Mittwoch, 21. September 2016

Politik und die Männer

 heute habe ich so gar keine Lust meine geliebten Steine schon früh zu verlassen und so bleibe ich einfach noch liegen. Zur späteren Nachmittagszeit kommen doch einige noch auf die Steine um in der Sonne abzuhängen und so wird es jetzt noch ganz schön wuselig.
Manche von Ihnen haben sich nicht wie ich nur ein Baguette mitgebracht sondern eine ganze Kühltasche voll mit allen möglichen kulinarischen Spezialitäten. Sie bieten auch mir immer wieder an, dies oder jenes zu probieren, daß ich am Anfang erstmal ablehne um dann schließlich doch mit Ihnen zu essen und zu trinken. Natürlich wird dabei auch gequatscht und so kommt es, daß wir über Frau Merkel sprechen, denn die ist hier überhaupt nicht gern gesehen. Lustig finde ich, daß ich doch tatsächlich gefragt werde, warum Sie eigentlich immer wieder gewählt wird, worauf ich nur grinsend antworte, daß ich mich das auch immer bei Berlusconi gefragt hätte. Ich jedenfalls hätte in beiden Ländern anders gewählt.

Wir lachen alle gemeinsam und so fange ich an zu erzählen, was in Deutschland gerade los ist. Als ich Ihnen über die aktuellen Schwierigkeiten erzähle, kommt erst einhellig die Meinung, daß das alles nicht so schlimm sein kann wie in Italien, aber umso mehr ich erzähle umso mehr wird klar, daß es um Deutschland nicht viel besser bestellt ist als hier. Letzendlich werden wir uns einig, daß wir in Italien wenigstens noch ein super Klima und leckeres Essen haben. Schaut man genauer, fällt auf, daß die Angestellten hier viel mehr Rechte haben als in Deutschland, was ja vor Jahren mit Hartz IV abgeschafft wurde. Sogar das Gesundheitssystem funktioniert hier besser als in Deutschland, man ist hier nicht Patient zweiter Klasse, auch wenn Renzi natürlich kürzen will und man hier noch kämpft, daß das nicht geschieht.
Es kommt halt immer auf den Blickwinkel und auf den eigenen Charakter an. Immer wieder stelle ich fest, daß die Italiener, das Ordentliche und Organisierte in Deutschland schätzen, während ich hier gerade, das chaotische und eben nicht stur den Regeln folgende, super finde. Ich empfinde Deutschland oft zu reglementiert und das Sicherheitsdenken schränkt einen nicht nur persönlich ein sondern auch die ganze Gesellschaft. Die Tatsache, daß man hier, gerade, weil eben nichts sicher ist, mehr in den Tag hineinlebt, gefällt mir persönlich am besten. Man kann nicht alles planen und gerade das, finde ich super, das zeigt sich auch schon in Kleinigkeiten. Ich habe hier in Napoli noch nie jemanden auf der Straße mit einem "Coffee to go- Becher" gesehen. Die fünf Minuten, um mal eben ein Schwätzchen an der Theke einer Bar zu halten und einen super Kaffee zu trinken, nimmt man sich hier einfach.
Auch stimmt einfach gar nicht, daß in Süditalien nicht gearbeitet wird, ganz im Gegenteil, die Jobs hier sind so schlecht bezahlt, daß viele sogar mehrere Jobs haben, also wie in Deutschland auch.
Das einzige was man nicht vergleichen kann, ist die Küche, denn die ist hier wie eine eigene Religion. Wenn man bedenkt, daß hier alle Milch- und Fleischprodukte teurer sind und trotzdem viel gegessen wird, während einige in Deutschland mehr Geld für Hundefutter als für Ihr eigenes Fleisch ausgeben, da spätestens merkt man doch wie unterschiedlich das ist. Man spart hier an allem, aber nicht an Lebensmitteln, auch wenn  Obst und Gemüse tatsächlich noch günstiger sind, aber hier wächst bei diesem Klima ja auch alles. Letzten Winter hat es hier nur fünf Tage gegeben, wo es mal um die null grad kalt war, ansonsten waren es um die zehn grad und sehr oft auch wärmer. An Heiligabend bin ich sogar in Shirt und Shorts bei über zwanzig Grad aus Neapel raus um dann bei meiner Mutter im Bergdorf den Kälteschock abzukriegen. Das Klima beeinflußt doch sehr viel, auch die Gemütslage der Menschen. Dieses überschäumende fröhliche und positiv sein ist hier Alltag und letzendlich auch richtig, es geht ja immer irgendwie weiter.

Jetzt haben wir hier doch so viel Zeit verbracht, dass ich zu allem Überfluß auch noch einen super schönen Sonnenuntergang mitbekomme, so einen roten Himmel habe ich schon lange nicht mehr gesehen und genieße diesen bis zum Schluß.
Ich verabschiede und bedanke mich für alles um dann entspannt und happy nach Hause zu laufen. Dort angekommen stöpsel ich sofort mein Handy an den Stromkabel und schon werden auch einige Nachrichten eingeblendet. Ich wurde tatsächlich schon vermißt, von meinem Herrn, der mich unbedingt treffen will und mich nach Potenza zu sich einlädt fürs kommende Wochenende, aber vor allem von meiner "Tomb Raider- Freundin", die mich fast anfleht mich sofort zu melden.
Ich rufe Sie an und wir verabreden uns für Piazza Bellini, Sie hat heute das dringende Bedürfnis sich zu besaufen. Oh je, ich ahne schon worum es geht, also springe ich unter die Dusche, freue mich über die Einladung zum Wochenende und denke nur, wie gut, daß ich schon ordentlich gegessen habe, denn das wird heut auf jedenfall noch spät und sehr feucht.
Ich bin kaum aus der Dusche raus, da klingelt auch schon mein Handy und mein Herr ruft an. Ich schalte den Lautsprecher ein, denn schließlich muß ich mich noch abtrocknen usw. und Tomb Raider wartet ja auch auf mich.
Ob ich schon nach den Zügen geschaut hätte werde ich gefragt, ich fühle mich ein wenig ertappt, denn ich hatte ja noch gar keine Zeit nachzusehen, wie gut, daß mir einfällt, daß ich ja noch gar nicht weiß, wie er am Wochenende arbeiten muß und stelle so eine Gegenfrage um Ihm aber auch direkt mitzuteilen, daß ich mit Tomb Raider verabredet bin und ich springen muß. Ein Glück, daß auch er schon unterwegs ist und mir doch nur erzählen wollte, daß er in Laurenzana in unserer Bar ist um dort ein Konzert zu sehen und mein Cousin natürlich auch da ist. Wir beschließen uns später zu hören und ich beeile mich um fertig zu werden.
Auf dem Weg zu Piazza Bellini, beantworte ich noch per Voicemail einige weitere Nachrichten und gönne mir noch schnell ein leckeres Eis, da treffe ich zufällig auf meinen Nachbarn, den ich kurzerhand einfach mitnehme. Ich weiß, daß er auf Tomb Raider abfährt und so hoffe ich die Situation ein wenig zu verändern.
Als wir dort ankommen ist Tomb Raider überrascht, aber in der Zwischenzeit haben sich bei mir auch noch mein Busenfreund und sein Freund gemeldet, die auch noch dazukommen wollen, was ich Ihr erstmal verschweige. Wir setzen uns an einen Tisch und trinken erstmal einen Aperol Spritz und man bekommt den Eindruck, daß Sie sich entspannt. Kurz darauf stoßen auch schon die anderen zwei dazu und irgendwie wird es doch eher eine ruhige Runde und nicht wie ich vermutet hatte, laut und anstrengend. Mein Telefon klingelt und der Herr will mich wohl sprechen, ich stehe kurz auf und entschuldige mich um kurz mit Ihm zu quatschen und er zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, er scheint sich mehr zu amüsieren als wir, quatscht er doch ununterbrochen auf mich ein, so daß ich kaum zu Wort komme. Meine Erfahrung sagt mir, daß er wohl schon einige Drinks hatte, kenn ich das doch von allen meinen Ex-Männern. Ich lasse Ihn turteln und wende kurz meinen Blick zum Tisch hinüber, wo ich auf einmal mehr Action sehe als zuvor, auch wenn ich noch nicht genau sehen kann ob negativ oder positiv.
Der Herr am Telefon will gar nicht mehr aufhören zu turteln und auch wenn es mich freut, will ich doch jetzt lieber das Tischgespräch verfolgen und so versuche ich vorsichtig den Herrn am Telefon auf später zu verschieben, was mir auch gelingt.
Ich komme zum Tisch zurück und mit den ersten Worten, die ich höre, wird mir klar es geht um mein Lieblingsthema. Männer !!! und wie blöd diese im Moment sind. Tomb Raider redet wie ein Wasserfall auf die Jungs ein, daß Sie doch keine echten Männer mehr seien und zu Müttersöhnchen verkommen. Sie treffen keine Entscheidungen mehr, es wird nur noch virtuell geflirtet und noch nicht mal mehr zu einfachem Sex wären Sie zu haben, so lustlos wären Sie mittlerweile schon. Die Jungs antworten, daß die Schuld bei den Frauen zu suchen wäre, schließlich müßte man viel zu viel machen um überhaupt ran zu dürfen, und überhaupt wäre alles zu kompliziert, man würde viel mehr die ausländischen Frauen schätzen, die doch umso einiges entspannter und einfacher wären.
Alle starren mich an, aber klar, ich bin ja die Deutsche !
Ich fange an zu lachen, denn ich weiß ja, was die von mir hören wollen. Also erzähle ich erstmal, daß wenn man im Urlaub ist, man sogar nach dem Abenteuer sucht, schließlich ist man ja entspannt. Umso mehr ich rede, umso mehr wird klar, daß diese Unterschiede zwischen den Ländern zwar noch vorhanden sind, aber immermehr verschwimmen. Diese klassischen Vorurteile treffen einfach nicht mehr so zu. Dafür stellt man fest, daß sich einfach die Geschlechterrollen insgesamt sehr verändert haben. Männer wie Frauen sind heutzutage vorsichtiger und wollen sich gar nicht mehr auf das andere Geschlecht einlassen, ob aus Angst zu leiden, oder aus purem Egoismus ist nicht ganz klar. Fakt ist, daß für uns Frauen es generell einfach ist jemanden abzuschleppen, und auch für die Männer ist es einfacher geworden, die sexuelle Befreiung der Frau hilft da natürlich, auch wenn es in dieser Gesellschaft immernoch nicht gern gesehen wird, und hier in Süditalien schon gar nicht, daß eine Frau dasselbe macht wie ein Mann. Als Frau wird man hier sofort abgestempelt und da zeigt sich sofort diese Doppelmoral, wenn die Ausländerin leicht zu haben ist, ist das super, aber eine Landsfrau darf nicht leicht zu haben sein. Man weiß gar nicht mehr, wie man sich verhalten soll. Geht man die erste Nacht schon mit, ist eigentlich schon klar, daß daraus nichts werden kann, wenn man Pech hat, gibt der Typ noch damit an und die ganze Stadt weiß Bescheid. Geht man nicht mit, ist man mal mindestens schwierig wenn nicht sogar verklemmt. Wird man als schwierig gesehen, kann man damit rechnen, daß er es nochmal probiert.
Tja, ich dagegen habs doppelt schwer, denn Sie können mich nicht einschätzen, Sie verstehen mein Verhalten nicht, denn ich bin Deutsche und gleichzeitig aber nun auch eine, die hier lebt. Doppeltes Dilemma.
Ich entscheide spontan, daß wir viel zu wenig getrunken haben und bestelle die erste Runde Amaro für alle, schließlich sind wir ja nicht zum Spaß da.
Das finden natürlich alle lustig und typisch deutsch und so wird aus einer Runde schnell mehrere Runden und schon werden auch die lustigsten Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht erzählt.
Die Zeit vergeht wie im Flug und es ist auch schon wieder drei Uhr nachts, als wir beschließen nach Hause zu müssen. Mit einem Grinsen im Gesicht laufen Tomb Raider und ich nach Hause. An Piazza Dante vorbei, kann ich nicht anders als mit meinen Männern in Uniform zu flirten, ich habe noch nie erlebt, daß nicht wenigstens einer von denen hübsch ist, oft sind mehrere gutaussehend, aber Tomb Raider findet das gar nicht lustig und zieht mich einfach weg. Mit Männern in Uniform flirtet man einfach nicht, sagt Sie und hält mir eine Standpauke.

Freitag, 16. September 2016

ngopp´ scogl´

 und wie ich immernoch in der Sonne brate. Im Moment hab ich so das Bedürfnis nach Sonne, daß ich einfach länger bleibe als sonst. Mittlerweile hab ich mir den neapolitanischen Stil angewöhnt und nach maximal drei Stunden verlasse ich meine Steine. Heute hab ich mir mein Lieblingsessen mitgenommen und Wasser habe ich auch noch, also bleibe ich noch eine Weile und ziehe mir erstmal meinen Hut über den Kopf. Ich liege rum und konzentriere mich auf die Wellen, so nehme ich nach kurzer Zeit noch nicht mal mehr mein schwätzendes Umfeld war, aber ich höre ganz leise Musik, "se bruciasse la città" von Massimo Ranieri. Ein Song aus dem Jahr 1971, den ich fast komplett mitsingen kann. Dieser Sänger lebt noch und er stammt aus Neapel, genauer aus dem Pallonetto di Santa Lucia, also aus meiner Nachbarschaft. Dieser Schmachtsong enthält alle Elemente wie Dramatik, Leidenschaft, Leid und Sehnsucht und allein dieser Text ist schon so hinreißend, untermalt mit dieser Melodie, die auch alles enthält, einfach nur herzzerreißend. Ach, nicht zu vergessen, daß er damals für meinen Geschmack ein echt hübscher Mann war.
https://www.youtube.com/watch?v=4zGcYkdRBSU
Ich genieße diesen Song und träume so vor mich hin, dabei denke ich auch nochmal an unsere Unterhaltung von vorhin und frage mich ernsthaft, was stimmt in diesem Land bloß nicht. Wie kann es sein, daß bei so viel Liebe auch so viel Leid zu spüren ist. Warum hat die Kirche immernoch so einen großen Einfluß auf diese Menschen hier und das im Jahr 2016 ? Gut, auch andere, extremere Religionen gewinnen immermehr Gläubige, was ist bloß los in dieser Welt, doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, werde ich auch schon angesprochen, trotz Hut und sogar mit Namen. Ich schaue kurz hoch und sehe Ihn vor mir stehen. Ich nenne Ihn immer Valentino, weil er dem Designer Valentino zumindest mit der gleichen Hautfarbe total ähnlich sieht, diesem gegerbten gelborange, dazu trägt er seine Haare, zumindest das was übrig geblieben ist, auffällig lang in undefinierbarem gelbblond,denn er hat einen Hubschrauberlandeplatz, auch gelborange gebräunt, und blaue Augen. Ja, blaue Augen sieht man hier viel, besonders in der Kombination mit dunklen Haaren.
Zu meinem Leid ist er von Beruf Friseur und jedesmal wenn wir uns treffen, faßt er meine Haare an und fragt mich, wann er Sie endlich mal schneiden darf.
Ihr müßt wissen, die neapolitanischen Frauen legen sehr viel Wert auf Ihre Haare. Ich habe noch nie so viele Friseursalons auf kurzer Distanz gesehen wie hier, denn, die Frauen gehen sogar zum Waschen und Legen zum Friseur, denn sie lassen sich die Haare glattföhnen und mit Glätteisen und anderen Treatments kämpfen Sie gegen jede Locke.
Ich selbst hab feines, sehr trockenes Haar, lang und naturgewellt und ich föhne nie. Ist die Luftfeuchtigkeit was höher, krausen sie sich seltsam und besonders an den Geheimratsecken bilden sich dann so kleine Hörner, daß ich wie ein Teufelchen aussehe und damit spätestens für viele unbedingt zum Friseur muß.
Ich kämpfe seitdem ich hier bin für meine Haare und verteidige sie gegen meine Freunde und auch gegen diesen Friseur. Ich mag meine Haare und ich finde, daß Sie meine Persönlichkeit widerspiegeln. Ich bin halt wild und unzähmbar und das strahlen wenigstens meine Haare aus, denn kleidungstechnisch bin ich sehr simpel und fast nur schwarz gekleidet, aber auch das wird nicht gern gesehen und ständig kritisiert.
Wie gut, daß ich heute liege und meine Haare unter meinem Hut begraben sind, doch trotzdem werde ich gefragt, wann ich denn mal kommen will.
Ich antworte wie immer freundlich und bestimmt, daß ich meine Haare so mag und nicht kommen werde, daraufhin lacht er und schmunzelt so vor sich hin, daß er eigentlich nur das gerne hören will, auch wenn er es nicht versteht, ich könnte doch soviel besser aussehen. Ich sag nur, noch besser ?, ich hab doch auch so schon genug Verehrer und fange an zu lachen. Er lacht mit mir mit und fragt dann natürlich prompt, wo denn dann mein Angebeteter ist und ich kann Ihm endlich mal antworten, wo dieser steckt, nämlich in Potenza.
Wir quatschen noch ein wenig Unsinn bevor er mich verläßt um sich im Meer abzukühlen.
So langsam bekomme ich Hunger und so packe ich mein Mortadellabaguette aus und beiße hinein, da begrüßt mich auch schon der nächste.
Oh nein, wie unangenehm, aber zu meiner Überraschung nimmt er nicht neben mir Platz sondern zieht ein paar Steine weiter.
Dieser Typ ist eigentlich nicht mein Beuteschema, aber er sieht verdammt gut aus, ist durchtrainiert, hat dunkelblonde Haare und blaue Augen und ist grad mal fünfundzwanzig Jahre alt. Ihn hab ich hier durch andere kennengelernt und nach einigen Unterhaltungen hat er mich dann nach meiner Nummer gefragt. Die Einladung zum Kaffee kam auch relativ zügig und so hab ich dann nach ein paar Bedenken und Ausreden eines Abends doch mal zugesagt. Wir treffen uns auf Piazza Bovia, die im Volksmund Piazza Borsa heißt, weil dort tatsächlich die Handelsbörse zu finden ist. Diese Piazza liegt an der Via Umberto und diese ist eine lange breite Prachtstraße, die direkt zu Piazza Garibaldi und zum Hauptbahnhof führt. Sie war jahrelang verschmäht worden, doch so langsam werden die alten tollen Gebäude restauriert und saniert und man findet neben der Universität auch noch ein super Hotel und vieles anderes in dieser Straße.
Nun gut, der Typ kommt mit einem Auto, daß ein rumänisches Kennzeichen hat und nach einem wohl komischen Blick von mir erklärt er mir dieses Phänomen. Die Auto- und Rollerversicherungen sind hier in Neapel um das fünffache teurer als z.B. in Mailand, weil immernoch behauptet wird, daß hier viel gestohlen und getrickst wird, obwohl die Zahlen mittlerweile belegen, daß dies überhaupt nicht der Wahrheit entspricht, ganz im Gegenteil, in Mailand werden viel mehr Diebstähle und Unfälle angezeigt als hier. Er zahlt diese Versicherung einmal jährlich an einen Typen und er hat auch noch den Vorteil, daß er sämtliche Knöllchen nicht bezahlen muß, weil Sie einfach nie bei Ihm ankommen. "Furbo" sagt er, daß heißt so viel wie schlau oder eher link, na ja, genau die Eigenschaft, die jedem Neapolitaner nachgesagt wird und deshalb hier auch nichts funktioniert, weil jeder denkt, er wäre schlauer als der nächste.
Ich muß als Deutsche natürlich widersprechen und erkläre Ihm warum Ich das nicht für schlau halte, aber mit seinem Grinsen vergeht mir erstmal diese Diskussion und wir fahren auch schon los.
Er bringt mich zu einer Bar und wir trinken tatsächlich einen Kaffee, denn er trinkt keinen Alkohol und auch sonst achtet er auf seine Ernährung und erzählt mir, wie und wo er sich sein gutes, in meinen Augen langweiliges, Essen besorgt, im Bioladen. Ich gebe zu, in Berlin hab ich auch dort eingekauft, aber weil das Gemüße dort wirklich besser war, aber hier ?
Ich habe so langsam meine Zweifel, ob dieses Treffen wirklich eine gute Idee war, will aber nicht der Spielverderber sein, also ignoriere ich das und lasse mich bereitwillig auf eine Spritztour ein, wo er mir ein paar Ecken der Stadt zeigt, die ich zwar schon kenne bis er dann auf einen Parkplatz fährt. In dem Moment fallen mir die Feldwege in Laurenzana ein, die doch soviel sympatischer sind und ich denk nur, ok, schauen wir mal was passiert.
Wir quatschen noch, doch er lenkt das Gespräch ganz klar in eine Richtung. Er will Sex und fragt mich, was mir denn so gefällt. Ich bin ein wenig überrascht über diese Herangehensweise und bevor ich weiter nachdenken kann schiebt er mir auch schon seine Zunge gegen meine Zähne. Ich weiche zurück und würd am liebsten fragen, wer Ihm bloß das Küssen beigebracht hat oder auch nicht. Er probierts einfach nochmal und es wird nicht besser. Ich bremse Ihn und denke schon wieder, wie wird wohl der Rest sein, wenn das knutschen schon nicht funktioniert. Ok, ich bin ja älter, vielleicht will er ja was lernen, also gebe ich Ihm noch eine Chance und ich versuche Ihm so schonend wie möglich zu zeigen, wie ich es gern mag, aber er ist einfach resistent gegen meinen Verbesserungsvorschlag und so fange ich nun wirklich an zu schwitzen, wie ich nun bloß aus dieser Nummer rauskomme.
Ich erzähle Ihm, daß ich einfach noch nicht bereit wäre, schiebe die Ausrede mit meinem Ex dazwischen, daß ich angeblich noch nicht überwunden habe, und hoffe, daß er von mir abläßt.
Er ist sichtlich angefressen und sagt mir, daß er von mir, weil ich doch soviel älter bin, was anderes erwartet hat und fragt mich, ob es denn an Ihm liegen würde. Ich würde so gerne ja sagen, lasse es aber, schließlich will ich ja noch heile nach Hause kommen. Er hatte sich vorgestellt, daß ich eine nimmersatte Liebesdienerin wäre, nicht verklemmt, weil ich ja eine Deutsche bin, und deshalb ist er jetzt auch so enttäuscht. Ich sollte es aber beim nächsten Mal wieder gutmachen und ich aber weiß schon jetzt, daß es kein nächstes Mal geben wird. Interessant wie man deutsche Frauen einschätzt, darüber muß ich wohl noch mehr Informationen sammeln.
Immerhin fährt er mich noch zurück, auch wenn er mich am liebsten auf dem Parkplatz zurückgelassen hätte. Ich bin halbwegs froh und freue mich nur noch auf zu Hause.
Wieder einmal habe ich erfahren müssen, daß man niemals gegen sein Bauchgefühl handeln sollte. NIEMALS !

Donnerstag, 15. September 2016

ab ans Meer

 nach einem so ereignisreichen Wochenende hab ich heute das Bedürfnis ans Meer zu gehen und in der Sonne zu braten. Ich werfe einen Blick auf meinen Vesuv und der strahlende Himmel verspricht mir einen geeigneten Tag dafür. Ich schlüpfe in meinen Bikini, packe meine Tasche und ziehe mir ein Kleid über. Ich habe einen kurzen Weg und brauche nur zehn Minuten um an meiner Lieblingsstelle in der Sonne zu liegen. Ich wohne direkt hinter der Kirche von Piazza Plebiscito und wohne hier an der Grenze zu zwei Quartieren, Monte di Dio, das ehemalige Adeligenviertel und dem Pallonetto di Santa Lucia, das angrenzend zum Lungomare, also an der großen Promenade am Meer entlang liegt.
Wir liegen auf einem kleinen Hügel und so laufe ich durch eine schmale Gasse, langgezogene Treppen hinab und am typischen neapolitanischem Leben vorbei, wo Kinder fast nackt auf der Gasse spielen, Omas und Opas auf Stühlen in der Sonne sitzen und an drei kleinen Tante Emma- Läden vorbei, die alle drei unterschiedliche Waren anbieten. Beim Salumiere halte ich kurz an um mir eine Art Baguettebrot mit frischer Mortadella mitzunehmen und natürlich ein kleines Schwätzchen zu halten. Im Moment ist keine Fußballliga, also quatschen wir kurz über meinen Ausflug nach Laurenzana, hat er mich doch seit ein paar Tagen nicht gesehen.
Ich laufe weiter und unten angekommen, springe ich noch in einen Laden, der tiefgefrorenes verkauft. Hier findet man Fisch, Fleisch, Gemüse usw. und auch meine große Flasche Wasser, wohlgemerkt tiefgefroren, so habe ich für die nächsten paar Stunden kaltes Wasser. Hier in der Via Santa Lucia gibts wundervolle alte Gebäude und alle paar Meter bekommt man den Blick frei direkt aufs Meer. Ich freu mich schon so, es kommt auch eine Freundin, die schon ganz gespannt ist auf meine Geschichten.
Die Promenade ist hier von großen Steinen gesäumt mit wenigen Stellen, wo man auch auf dem dunklen Vulkansand liegen kann. Ich selbst mag lieber die Steine und meine Lieblingsstelle ist die beim Castello dell´Ovo, wo man über eine kleine Mauer steigt und dann dort die wunderbare Aussicht hat auf die wunderschönen bebauten Hügel. Ich liebe diese Aussicht auf die Burg, die Häuser, den Booten und Jachten, das hat für mich was beruhigendes und mondänes zu gleich. Ab und an, sind auch die Spieler vom SSC Napoli auf den Jachten zu entdecken oder andere VIPs, aber ich finde viel spannender die Leute aus dem einfachen Volk um mich zu haben und wenige Touristen.
Wenn wir da zu zweit liegen, kommt es seltener vor, daß wir angesprochen werden, außer man kennt sich schon. Liege ich dort allein quatscht einen ständig jemand an und je nachdem, lasse ich mich darauf ein, außer es handelt sich um einen hübschen Neapolitaner, da kommt die Lust von ganz allein.Wenn ich mal wirklich keinen sprechen mag, ziehe ich mir meinen großen Schlapphut über und das funktioniert eigentlich ganz gut.
Ich laufe zu unserem Lieblingsstein weiter und sehe, daß meine Freundin noch gar nicht da ist, höre aber dann auch schon mein Handy. Es ist nicht meine Freundin, sondern mein Herr. Er begrüßt mich mit "buongiorno principessa" und den Worten, daß er mir einfach schreiben muß. Ich freue mich und mache erstmal ein Foto von meiner Aussicht um Ihm diese zu schicken. Er antwortet, daß er neidisch ist und verschlossen in seinen vier Wänden arbeitet. Bei Ihm regnets. Das tut mir natürlich leid, aber die Basilicata ist wettertechnisch wie das Siegerland, nur extremer.
Endlich kommt auch meine Begleitung und bevor ich Sie begrüßen kann fängt Sie auch schon an mich auszufragen. Ich erzähle Ihr also die ganze Geschichte und Sie unterbricht mich immer wieder mal mit "u ver", was "jetzt ehrlich" bedeutet, bevor ich dann weiter erzählen kann. Wir kichern vor uns hin und jedesmal wenn Sie "u ver" sagt, muß ich lachen. Ich liebe die neapolitanische Sprache und es gibt so eine paar Ausdrücke, die ich über alles liebe, wie z.B. auch "azz", das sogar aus dem deutschen kommt, hatten doch die deutschen Soldaten während der Besetzung im zweiten Weltkrieg immer "ach so" gerufen sobald Sie etwas verstanden, oder "uaaaa" von den Amerikanern, wenn diese "wow" sagten. Die Neapolitaner machen alles was Ihnen gefällt zu Ihrem Eigentum, im neapolitanischen findet man viele Wörter, die ursprünglich aus anderen Sprachen kommen, und mittlerweile hat die UNESCO diese als eigene Sprache erklärt und es werden weltweit Sprachkurse angeboten.

Heute piepst ständig mein Handy und beim nachschauen finde ich auch Nachrichten von Typen, die ich schon länger nicht gehört habe. Ich frag mich immer, warum die sich immer dann melden, wenn man erstmal kein Interesse mehr hat, aber das ist ja ein bekanntes Phänomen.
Auch der Herr findet zwischendurch Zeit um mir zu schreiben und ehrlicherweise fühle ich mich sehr verliebt. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange das her ist, daß sich jemand so ins Zeug wirft, irgendwie unglaublich und es sollten alle Alarmglocken schrillen, aber andererseits fühlt sich das so gut an, daß ich es einfach auf mich zukommen lassen will. Schließlich bin ich ja Optimist.
Da piepst auch schon wieder mein Handy, diesmal der Messenger. Oh je, da schreibt mir jemand, daß ich schon zum dritten mal abgelehnt hab mit Ihm einen Kaffee zu trinken und daß er deshalb auch nichts mehr mit mir zu tun haben will. Ich fange an laut zu lachen und meine Begleitung will wissen was passiert ist, ich muß weiterhin so lachen, daß ich Ihr mein Handy weiterreiche und meiner Begleitung ist aber gar nicht nach lachen, sondern Sie fängt an zu schimpfen. Was er sich denn einbildet, ob er mal in den Spiegel geschaut hätte und überhaupt, verheiratet ist er und seine Tochter haben wir auch schon kennengelernt und überhaupt, warum wir Frauen denn nicht ablehnen können ohne uns danach noch beschimpfen lassen zu müssen, wir können doch wohl selbst entscheiden. Sie ist wirklich sauer.
Also, das muß ich jetzt erklären glaub ich. Diesen Typ haben wir hier am Meer bereits letztes Jahr kennengelernt. Ein kleiner untersetzter Mann mit einem Bauch, Glatze und knapp über fünfzig Jahre alt. Am Anfang wurde so über Gott und die Welt gesprochen und er schien ganz nett zu sein, obwohl mir mein Gefühl irgendwie schon mitteilte, daß irgendwas mit Ihm nicht stimmt. Kurz darauf war dann auch mal seine Tochter da, ein nettes sehr hübsches Mädchen, daß wir uns sogar gefragt haben, wie das möglich sei. Gut, irgendwann hat er uns beide mal zum Kaffee eingeladen, wir lehnten aber beide ab. Damals wußte ich noch nicht, daß diese Einladung zum Kaffee tatsächlich eine Anmache war, hatte er uns ja erzählt, daß er verheiratet ist.
Auch wenn das natürlich nichts zu bedeuten hat. Na ja, irgendwann erzählte er uns dann sogar, daß er immer wieder mal Affären hat, aber auch das hat mich nicht weiter aus der Fassung gebracht, schließlich kann jeder machen was er will, auch wenn ich selbst eine andere Meinung dazu habe.
Das auch das schon eine weitere Anmache war, hab ich irgendwie nicht geschnallt. Ich bin halt der Typ für klare Worte. Tja, das hatte der wohl dann irgendwann auch kapiert, bis er mir dann unmißverständlich klar machte, daß er an mir interessiert ist und mich fragte ob er mich küssen dürfe, was ich natürlich freundlich aber deutlich ablehnte.
Irgendwie dachte ich, ok, das wars dann jetzt endlich, aber nein, er fragte ein paar Wochen später nochmal, ob ich mit Ihm einen Kaffee trinke, was ich wieder ablehnte. Das ist aber jetzt wieder ein paar Wochen her, warum auf einmal diese Nachricht ?
Meine Begleitung hat sich beruhigt und da fragt Sie mich auch schon, ob ich denn die Tage mit einem Typ hier war. Klar, immer wieder mal, der letzte war mein Freund aus London. Er ist gay und wirklich zuckersüß, noch dazu kuschelig, er muß uns wohl gesehen haben.
Meine Begleitung regt sich wieder auf und da kommen wir auf das Thema "Gewalt gegen Frauen", daß hier in Italien tatsächlich noch ein großes Thema ist. Es gibt ganze Fernsehformate darüber, die über nichts anderes sprechen, als darüber wie Männer Ihre Freundinnen und Ehefrauen mißhandeln, unterdrücken und sogar letzendlich umbringen. Es gibt immernoch Männer, die meinen, daß Frauen Ihr Eigentum seien und hört man sich hier um, gibt es wenige Frauen, die nicht auf irgendeine Art und Weise schon Erfahrungen dahingehend gemacht haben. Wirklich traurig.
Sie erzählt mir daraufhin von einer Ihrer Freundinnen und ich frage mich tatsächlich, warum Frauen sich so behandeln lassen, aber ja, es liegt an der Erziehung. Sogar meine Mutter äußerte vor meinem letzten Freund, daß ich mich Ihm unterzuordnen hätte, als sie zufällig bei einem Streit dabei war.
Ich war so geschockt und traurig zu gleich darüber, daß sie sich noch nicht mal die Mühe machte erstmal zu hören, worum es bei diesem Streit ging, daß ich mich noch heute darüber aufrege.
Mein Handy piepst und bevor sich mein Akku verabschiedet lese ich noch, "principessa, liegst du noch in der sonne ?"

Mittwoch, 7. September 2016

der Wahrheit auf der Spur

 was ein furchtbarer Absturz ! Ich gebe zu, trinken sollte man nur, wenn es einem gut geht, denn Alkohol verstärkt ja die Gemütslage. 
Nachdem wir also von gackernden Hühnern geweckt wurden, brauchten wir eindeutig erstmal einen Kaffee und was zu essen. Am Weg nach Hause hielten wir in der ersten Bar in der Serpentinenstraße an, die auch die erste Bar ist an dieser Straße und wenige Meter von meiner Mutter entfernt. Ich bin eigentlich gar kein Kaffeetrinker, was natürlich in Deutschland alle komisch finden und mit dem Spruch begleitet wird,daß ich doch Italienerin bin, genauso wie in Italien alle sagen, " wie Du magst kein Bier ? Du bist doch Deutsche ! "
Wir bestellen einen Espresso, der hier nur Caffè heißt und für mich einen Cappuccio, also einen Cappuccino. Anscheinend hat keiner eine Vermißtenanzeige für uns aufgegeben, denn wir werden nicht wirklich beachtet. Still trinken wir unsere Getränke und gönnen uns noch jeweils einen Cornetto mit Crema.
Zu unserer Oma will mein Cousin nicht mit, er meint sogar, vielleicht wäre ein Gespräch unter Frauen besser. Wir trennen uns bei meiner Mutter, ich gehe kurz hoch um ein Lebenszeichen von mir abzugeben und nach einer schnellen Katzenwäsche lauf ich auch schon runter zu meiner Oma.
Meine Oma ist zu dem Zeitpunkt 95 Jahre alt und noch sehr fit. Nur mit den Ohren, ja, da haperts ein wenig und man muß mit Ihr ein wenig brüllen.
Ich begrüße meine Oma und Sie merkt sofort, daß ich nicht einfach so da bin. Ich sage Ihr, Oma ich muß Dich mal was fragen, da ruft Sie mir auch schon zu, daß Sie mich schlecht hört. Ich ahne schon, daß es gleich komisch wird wegen der Verständigung. Ich frage also, "Oma, was ist eigentlich damals mit dem Opa und dem Pfarrer passiert ?"  Sie starrt mich an und ruft, "nicht so laut, müssen ja nicht alle hören !" Klar ist, daß alle Nachbarn uns hören werden bei der Lautstärke. 
Als Gegenfrage will Sie erstmal wissen, von wem ich das habe, anscheinend wird so geprüft, wem man was erzählen kann und wem nicht, ich aber verrate es nicht und sage Ihr den Spruch, den wir sonst immer von Ihr gehört haben: Man spricht über die Sache, aber nicht über die Quelle. 
Sie schmunzelt und fängt an zu erzählen. Sie bestätigt mir das Gerücht, kann mir aber natürlich keine Details nennen, weil Sie selbst nicht anwesend war. Klingt logisch. Mein Opa wollte wohl nie wirklich darüber sprechen und kurze Zeit später starb er ja auch schon. Meine Oma macht eine abfällige Handbewegung und sagt, daß danach nichts mehr so gewesen sei wie früher. 
Ich warte kurz und frage mich, ob ich die Frage aller Fragen stellen kann. Mir brennts so unter den Nägeln, also frage ich, ob Sie denn was mit dem Pfarrer gehabt hat. Meine Oma schaut mich an und da entdecke ich eine leichte Röte in Ihrem Gesicht. Beantworten will Sie mir die Frage nicht. Gut, keine Antwort ist auch eine Antwort, also frage ich nur noch, ob der Pfarrer denn gut aussah ? Daraufhin bekomme ich sofort einen Schlag auf meinen Oberschenkel und den Spruch, der war doch viel zu jung.... Ich drücke Sie und bleib noch ein wenig bei Ihr sitzen.
Spätestens jetzt, weiß ich wo meine Schwäche für jüngere Männer herkommt. 
Ich bin optisch und charakterlich eindeutig eine Mischung meines Vaters und meiner Oma mütterlicherseits. Für mich persönlich eine gelungene Mischung, denn meine Oma war eine hübsche aber vorallem kluge Frau, während ich von meinem Vater die fröhliche, optimistische und sportliche Art geerbt habe.
Irgendwie fühle ich mich super, ich mag den Gedanken, daß wir gar keine perfekte Familie sind, wie meine Mutter uns immer einreden wollte und ja, ich muß unbedingt in Erfahrung bringen, ob es noch mehr solcher Geschichten gibt in unserer Familie.
Dieses Land ist voller Widersprüche ! Man will gläubig und katholisch sein, und muß doch feststellen, daß Die Doppelmoral allgegenwärtig ist.
Man setzt für sich andere Maßstäbe als für andere und empfindet dies als normal. Mein Vater meinte immer, klar, warum alle katholisch sind, ist das doch mit eine Religion, die alles verzeiht. Man braucht sich nur in den Beichtstuhl setzen.
Nur zwischen den Menschen funktioniert das nicht, denn werden einem vermeintliche Fehler immer wieder unter die Nase gerieben. Man wird für alles verurteilt, bevor man überhaupt der Frage nachgeht, ob es denn der Wahrheit entspricht. Und davon kann ich euch in diesem Dorf ein Lied singen, denn was über mich alles erzählt wird....
Ich verabschiede meine Oma und laufe zu meinem Cousin runter. Dort angekommen, werde ich schon mit Spannung erwartet und als ich alles erzählt habe, überkommt uns die Lust auf einen Drink und beschließen sofort richtung Bar zu gehen. 
Ich wundere mich über meinen Körper, der diese ganzen Alkoholmengen anscheinend gut verarbeitet und wie gerufen treffen wir ganz zufällig auf einen älteren Herren, der meinen Vater gut gekannt hat, haben sie doch vor der Auswanderung meiner Eltern und später alle Ferien zusammen abgehangen. Nostalgisch fängt er an zu erzählen, wieviel Spaß sie miteinander hatten und erzählt uns prompt eine Geschichte, die sich Anfang der Siebziger Jahre abgespielt haben soll.
Zu dem Zeitpunkt kannte mein Vater meine Mutter noch nicht und wohnte noch bei seinen Eltern in Corleto Perticara, ein Nachbarort von Laurenzana, achtzehn Kilometer entfernt. Mein Vater war also noch keine dreißig Jahre alt. 
Viele Familien haben zusätzlich zu der Wohnung im Ortskern noch Ländereien, die außerhalb der Wohngegend liegen, wo jede Familie fast immer einen kleinen Gemüse- und Obstgarten hat, mal mindestens irgendwelche Tiere wie Hühner und Kaninchen wenn nicht sogar Ferkel, Ziegen oder Schafe und wenn Sie mehr Land zur Verfügung haben, wird meistens auch noch Wein oder Getreide angebaut. 
Meine Großeltern väterlicherseits hatten viel Land zur Verfügung, wo sowohl Wein als auch Getreide und Kartoffeln angebaut wurde.
Der ältere Herr holt tief Luft und wir bieten Ihm erstmal nochwas zu trinken an, bevor er dann mit leuchtenden Augen von diesem Abend erzählt, wo sie auf dem Landgut waren und die erste Weinlese stattgefunden hatte. Alle Familienmitglieder, aber auch Freunde und Bekannte halfen sich gegenseitig bei solchen Tätigkeiten aus, denn es mußte oft schnell gehen, da wegen schneller Wechsel von Witterungsverhältnissen soviel wie möglich abgearbeitet werden mußte.
An diesem besagten Abend also wurde die erste Pressung beim Wein vorgenommen, wo soviele Liter wie möglich gepresst und dann in Weinfässer abgefüllt wurden. Natürlich wurde die erste Pressung auch probiert und bis in die Nacht hinein mit viel Käse, Salami, Schinken und anderen Leckereien genossen. Sicherlich hatten es die damals noch "jungen Männer" ein wenig mit dem Wein übertrieben, wie auch heute noch.
Jedenfalls, mußten sie ja doch noch ein paar Kilometer zurücklegen um danach wieder nach Hause in den Ort zu kommen. Mein Vater sollte dann mit der Ape nach Hause kommen und direkt auch noch das ein oder andere mitbringen. 
Wer die Ape noch nicht kennt, sollte wissen, daß das ein Fahrzeug von der Marke Piaggio ist, mit nur drei Rädern, vorne mit einer kleinen geschlossenen Fahrerkabine, die an eine überdachte Vespa erinnert, wo zur Not auch zwei Personen drin Platz finden, während hinten fast immer eine offene Ladefläche ist, auf der entweder allesmögliche oder auch schonmal sitzend Leute transportiert werden. Daran erinnere auch ich mich immer gern zurück, war das doch immer ein Höllenspaß mitzufahren, erst Recht, weil wir in jeder Kurve unser Gewicht verlagern mußten um mit diesem Gefährt nicht umzukippen.
Die zwei jungen Männer hatten wohl an dem Abend ein bißchen zuviel Wein gehabt, und ausgerechnet die erste Pressung, die ja Fruchtzucker- und Alkoholhaltiger ist und einem schneller zu Kopf steigt.
Jedenfalls traute mein Vater sich diese Fahrt wohl noch zu und fuhr wenn auch etwas langsamer als sonst, trotzdem zu schnell diese Serpentinen zurück nach Hause, bis in einer harmlosen Kurve sie die Kontrolle über die Ape verloren und sich erst die Böschung hinab probierten, um noch an wenigen Bäumen entlang zu fahren bis sie dann endgültig nichts mehr machen konnten und sich dann mit dem Gefährt mehrmals überschlugen.
Wie ein Wunder hatten beide bis auf ein paar Schrammen nichts abbekommen und sogar die Ape hatte das ganze nur mit ein paar kleinen Beulen und Kratzern überlebt. 
Als sie sich selbst wieder aufgerappelt hatten, gönnten sie sich erstmal noch einen Schluck Wein und sammelten dann alle Waren ein um dann im Schneckentempo nach Hause zu kommen.
Mein Cousin und ich sahen uns schmunzelnd an, bis wir dann doch mit dem älteren Mann in Gelächter ausbrachen, und sowas wie, ja ja, dieser Alkohol, gebrabbelt wurde und wir gemeinsam an der Theke uns noch einen Amaro gönnten. Er prostete uns zu und versprach uns noch mehr Geschichten erzählen zu können, doch wir hatten für heute genug gehört.

Man könnte meinen, es wäre alles gut gegangen, aber etwas war doch von dem ganzen übrig geblieben, nämlich, daß mein Vater seitdem nie wieder fahren konnte. Diesen Schock hat mein Vater wohl niemals überwunden und jetzt verstehe ich auch, warum wir immer mit dem Zug nach Italien gefahren sind und nie ein Auto hatten.

Als mein Bruder und ich taggleich den Führerschein bestanden und wir später ein Auto hatten, erinnere ich mich, daß mein Vater mich mal nach dem Schlüssel fragte und mal fahren wollte. Er meinte ja nur keinen Führerschein zu haben, aber fahren könne er ja. Wir gingen also zusammen zum Auto und ich übergab Ihm die Schlüssel, aber nachdem er hinterm Steuer saß, probierte er gar nicht erst das Auto zu starten und stieg ohne Begründung wieder aus. Ich sah zwar, daß er ein wenig blaß wurde und seltsam nervös, hab aber damals nicht weiter reagiert und nachgefragt.
Leider ist mein Vater einfach zu früh gestorben, heute hätte ich noch so viele Fragen. Wer weiß, was so alles passiert ist, wovon wir niemals etwas erfahren werden.

Dienstag, 6. September 2016

Familiengeschichten

 Italien ist ein streng gläubiges katholisches Volk ! Denkt man. Der Sonntag ist heilig und man verbringt diesen in der Familie, viele besuchen auch die Messe in der Kirche und nehmen die, die fußläufig zu erreichen ist. In diesem Dorf gibts mindestens vier Kirchen, wahrscheinlich sogar mehr. Schon als Teenager, wenn es darum ging in die Kirche zu gehen, gabs zu Hause ordentlich Trubel. Mein Vater hatte für die Kirche nichts übrig, er bevorzugte lieber frühschoppen zu gehen, daß oft damit endete betrunken nach Hause zu kommen und Streit mit unserer Mutter zu provozieren.
Er meinte immer, daß die Priester die schlimmsten wären, denn schließlich predigten Sie Wasser und soffen wie er Wein, viel Wein.
Ich erinnere mich, daß in der Nähe unserer Wohnung so eine Spelunke war, wo sich die Männer zum Scopa spielen trafen. Scopa ist ein napolitanisches Kartenspiel, daß einiges an Gedächtnis und Konzentration fordert und höllisch Spaß macht, da es auch ein schnelles Spiel ist. Mein Vater beherrschte dieses Spiel wohl ganz gut, denn die Verlierer gaben die Trinkrunden aus und da Papa oft betrunken nach Hause kam, und sogar auch häufiger begleitet wurde, tippe ich mal, er beherrschte dieses Spiel ganz gut.
Meine Mutter zwingte uns zum Kirchengang, aber mein Vater setzte sich auch oft damit durch, daß wir nicht gehen mußten, wofür wir immer sehr dankbar waren, denn lieber verbrachten wir die Zeit mit unseren Cousins und Freunden. Wenn wir denn mal gehen mußten, war das immer eine nicht so schöne Sache. Man kam kaum zur Tür herein, da drehten sich auch schon alle um und fingen an zu tuscheln. Damals dachte ich immer es ging nur um Äußerlichkeiten, später dann begriff ich, daß es wohl um viel mehr ging.
Ihr erinnert euch, daß ich euch von der Kirche bei meiner Mutter erzählen wollte ? Gut, dann leg ich jetzt mal los.
Eines Abends wollte ich mich also mit dem Nachbarssohn meiner Tante treffen und meine Mutter fing zu Hause schon an zu mosern, als Sie mich mit Ihm am Telefon verabreden hörte. Ich hatte Ihn mal mit zu uns nach Hause mitgenommen, weil ich dachte, wenn Sie weiß mit wem ich unterwegs bin, beruhigt Sie sich. Aber nein, hier ist das nicht üblich, denn bringt man einen Mann mit nach Hause, bedeutet das eigentlich, daß man über eine Verlobung nachdenkt. Da sowohl mein Bruder und ich, das aber aus Deutschland anders kannten, haben wir nie darüber nachgedacht und immer alle Freunde mit nach Hause geschleppt, egal welches Geschlecht. In Deutschland meckerte meine Mutter zwar immer, wenn wir Freunde mitbrachten, aber irgendwann fing Sie das an zu akzeptieren, hatten wir da schließlich keine weiteren Verwandten und auch sonst keinen, der hätte darüber urteilen können. Meinen Vater interessierte sowas sowieso nicht, da war er schon immer untypisch südländisch. Ganz im Gegenteil. Ihm ging das Geschwätz der Leute auf die Nerven, so daß er oft sogar allem eine Krone aufsetzte um die Leute noch mehr zum Schwätzen zu bringen. "Ist der Ruf erst ruiniert, lebts sich frei und ungeniert ."
Meine Mutter aber hatte, kaum in Laurenzana zurück, wieder alle Dorfmarotten angenommen und so teilte Sie mir dann mit, daß Sie nicht erfreut darüber war, daß ich mich mit Ihm traf, denn er käme eben nicht aus einer guten Familie. Auch als ich Ihr beteuerte, daß wir doch nur Freunde seien, hörte dieses Gemeckere nicht auf und so vertraute ich mich eines Abend bei Ihm an.
In dörflicheren Gegenden gibt es auch heute noch diese Tradition, daß ganze Familien oder Persönlichkeiten einen Spitznamen bekommen. Das kann wegen dem Beruf sein, auch aber wegen aller anderen möglichen Tatsachen, ich heiße hier einfach nur "la tedesca", die Deutsche. Im Fall der Familie von meinem Freund kam der Name dadurch zu Stande, daß seine Familie eine Pferdezucht betrieben und da Sie viel unterwegs waren um auf anderen Märkten Tiere zu kaufen oder zu verkaufen, wurden Sie dann "Zingari" genannt, also Zigeuner. Da ich so schlecht lügen kann, erzählte ich Ihm also, daß meine Mutter nicht will, daß ich mich mit dem Sohn von Zigeunern rumtreibe, worauf er mich erst entsetzt anschaute und dann anfing zu lachen. Ich verstand seine Reaktion überhaupt nicht und fragte, was los sei, worauf er mir dann entgegnete, daß ausgerechnet wir sowas äußern würden, denn schließlich wäre unsere Familie doch um einiges schlimmer. Ich schaute Ihn wohl zu lange komisch an, bis er mich dann fragte, ob ich denn wirklich von nichts wüßte. Ich fragte Ihn, was ich denn wissen sollte und da erzählte er mir dann folgende Legende:
Meine Oma war eine sehr gläubige Frau, wahrscheinlich noch mehr geworden, weil Sie in dieser Kirche Ihren Frieden fand, und so meinem gewalttätigem Opa aus dem Weg gehen konnte. Ihr wißt ja, die Frauen dort sind ja im Dorf nur unterwegs wenn Sie Erledigungen machen, ansonsten bleibt man zu Hause und geht der Heimarbeit nach.
Als 1980 das Erdbeben in Süditalien ganze Landstriche in Schutt und Asche legte, wurde auch unser Dorf sehr beschädigt, sowohl unsere Wohnung als auch diese Kirche. Meine Oma angagierte sich damals sehr dafür, daß alles wieder aufgebaut wurde, vorallem aber Ihre Kirche. Den Leuten im Dorf, vorallem den Männern, ging das Angagement wohl zu weit. Sie sagten meiner Oma und dem Pfarrer eine Affäre nach und hetzten meinen Opa so lange auf, bis der wohl 1982 nichts besseres zu tun hatte, als dem Geschwätz der Leute zu glauben und mit einem Messer bewaffnet in die Kirche zu gehen um auf den Pfarrer einzustechen. Meine Oma war um die sechzig und mein Opa schon fast achtzig, nur mal so als Hinweis, nicht, daß man nicht mit sechzig noch aktiv sein kann.
Na ja, nach dem ganzen soll mein Opa zu seinem anderen Teil der Familie nach Turin geflohen sein, während der Pfarrer wohl keine Anzeige erstattet hatte, so daß mein Opa dann wahrscheinlich durch eine saftige Schmerzensgeldzahlung wieder zurückkehren konnte.
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte, viel schlimmer aber fand ich, daß ich davon nichts wußte. Und dann fragte ich mich tatsächlich, ob meine Oma wirklich eine Affäre hatte, meine so streng gläubige Oma, irgendwie unvorstellbar.
Der Abend war für mich gelaufen, ich verabschiedete mich mit den Worten, daß ich das jetzt klären müsse und lief sofort nach Hause zurück. Ich packte mir meine Mutter und erzählte Ihr diese unglaubliche Geschichte, aber meine Mutter schaute mich so an, wie ich wohl meinen Freund angeschaut haben muß. Sie wußte von nichts und fragte mich, wer mir das erzählt hatte. Betretenes Schweigen. Man sah förmlich meine Mutter in eine andere Gedankenwelt abdriften. Stille.
Nach einer Weile fing meine Mutter an zu sprechen, und erzählte mir, daß wir nach dem Erdbeben, ganze drei Jahre nicht mehr in Laurenzana waren. Ein eigenes Telefon hatten wir nicht, weder in Laurenzana, noch in Siegen, und auch sonst keiner aus unserer Familie. Ich erinnere mich, daß wir in Siegen, kurz vor unserem Urlaub in Laurenzana ein Telegramm erhalten hatten, wo uns mitgeteilt wurde, daß unser Opa verstorben war. Das war wohl auch der Grund, warum wir 1983 zum erstenmal wieder nach Laurenzana fuhren. Es gab ja jetzt das Erbe aufzuteilen.
Immernoch war das Dorf in großen Teilen zerstört, auch unsere Wohnung wurde nur soweit wie nötig geflickt, damit wir dort übernachten konnten, denn im Sommer wirds tagsüber sehr heiß, aber abends kühlt es doch um einige Grad ab. Ein Bergdorf halt.
Immernoch nachdenklich erzählte Sie mir, daß Ihr keiner, weder die Familie, noch alte Freunde oder Bekannte Ihr irgendetwas über diese Sache erzählt hatten. Sie bemerkte zwar, daß die Leute im Dorf tuschelten, hatte aber weiter keinerlei Ahnung. Es wurde einfach totgeschwiegen ! Dieser sogenannte Deckmantel sollte noch so häufig in unserer Familiensaga auftauchen.
Gut, ich verstand so langsam einiges und so rief ich erstmal meinen Bruder an um Ihm davon zu erzählen, schließlich sollte sich ja nicht schon wieder dieser Deckmantel des Schweigens ausbreiten. Dann lief ich zu meinem Cousin runter, der noch zu Hause am Essen war. Ich redete auf Ihn ein wie eine verrückt gewordene Tarantel, aber auch er wußte von nichts. Wieder betretenes Schweigen. Sein Vater hörte uns zwar zu, tat aber so, als ob er nichts hören würde, daß machen viele alte Männer hier wenns unangenehm wird, und so brüllte ich Ihn an, aber auch da, Stille. Angeblich weiß auch er von nichts. Ungläubig schauen wir uns an und beschlossen erstmal was trinken zu gehen, bevor wir uns den übrigen Familienmitgliedern widmen wollten und liefen den Corso runter zu unserer Lieblingsbar.
In Windeseile hatten wir uns fast schweigend einige Amaros runtergekippt und unser Barrista staunte nicht schlecht, daß ich auf einmal so schnell trinken konnte. Mein Cousin brabbelte sowas wie, die guten Gene halt und so ließen wir uns regelrecht volllaufen bis wir dann am frühen Morgen Richtung heimwärts liefen. Ich weiß nur noch, daß wir es nicht nach Hause geschafft haben und irgendwann von Hühnergegackere geweckt wurden.

Montag, 5. September 2016

ich fliege zum erstenmal allein in den Urlaub...

 ich fliege mit einem Billigflieger von Frankfurt nach Taranto und freue mich schon riesig auf meinen langen Urlaub. Tage vorher hatte ich schon mit meinen Cousins geklärt, daß Sie mich beide am Flughafen abholen kommen. Es ist meine zweite Flugreise überhaupt und die trete ich ganz alleine an. Die erste Flugreise meines Lebens ging vier Monate vorher nach London, mit meinem Ex aus Frankfurt. Er konnte kaum glauben, daß ich noch nie geflogen war. Aber ja, mit meinem Ex-Ehemann gab es nur Autoreisen, da er ja angeblich an Flugangst litt. Interessant, wenn man bedenkt, daß die letzte Aktion, die mich dazu brachte Ihn zu verlassen, ausgerechnet eine Flugreise war, und zwar die in die Domenikanische Republik. Nachdem er mehrmals mir und unseren Trauzeugen jegliche Flugreise verweigerte, flog er doch direkt so eine lange Strecke und das mit der ganzen Belegschaft der Firma wo er damals arbeitete. Komische Flugangst.
Wie versprochen, standen meine Cousins am Flughafen und nahmen mich in Empfang um dann erstmal mit mir an die Bar zu gehen, für einen Cornetto mit Crema und Wasser. Wir erzählten uns grob die wichtigsten Neuigkeiten, lachten und schmunzelten und dann erzählten Sie mir leider auch, daß es innerhalb der Family noch mehr Streitigkeiten gab und vorallem unsere Oma, die schon fünfundneunzig jahre alt war, sehr darunter litt. Super, dachte ich nur, daß fängt ja schon super an.
Bei meiner Mutter angekommen, wurden erstmal alle Streitthemen außer Acht gelassen, bis ich meine Oma besuchte, die nur ganze fünfzig Meter weiter wohnte. Ich wußte noch nicht, daß meine Mutter nun auch mit Ihrer Mutter zerstritten war, doch das erfuhr ich dann prompt, als ich zurück kam. Der Fairness halber, hörte ich mir erstmal alles aus Sicht meiner Mutter und meiner Oma an. Ich dachte nur, was für ein Kindergarten, und ich entschloss mich dazu heimlich zu meiner Tante runterzulaufen um mir auch Ihre Version anzuhören. Was soll ich sagen, daß Thema an sich war bei allen Parteien gleich, jedoch hatten alle drei unterschiedliche Auffassungen.
Genervt lief ich von unten durch den Corso um mir erstmal einen leckeren Cannolo zu gönnen, bis ich kurz darauf von meinem Cousin abgefangen wurde, der mich dann in meine heutige Lieblingsbar entführte. Ich bestellte Wasser und da ging es dann auch schon los, der Barrista sah mich an und lachte, mein Cousin schmunzelte und beide sagten sie mir wie aus einer Pistole geschossen, was ich denn mit dem Wasser wollte, mir etwa die Füße waschen ? Haha, guter Spruch ! Ich entgegnete nur es wäre noch nicht mal Mittag, aber darauf brachen Sie dann in völliges Gelächter aus und es kam sowas wie typisch deutsch, bevor Sie einfach weiterlachten.
Nachdem es dann ein paar Tage so weiter ging und das auch mit anderen Leuten, hatte ich zum erstenmal das Gefühl, ok, ich muß mal lockerer werden, schließlich hab ich ja Urlaub und fing mit Prosecco an. So kam es dann, daß ich mittags schon angetrunken nach Hause kam, was aber nach dem deftigen Essen auch schnell verflog.
Beim nächsten heimlichen Besuch bei meiner Tante lernte ich dann den Sohn der Nachbarin kennen. Ein paar Jahre jünger als ich, und auch er lebte eigentlich im Ausland, in Paris, wo er als Koch arbeitete und auch er war grad im Urlaub da. Wir kamen ins Gespräch und so erzählte er mir, daß er sogar schon in Frankfurt gearbeitet habe, diese Trattoria kenne ich zufällig vom vielen vorbeilaufen. Wir sind uns auf Anhieb sympatisch und so beschließen wir uns häufiger zu verabreden.
Am gleichen Abend treffen wir uns dann auch schon, und nachdem klar war, daß ich außer unserem Dorf nichts in der näheren Umgebung kannte, noch nicht mal Matera, hatten die Jungs schon den Plan gefaßt mit mir ein wenig die Umgebung zu erkunden.
Im Juli und August finden ja natürlich viele Feste statt, und jedes Dorf hat so seine eigenen Schutzpatronen und Heiligen, also wurde mittags kurz beschlossen, wo es abends hinging und so lernte ich nicht nur neue Dörfer kennen, sondern auch einiges viel lockerer zu sehen. Die Jungs hier sind schon fast von Natur aus trinkfest, daß sie aber dennoch mit einiges an Alkohol im Blut sich noch ans Steuer setzen und dann noch die Serpentinen hin- und herfahren hat mich am Anfang ganz schön Überwindung gekostet überhaupt einzusteigen. Aber ja, ich hatte mich relativ schnell daran gewöhnt und sogar Vertrauen gefaßt, das hätte ich in Deutschland niemals zugelassen.
Da war ich dafür bekannt, daß ich auf Parties einigen Leuten beim Eintreffen schon die Autoschlüssel abnahm, damit Sie ja nicht betrunken Auto fuhren.
Nun gut, ich wurde lockerer und zunehmend auch mutiger, so daß sogar ich dann mal gut angetrunken am Steuer saß, wer hätte das mal für möglich gehalten, aber in dieser speziellen Situation war ich dann doch die nüchternste von allen und nach außen die vertrauenswürdigste, falls uns die Carabinieri begegnen würden.
Meiner Mutter gefiel das ganze natürlich überhaupt nicht. Die Nachbarn tratschten und überhaupt, warum ich denn immer so spät nach Hause kommen würde, und jedesmal würden mich unterschiedliche Jungs nach Hause fahren. Es war ein Dilemma.
Eines morgens kam ich gegen sieben morgens heim und meine Mutter schlief tatsächlich mal, wachte Sie doch sonst immer sofort auf, sobald ich zur Tür reinkam. Ich dachte mir, ok, heut stehst Du einfach mal früh auf und tust so, als ob du schon ewig zu Hause wärst. Ich stellte mir den Wecker auf neun Uhr und dachte, ok, eine Tiefschlafphase muss reichen.
Mein Wecker klingelte, ich stand auf, dackelte in die Küche und setze mich an den Tisch. Meine Mutter sah mich entgeistert an und bevor ich auch überhaupt irgendetwas sagen konnte, schleuderte Sie mir entgegen, daß Ihr schon längst erzählt wurde, daß ich seit kurzem erst zu Hause war und ich mich wieder schlafen legen könnte. Dann sagte Sie mir sogar noch wer mich zu Hause abgeladen hatte und ich dachte nur, sagste mal nichts, stand auf und ging wieder ins Bett.
Diese teuflischen Nachbarn !!!


Sonntag, 4. September 2016

Fußball und andere Katastrophen

 nachdem ich dann von diesem Drama erfahren hatte, daß nicht nur er sondern auch meine Freunde mich betrogen hatten, zog ich es vor mich von dieser Clique zu distanzieren und mir neue Wegbegleiter zu suchen, die ich dann beim Public Viewing relativ schnell kennenlernte. Eine Freundin blieb mir aus dieser Clique erhalten, Sie war auch nie so oft mit uns zusammen und wußte auch nichts von diesem Drama. Mit Ihr und den neuen Bekannten, worunter auch Italiener waren, verabredete ich mich oft um dann gemeinsam Fußball zu schauen. Die große schwimmende Leinwand mitten auf dem Main, war schon sehr beeindruckend. Man konnte von beiden Uferseiten auf die Leinwand schauen und zusätzlich gabs auch auf beiden Seiten Tribünen, die aber nur unter wirklich frühem Erscheinen zu genießen waren. Bei Deutschlandspielen eigentlich unmöglich überhaupt sogar ans Ufer zu kommen, so daß wir dann auch schnell nach Alternativen schauten. Eine Pizzeria war natürlich immer eine sehr gute Wahl. Auch sonst hatte sich die Stadt Frankfurt nicht lumpen lassen und einiges an Events um das Event an sich herum organisiert.
Zu dem Halbfinalespiel Deutschland gegen Italien entschieden wir uns zu einer großen Leinwand etwas abseits vom Mainufer zu gehen, denn zwischenzeilich wurden immer mehr Leinwände aufgebaut, da sowohl viele Touristen als auch einheimische aus ganz Deutschland angereist kamen. Das Sommermärchen war in aller Munde.
Ich war total aufgeregt, ist doch ein Spiel zwischen diesen beiden Ländern immer auch ein Endspiel. Es fielen die üblichen Beleidigungen aus allen Reihen, daß die Italiener nur foulen und auf dem Boden liegen, aber das kenne ich ja schon seit 1982. Wir lassen uns nicht provozieren und schauen uns das Spiel an. Die erste und auch die zweite Halbzeit ging torlos vorbei und nun ging es in die Verlängerung. Das hasse ich auch heute noch und so wurde ich immer nervöser. Ich erinnere mich noch, daß kurz nach Wiederanpfiff es fast schon zwei zu null für Italien gestanden hätte, aber eben nur fast. Die zweiten fünfzehn Minuten waren etwas träger und kaum auszuhalten. Ich betete, bitte nur kein Elfmeterschießen und da knallte Grosso den Ball kurz vor Schluß ins Tor. Riesenjubel auf Seite der Italiener, obwohl wir klar eine Minderheit waren, wurde es ganz schön laut und so bekamen wir gar nicht erst mit, daß die Leinwand ausgefallen war. Wir wußten also gar nicht, ob wir jetzt gewonnen hatten oder nicht. Smartphones gabs da noch nicht. Na ja, wir beschließen woanders hinzugehen und uns fällt auf, daß auf einmal ganz schön viel Polizei anwesend war. Für mich ein klares Zeichen, daß Italien gewonnen hatte, daß mir auch kurz später mit einer Gratulation SMS bestätigt wurde und zwar von keinem geringeren als meinem Ex. Das ging natürlich runter wie Öl. Erst einige Zeit später bekamen wir dann in der Wiederholung das zweite Tor von Pirlo zu sehen und meine Freude war unendlich groß. Viele andere Ausländer bedankten sich bei uns, daß wir es den Deutschen so schön gezeigt hätten, ja, das kann man bestätigen, beim Fußball halten die Ausländer dann doch zusammen. Schade nur, daß wir dann keine großen Möglichkeiten hatten noch ordentlich zu feiern, denn die Deutschen waren ja traurig und gingen schnell nach Hause. Seitdem wünschte ich mir so ein Turnier zu Hause in Italien zu sehen.
Kurz darauf beschloss ich dann meinen restlichen Sommer in Italien zu verbringen, ich hatte durch den Job im Cafè noch so viele Überstunden, daß ich fast ganze sechs Wochen weg konnte. Eine super Gelegenheit also, auch Freunde zu besuchen und ein wenig hier und dort Zeit zu verbringen.
Ich telefonierte ein wenig rum um zu horchen, wer sich denn wo in Italien aufhielt und so wußte ich schon so ungefähr, daß Mola di Bari, Policoro und natürlich auch Laurenzana zu meinen Ferienorten werden würden.
Fast ganze sechs Wochen Urlaub am Stück, das hatte ich zuletzt mit sechzehn Jahren, als wir noch mit meinen Eltern in den Urlaub fuhren. Wahnsinn !!
Seitdem hegte ich auch schon den Wunsch wieder nach Italien zu ziehen, auch wenn ich noch nicht genau wußte wohin.
Eine Stadt am Meer war klar, aber ich kannte ja noch zu wenige, obwohl schon damals mich Neapel faszinierte, diese ach so gefährliche Stadt im tiefen Süden......

zu Hause

 es ist später geworden als gedacht, auf der Autobahn ist ganz schön was los. Die Krise ist in Italien immernoch deutlich zu spüren, zwar lassen sich die Italiener Ihren Urlaub nicht nehmen, aber er findet nun halt eben kürzer statt. Der Verkehr läßt auf Ende August schließen, auch wenn noch eine ganze Woche fehlt.
Mein Handy leuchtet, nur noch fünf prozent Akku, und mit dieser Info blinkt auch eine weitere Nachricht auf, von meinem Herrn, daß er ständig an mich denken muß. Ich antworte Ihm, daß es auch mir so geht und verspreche Ihm mich von zu Hause aus zu melden.
Ich weiß selbst noch gar nicht wie mir geschieht, entscheide mich aber, alles entspannt auf mich zukommen zu lassen.
Wir sind fast da, aber der Verkehr scheint uns noch eine ganze Weile zu blocken und so springen wir am nächsten Autogrill raus und gönnen uns eine Kleinigkeit zu essen. Das Essen ist doch ganz schön zu kurz gekommen dieses Wochenende, wenn man bedenkt, daß meine Mutter eigentlich immer und ständig ans Essen denkt, ungefragt auftischt und schon Tage im voraus fragt, was man eigentlich essen will. Hier im Süden ist es tatsächlich noch üblich, daß man zur Begrüßung fragt, was es denn später zu essen gibt. Mir persönlich ist das alles zu viel, ich esse gern und viel aber dann, wenn ich Hunger habe und nicht weil gerade Mittag ist. Oft mache ich die Rechnung ohne den Wirt, denn hier hält man sich an die Zeiten und so passiert es oft, daß ich nachmittags um vier, wenn ich dann gern Mittag essen will, oft gar nichts bekomme, weil alle geschlossen haben, außer man weicht auf die Touristenstraßen aus und begnügt sich mit einer teureren und nicht so guten Pizza.
Die Küche in Laurenzana ist generell nicht so mein Geschmack, denn sie ist mir zu deftig und zu fleischlastig. Ich mag lieber die Küche in Neapel, die oft mit wenigen Zutaten auskommt und vorallem schnell zubereitet ist. Ich liebe Tomaten, die hier in unendlicher Fülle angeboten werden und vorallem eine echte Gaumenfreude sind. Sie schmecken halt nach Tomaten. Es gibt so viele Sorten, daß ich immernoch nicht alle probiert habe, die kleinen Datteltomaten haben es mir besonders angetan, die esse ich auch zwischendurch wie Weintrauben.
Auch das Thema Essen ist ein häufiger Streitpunkt zu Hause bei meiner Mutter. Ich weiß, sie will mir nur gutes, bereitet mir aber jedesmal "Patate Ripiene" zu, daß ich wirklich nur essen kann wenns draußen schneit und stürmt. Überbackene Kartoffeln mit Salsiccia und ganz viel Käse ist mir im Sommer einfach nichts, jedoch freuen sich immer alle Gäste und so esse ich wenig davon und sättige mich später an den Dolci. Meine Mutter sieht das als persönliche Beleidigung und will einfach nicht verstehen, warum ich gern was anderes essen will, dabei kann man mich mit einem Salat so glücklich machen, oder Auberginenauflauf oder, oder, oder.
Wir steigen wieder ins Auto und so langsam ruckeln wir uns gegen Heimat vor. Mein Handy schafft es tatsächlich noch bis nach Hause und bevor ich den Stecker in die Steckdose klemmen kann, kommt eine neue Nachricht, diesmal von einem Typen aus Neapel. Ein Singer/Songwriter. Nicht schwer so jemanden hier kennenzulernen, ist doch Neapel, die Stadt der Musik. Läuft man hier durch die Quartiere hört man jeden zweiten etwas singen oder pfeifen und das in jeder Altersklasse. Die Musik gehört hier zum Leben wie die Luft zum Atmen.
Er fragt mich wie es mir geht und ob ich unterwegs bin. Ich überlege kurz ob ich antworten soll, aber ja, denn ich kann nicht anders. Ich antworte Ihm, daß ich grad zurück aus der Heimat komme und unbedingt Schlaf nachholen muß, darauf kommt dann eine knappe Antwort zurück und mir fällt auf, daß ich Heimat geschrieben habe. Tja, was ist eigentlich Heimat. Als ich noch in Berlin wohnte, hab ich mich dort zu Hause gefühlt, aber Heimat ? In Berlin habe ich mich auch immer als Italienerin gefühlt, stolze Süditalienerin sogar und hier in Italien bin ich die Deutsche. Mittlerweile sehe ich mich selbst schon als beides und finde mich einfach damit ab, daß ich in diesem Leben eben beides bin, je nachdem wo ich bin oder was gerade gebraucht wird. Dieses Gefühl nirgends dazuzugehören, hat mich einige Jahre ganz schön aus der Fassung gebracht, besonders wenn dann auch noch die Fußballweltmeisterschaft stattfand.
Ach ja, das Jahr 2006 ! Italien wird Weltmeister und das in Deutschland !
Zu der Zeit lebte ich in Frankfurt am Main und die Deutschen erfanden das Public Viewing. Ausgerechnet ! Hätten doch eigentlich die Italiener erfinden müssen. Gut, ich war seit einem Jahr in Frankfurt, nachdem ich das Jahr zuvor meinen Vater verlor und fast gleichzeitig meine Ehe. Es war zwar meine Entscheidung Ihn und auch Siegen zu verlassen, jedoch kämpfte ich mit mir, auch wenn ich mich rasch neu verliebte, in einen Typen, den ich über Freunde kennenlernte. Mit dem ging das dann auch für zehn Monate, mehr schlecht als recht, gut, bis ich dann per Zufall erfahren mußte, daß er mich betrogen und sich sogar verliebt hatte und das ganze zu Beginn der Weltmeisterschaft. Ich war für zwei Wochen zu meiner Freundin nach Holland gereist, um genau darüber nachzudenken, nämlich ob unsere Beziehung noch Sinn machte, aber da war er mir anscheinend einfach einen Schritt voraus. So kann man das eben auch machen.

wir fahren wieder

 ich erreiche meinen Cousin, der mir bestätigt nicht weit entfernt von uns zu sein und bevor ich überhaupt auflegen kann werde ich schon freudig begrüßt. Ich hab Ihn lang nicht mehr gesehen, er war früher Teilhaber meiner Lieblingsbar in Laurenzana, hatte aber wegen unterschiedlicher Auffassungen das Schiff verlassen und hier in Castelmezzano eine neue Bar aufgemacht. Er ist sichtlich zufrieden mit seinem neuen Leben und erfreut darüber mich zu treffen und so komme ich nun endlich zu meinem Amaro. Wir tauschen uns ein wenig aus und dann erscheint mein Cousin, um uns zu erzählen, warum er sich nicht mehr getraut hat. Wir prüfen kurz an seinem Blick, ob wir Ihn ärgern dürfen und lachen mit Ihm darüber, daß ausgerechnet einer aus Laurenzana den Flug nicht angetreten ist. Das wird sich jetzt in Windeseile herumsprechen und für Spott und Häme sorgen, wie das so in Dörfern üblich ist.
Zwischenzeitlich wurde auch mein Handy ein wenig aufgeladen und als ich es in die Hand nehme, lese ich auch schon eine Nachricht von meinem Herrn, daß er bis zuletzt gehofft hat, daß ich noch bleiben würde. Ich antworte Ihm, daß ich gern noch geblieben wäre und das ist auch die absolute Wahrheit. Zum erstenmal in meinem Erwachsenenleben bin ich traurig, dieses Dorf schon so früh zu verlassen und das liegt natürlich an Ihm. Oh je, wer hätte das mal gedacht.
Wir steigen ins Auto, genießen noch ein wenig die Aussicht der Berge und die Serpentinen und fahren zurück zu meiner Mutter. Sie ist sichtlich angefressen, traut sich aber nichts zu sagen. Wir drei schaffen noch kurz wieder Ordnung, bringen die Matratzen wieder in den Keller und packen unsere Sachen. Zu unserem Gepäck bekommen wir noch einen leckeren Provolone, Kaffee und Taralli mit, da meine Mutter immernoch glaubt, daß ich nach Deutschland zurück fahre und nicht nach Neapel. Es ist eben so üblich, noch immer denkt man, daß es in nördlicheren Gefilden nichts ordentliches zu essen gibt und so lassen wir uns das gern gefallen, immerhin sind wir ja mit dem Auto da.
Wir verabschieden uns, laufen zum Auto und fahren los. Der Mann unserer Gruppe ist nach diesen Stunden sichtlich aufgeblüht und fährt diese Serpentinen so flüssig und voller Elan, als ob er hier zu Hause wäre. Ich schaue aus dem Fenster, mir geht so einiges durch den Kopf, bis mich mein Fahrer schüttelt und fragt, was denn los sei, er hätte mich noch nie so ruhig gesehen. Ich bin überrascht, denn anscheinend nimmt mein Umfeld mich immer nur lachend und überschäumend wahr, daß Ihnen kaum in den Sinn zu kommen scheint, daß auch ich mal nachdenklich sein könnte. Also erzähle ich Ihm, daß ich mir Sorgen um meine Mutter mache und es mir jedesmal leid tut, daß wir es nicht schaffen auch nur ein Wochenende ohne Streit zu verbringen, so sehr ich mich auch anstrenge. Ich kanns meiner Mutter einfach nicht Recht machen. Fahre ich Sie besuchen und verbringe ich meine Zeit damit Ihr den Haushalt abzunehmen oder auch sonstige Dinge zu erledigen und abends nicht auszugehen, fragt Sie mich ob es mir gut geht und fängt dann aus dem Nichts an alte Kamellen aufzuwärmen bis mir der Kragen platzt und wir dann doch wieder streiten. Ich kann einfach diese Sturheit und fehlende Bereitschaft vergessen und verzeihen zu können nicht aushalten. Auch mir sagt man eine gewisse Sturheit nach, obwohl ich wirklich vieles dafür tue um nicht so zu sein oder zu werden wie meine Mutter, aber ich verstehe einfach nicht, wie man letzendlich wegen nichts und falschem Stolz sich so mit der eigenen Schwester zerstreiten kann. Seit über zehn Jahren versuchen wir Kinder und auch weitere Familienmitglieder die zwei Schwestern wieder zu versöhnen, aber meine Mutter ist so stur und nachtragend, daß einfach nichts zu machen ist. Ich dagegen, habe mich so weitgehend geöffnet, daß ich mittlerweile vieles verzeihe oder auch einfach darüber hinwegsehe, daß man mir Desinteresse nachsagt. Dabei habe ich einfach keine Lust mehr, meine Energie für Dinge, die ich nicht ändern kann, zu opfern. Ich versuche alle um mich herum so zu nehmen wie Sie sind und seitdem ich das mache, gehts mir entschieden besser.
Ich spüre wie mein Freund mich mit großen Augen anschaut und mich fragt, ob man das in Deutschland lernt, denn hier in Italien funktioniert das so nicht. Die Mutter überschüttet Ihre Kinder mit so viel Liebe, daß Sie in den Kindern eine gewisse Unselbständigkeit und schlechtes Gewissen fördert. Ich habe hier noch viele Freunde in meinem Alter, die obwohl Sie es sich finanziell leisten können immernoch bei Ihren Eltern wohnen, und aus in meinen Augen falscher Fürsorglichkeit sich nicht trauen auszuziehen. Manche beneiden mich um meine Selbständigkeit und Freiheit während andere mir auch Egoismus vorwerfen. So oder so, spätestens hier weiß ich, daß ich mir wohl das beste aus beiden Kulturen ausgesucht habe, den goldenen Mittelweg.
In diesem Land läuft noch einiges schief, na ja, in Deutschland ja auch.

Samstag, 3. September 2016

Castelmezzano, Pietrapertosa und die Flüge

 nachdem wir alle offiziellen Hürden überbrückt haben gehts endlich los zu unserem Flug. Es ist heute ganz schön warm und ich glaube wir haben uns alle zu warm angezogen. Wir holen uns ein frisches Wasser und laufen los, denn wir müssen eine kleine Wanderung von dreißig Minuten hinter uns bringen, die uns zur ersten Abspringplattform bringt. Mir gehts trotz aller Umstände wohl am besten, wahrscheinlich weil ich wohl gewohnt bin in der Hitze durch die Gegend zu laufen, denn die Jungs haben sichtlich Mühe mir zu folgen, obwohl auch ich mich langsam diesen Hügel hocharbeite. Ich ärgere mich über mich selbst, daß ich zu wenig Wasser dabei habe und mich von den anderen hab überreden lassen mich so warm anzuziehen, da höre ich einen Signalton von meinem Handy und zwar eindeutig der Facebook Messenger. Neugierig schaue ich nach und sehe, daß mich ein Typ aus Laurenzana angeschrieben hat, den ich jetzt auch schon knapp ein Jahr kenne. Ein ganz hübscher Bursche, der jedesmal wenn ich da bin versucht mit mir anzubandeln. Natürlich ist auch er einiges jünger und ich weiß gar nicht, warum zur Zeit nur ganz alte und viel zu junge Männer auf mich abfahren, obwohl die Alten waren immer schon als Verehrer anwesend, weiß auch nicht warum.
Er gehört zu dieser aktiven Truppe unseres Dorfs, ist auch sonst ein schlaues Kerlchen und ich frage mich, warum eigentlich er mir doch nicht so gut gefällt. Dazu muß ich euch jetzt erstmal erläutern, wie dieses Dorf tickt. Die ganzen letzten Jahre meines Lebens wenn ich in Laurenzana war hatte ich einen festen Freund dabei. Natürlich haben wir uns zwar trotzdem amüsiert, aber die Kehrtwende kam als ich 2006 das erste mal so ganz allein im Dorf war und dann direkt für ein paar Wochen. Damals war auch noch mein anderer Cousin im Dorf und so traf ich mich mit beiden abends zum ausgehen und lernte über die zwei auch viele andere Jungs kennen. Ich war nach dreizehn Jahren Beziehung vogelfrei und hatte den Wunsch einiges nachzuholen und zwar auf jeder Ebene. So fing ich dann mit Alkohol an. Eigentlich war ich bis dahin kein großer Freund von Alkohol, geschweige denn Drogen, aber im Dorf lachten mich alle aus, weil ich immer nur Wasser bestellte und so wurde ich überredet doch endlich mal wie ein echter Italiener zu handeln und gefälligst mitzutrinken. Die Betonung liegt auf Italiener, denn tatsächlich war ich immer die einzige Frau in diesen Männerrunden, was mir aber gar nichts ausmachte, war ich das schon mein Leben lang gewohnt. Also gings dann mittags schon los mit Prosecco, Martini oder Aperol Spritz bis dann der Amaro Lucano dazukam. Das Wasser wurde verdrängt, was auch den Vorteil hatte nicht ständig auf Toilette zu müssen.
Die Tatsache, daß ich sowohl optisch als auch verhaltensmäßig so ganz anders als alle anderen Frauen hier im Ort bin, ist schon auf den ersten Blick erkennbar. Daß ich noch dazu für allen Schabernack zu haben bin, begeistert auch heute noch und oft höre ich, es müsse noch mehr Frauen geben wie mich. Ich bin halt immer gut gelaunt, neugierig und mag gern mit allen quatschen, die mir sympatisch sind. Für die Leute im Dorf ein Mannsweib, auch wenn ich optisch absolut Frau bin. Tatsächlich sieht man hier im Ort wenige Frauen und wenn dann sind Sie fast nur unterwegs um Erledigungen zu tätigen. Abends dann sieht man die Teenager und das wars auch schon. Kein Wunder, dass sich alle freuen mich zu sehen, erst recht wenn ich dann noch blonden Besuch aus Deutschland mitbringe oder wie zuletzt meine neapolitanischen Freundinnen, die einfach eine ganz andere Lebensfreude ausstrahlen.
Na ja, ich bin ja gut erzogen und antworte der Wahrheit entsprechend, dass wir den Engelsflug machen wollen und dann schon nach Neapel zurückfahren und wir uns spätestens im September wiedersehen.
Genau dies alles stört meine Mutter. Ich gebe Ihrer Meinung nach, zu vielen Männern "confidenza", daß heißt soviel, wie zu viel Aufmerksamkeit und das macht man als italienische Frau nicht, wenn man nicht als "zoccola" abgestempelt werden will, also als Schlampe. Ich frage mich ganz oft, wie meine Eltern es miteinander ausgehalten haben, waren Sie beide in fast allen Dingen unterschiedlicher Ansichten. Mein Vater scherrte sich überhaupt nicht um das Geschwätz der Leute und lebte wie er wollte, sehr zum Leid meiner Mutter und Oma mütterlicherseits. Er verteidigte mich immer vor den Frauen und ließ mich schon als Teenager oft alleine mit den Jungs losziehen, während meine Mutter mit mir schimpfte ich sollte gefälligst aufpassen und nicht schwanger nach Hause kommen, obwohl ich damals am anderen Geschlecht noch gar nicht interessiert war, geschweige denn uns mal jemand aufgeklärt hätte. Das aber übernahm das "Dr. Sommer Team" aus der "Bravo", und nicht nur für mich wie ich mittlerweile weiß.
Endlich oben angekommen werden wir auch schon empfangen und für den Flug vorbereitet. Man schlüpft in so einen gepolsterten Panzer, bekommt einen Helm und wird nach dem Gewicht gefragt, daß man für das Abbremsen braucht. Unser erster Mann startet. Sichtlich nervös hängt er nun waagerecht in der Luft und ich mache Ihm Mut und ein paar Beweisfotos, bevor er auch schon mit einem "cazzo" Schrei den Hang hinunter gleitet. Ich schaue Ihm aufgeregt hinterher und da wird auch schon der nächste hochgerufen. Nun hängt auch schon mein Cousin am Haken, der aber bevor er überhaupt in die Waagerechte kommt, von seinem Mut verlassen wird und von keinem von uns zu überreden ist. Sie machen Ihm den Vorschlag mich vorzulassen um zu sehen, wie es sich für mich anfühlt um vielleicht doch noch Mut zu schöpfen und da geht es bei mir auch schon los. Mit dem Loslassen meldet sich kurz mein Magen und ich fange an über den Bäumen und Bergen zu gleiten. Es ist unbeschreiblich schön und ich empfinde keinerlei Angst, ganz im Gegenteil, ich stoße einen Freudenschrei aus und frage mich, wie der Flug sich wohl anfühlen würde wenn man ein wenig betrunken ist. Die Sonnenbrille braucht man auf jedenfall um diesem Wind und dem hellen Licht der Sonne zu begegnen. Mir schießt das Lied durch den Kopf, " Flieger, grüß mir die Sonne..... " und gleite vor mir hin und genieße die Aussicht. Nur Fliegen ist schöner.....
Die, die mich schon lange kennen, denken jetzt bestimmt, was ist bloß mit dieser Frau los. Ich war schon immer etwas mutiger, jedoch muß ich gestehen, daß ich seitdem ich in Neapel lebe noch lebensfroher und hungriger geworden bin. Ob es wohl am Klima liegt ?
In Pietrapertosa angekommen ist das Abbremsen das einzige was kurz meine Herzfrequenz erhöht und ich spüre nun deutlich, daß ich Hunger habe.
Mein Cousin kommt wohl nicht mehr angeflogen und wir zwei übrigen entscheiden den Shuttlebus zu nehmen um zur nächsten Abflugplattform zu gelangen. Wir gackern und gluckern vor uns hin und sind beide überglücklich. Dann werde ich fest umarmt und er bedankt sich dafür, daß ich Ihn überzeugt habe mitzukommen und überhaupt für meine Freundschaft und meine verrückte Art, es hätte Ihm immer jemand gefehlt, der Ihn mal aus seiner Reserve lockt. Ein wenig gerührt, steigen wir ein und fahren zum nächsten Punkt. Dieser Flug von Pietrapertosa nach Castelmezzano ist ein wenig langsamer und man kann diesmal mehr von der Ortschaft sehen. Diesmal erschreckt mich das Abbremsen nicht mehr und nun angekommen versuche ich meinen Cousin anzurufen.

Freitag, 2. September 2016

volo dell´angelo - der Engelsflug

 Es ist knapp sechs Uhr morgens in der früh als auch ich es dann endgültig allein nach Hause schaffe. Meine Mutter ist natürlich wach, erspart mir diesmal eine weitere Schimpftirade und wünscht mir noch nicht mal gute Nacht ! Ich ziehe es dann doch vor mich lieber zu den anderen auf die Matratzen am Boden zu quetschen als gemütlich im Wohnzimmer zu schlafen, denn ich weiß ja, daß ich spätestens gegen acht dann geweckt werde und mir dann einiges anhören muß.
Im Bett angekommen finde ich aber dennoch keinen Schlaf. Ich werde von beiden Seiten angekuschelt, der Mann umarmt mich, während die Dame neben mir so kuschelig ist, daß Sie praktisch halb auf mir liegt. Was solls, ich kann ja doch nicht schlafen, muss ich doch ständig an diesen Herren denken. Ich lasse also diesen Abend Revue passieren und so allmählich übermannt mich der Schlaf. Keine gefühlte fünf Minuten später werde ich von einem Schrei geweckt, das kleine Baby hatte ich so gar nicht mehr auf dem Schirm, der Kleine hat natürlich schlecht geträumt. Obwohl es nicht lange dauert bis der Kleine wieder einschläft, bei mir will es gar nicht mehr klappen und so liege ich wach und denke an alles mögliche, bis mir einfällt, daß wir ja in ein paar wenigen Stunden nach Castelmezzano fahren, für den "Volo dell´Angelo", den Engelsflug. Das ist ein Dorf weiter und berühmt für die Dolomiten des Südens, wie Ihr oben auf dem Bild erkennen könnt. Vor zehn Jahren hatte jemand die Idee, diese Freizeitgestaltung in diesen Ort zu bringen, daß mittlerweile einige Abenteurer, Wanderer und Schaulustige von überall her anzieht. Sogar ich versuche schon seit längerem da mal zu fliegen, mußte aber dann immer wegen schlechtem Wetter passen. Dieses Wochenende aber ist es soweit, wir haben Tickets vorbestellt für den Mann in unserer Truppe, meinen Cousin und für mich. Aufregend !!!
Wir werden den Flug in Castelmezzano starten, in einer Höhe von 1019 Meter über dem Meeresspiegel und in den nächsten Ort fliegen der Pietrapertosa heißt und auf einer Höhe von 888 Meter liegt. Man fliegt über Bäume und Berge und die Strecke ist ca. 1,5 km lang und erreicht eine Geschwindingkeit von 120 km/h.
In Pietrapertosa gibts dann einen Shuttlebus, der einen zu einem anderen Abflugspunkt bringt, wo man dann fast paralell zurück nach Castelmezzano fliegt und das jeweils bei 118 bis 130 Meter Tiefe.
Die Mädels wachen so langsam auf und verlassen als erste das Schlafzimmer. Ich ziehe es vor, so lang wie möglich liegen zu bleiben um meiner Mutter aus dem Weg zu gehen, möchte ich mir ungern diese Nacht verderben lassen.
So gegen Mittag stehen wir dann doch mal auf, beschließen aber wegen dem Flug nicht zu frühstücken. Ich spüre die Müdigkeit und den Alkohol in mir und scherze in der Runde ob ich mir nicht doch lieber einen Konter- Amaro gönnen soll, lasse die Idee aber fallen, da ich schon von meiner Mutter schief angeschaut werde. Auch sonst schaut Sie mich grimmig an und ich weiß schon aus Erfahrung, daß das nicht mehr lange dauern kann bis Sie anfängt mir eine Standpauke zu halten. Ich schaffe es noch nicht mal ins Bad, da gehts auch schon los. Ein Glück, das mein Cousin schon da ist und sowohl er als auch unser Mann der Gruppe mich verteidigen. Damit hatte meine Mutter wohl nicht gerechnet, Sie gibt auf. Zum ersten Mal.
Glückselig gehe ich ins Bad und zu meinem weiterem Glück leuchtet auch mein Handy mit der Nachricht "Buongiorno Principessa" und der Frage, ob wir schon geflogen sind. Ich beantworte schnell seine Frage mit nein und nach einer schnellen Katzenwäsche fahren wir auch schon los.
Im Auto dann schreib ich Ihm, dass wir grad erst dorthin fahren, und wir danach auch schon wieder nach Neapel zurück fahren werden. Es bleibt eine Weile still, doch dann kommt eine Antwort, die mir so noch nie jemand geschrieben hat, entführen will er mich.... Wow ! Die Jungs im Auto bemerken mein Dauergrinsen, wissen aber noch nichts. Ich beschließe noch nichts zu erzählen und umso näher wir an unser Vorhaben kommen umso mehr denk ich an einen Amaro Lucano....


Dieser Flug hat es mir so angetan, daß ich das gern wiederholen will.

Anbei mal zwei links zu diesem Flug, wer mit will meldet sich einfach....
http://www.volodellangelo.com/ita/web/item.asp?nav=1
https://www.youtube.com/watch?v=4pm3F_tRb2Y