auch das schon eine weitere Anmache war, hab ich irgendwie nicht geschnallt. Ich bin halt der Typ für klare Worte. Tja, das hatte der wohl dann irgendwann auch kapiert, bis er mir dann unmißverständlich klar machte, daß er an mir interessiert ist und mich fragte ob er mich küssen dürfe, was ich natürlich freundlich aber deutlich ablehnte.
Irgendwie dachte ich, ok, das wars dann jetzt endlich, aber nein, er fragte ein paar Wochen später nochmal, ob ich mit Ihm einen Kaffee trinke, was ich wieder ablehnte. Das ist aber jetzt wieder ein paar Wochen her, warum auf einmal diese Nachricht ?
Meine Begleitung hat sich beruhigt und da fragt Sie mich auch schon, ob ich denn die Tage mit einem Typ hier war. Klar, immer wieder mal, der letzte war mein Freund aus London. Er ist gay und wirklich zuckersüß, noch dazu kuschelig, er muß uns wohl gesehen haben.
Meine Begleitung regt sich wieder auf und da kommen wir auf das Thema "Gewalt gegen Frauen", daß hier in Italien tatsächlich noch ein großes Thema ist. Es gibt ganze Fernsehformate darüber, die über nichts anderes sprechen, als darüber wie Männer Ihre Freundinnen und Ehefrauen mißhandeln, unterdrücken und sogar letzendlich umbringen. Es gibt immernoch Männer, die meinen, daß Frauen Ihr Eigentum seien und hört man sich hier um, gibt es wenige Frauen, die nicht auf irgendeine Art und Weise schon Erfahrungen dahingehend gemacht haben. Wirklich traurig.
Sie erzählt mir daraufhin von einer Ihrer Freundinnen und ich frage mich tatsächlich, warum Frauen sich so behandeln lassen, aber ja, es liegt an der Erziehung. Sogar meine Mutter äußerte vor meinem letzten Freund, daß ich mich Ihm unterzuordnen hätte, als sie zufällig bei einem Streit dabei war.
Ich war so geschockt und traurig zu gleich darüber, daß sie sich noch nicht mal die Mühe machte erstmal zu hören, worum es bei diesem Streit ging, daß ich mich noch heute darüber aufrege.
Mein Handy piepst und bevor sich mein Akku verabschiedet lese ich noch, "principessa, liegst du noch in der sonne ?"
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