Zwischenzeitlich wurde auch mein Handy ein wenig aufgeladen und als ich es in die Hand nehme, lese ich auch schon eine Nachricht von meinem Herrn, daß er bis zuletzt gehofft hat, daß ich noch bleiben würde. Ich antworte Ihm, daß ich gern noch geblieben wäre und das ist auch die absolute Wahrheit. Zum erstenmal in meinem Erwachsenenleben bin ich traurig, dieses Dorf schon so früh zu verlassen und das liegt natürlich an Ihm. Oh je, wer hätte das mal gedacht.
Wir steigen ins Auto, genießen noch ein wenig die Aussicht der Berge und die Serpentinen und fahren zurück zu meiner Mutter. Sie ist sichtlich angefressen, traut sich aber nichts zu sagen. Wir drei schaffen noch kurz wieder Ordnung, bringen die Matratzen wieder in den Keller und packen unsere Sachen. Zu unserem Gepäck bekommen wir noch einen leckeren Provolone, Kaffee und Taralli mit, da meine Mutter immernoch glaubt, daß ich nach Deutschland zurück fahre und nicht nach Neapel. Es ist eben so üblich, noch immer denkt man, daß es in nördlicheren Gefilden nichts ordentliches zu essen gibt und so lassen wir uns das gern gefallen, immerhin sind wir ja mit dem Auto da.
Wir verabschieden uns, laufen zum Auto und fahren los. Der Mann unserer Gruppe ist nach diesen Stunden sichtlich aufgeblüht und fährt diese Serpentinen so flüssig und voller Elan, als ob er hier zu Hause wäre. Ich schaue aus dem Fenster, mir geht so einiges durch den Kopf, bis mich mein Fahrer schüttelt und fragt, was denn los sei, er hätte mich noch nie so ruhig gesehen. Ich bin überrascht, denn anscheinend nimmt mein Umfeld mich immer nur lachend und überschäumend wahr, daß Ihnen kaum in den Sinn zu kommen scheint, daß auch ich mal nachdenklich sein könnte. Also erzähle ich Ihm, daß ich mir Sorgen um meine Mutter mache und es mir jedesmal leid tut, daß wir es nicht schaffen auch nur ein Wochenende ohne Streit zu verbringen, so sehr ich mich auch anstrenge. Ich kanns meiner Mutter einfach nicht Recht machen. Fahre ich Sie besuchen und verbringe ich meine Zeit damit Ihr den Haushalt abzunehmen oder auch sonstige Dinge zu erledigen und abends nicht auszugehen, fragt Sie mich ob es mir gut geht und fängt dann aus dem Nichts an alte Kamellen aufzuwärmen bis mir der Kragen platzt und wir dann doch wieder streiten. Ich kann einfach diese Sturheit und fehlende Bereitschaft vergessen und verzeihen zu können nicht aushalten. Auch mir sagt man eine gewisse Sturheit nach, obwohl ich wirklich vieles dafür tue um nicht so zu sein oder zu werden wie meine Mutter, aber ich verstehe einfach nicht, wie man letzendlich wegen nichts und falschem Stolz sich so mit der eigenen Schwester zerstreiten kann. Seit über zehn Jahren versuchen wir Kinder und auch weitere Familienmitglieder die zwei Schwestern wieder zu versöhnen, aber meine Mutter ist so stur und nachtragend, daß einfach nichts zu machen ist. Ich dagegen, habe mich so weitgehend geöffnet, daß ich mittlerweile vieles verzeihe oder auch einfach darüber hinwegsehe, daß man mir Desinteresse nachsagt. Dabei habe ich einfach keine Lust mehr, meine Energie für Dinge, die ich nicht ändern kann, zu opfern. Ich versuche alle um mich herum so zu nehmen wie Sie sind und seitdem ich das mache, gehts mir entschieden besser.
Ich spüre wie mein Freund mich mit großen Augen anschaut und mich fragt, ob man das in Deutschland lernt, denn hier in Italien funktioniert das so nicht. Die Mutter überschüttet Ihre Kinder mit so viel Liebe, daß Sie in den Kindern eine gewisse Unselbständigkeit und schlechtes Gewissen fördert. Ich habe hier noch viele Freunde in meinem Alter, die obwohl Sie es sich finanziell leisten können immernoch bei Ihren Eltern wohnen, und aus in meinen Augen falscher Fürsorglichkeit sich nicht trauen auszuziehen. Manche beneiden mich um meine Selbständigkeit und Freiheit während andere mir auch Egoismus vorwerfen. So oder so, spätestens hier weiß ich, daß ich mir wohl das beste aus beiden Kulturen ausgesucht habe, den goldenen Mittelweg.
In diesem Land läuft noch einiges schief, na ja, in Deutschland ja auch.
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