Sonntag, 4. September 2016

zu Hause

 es ist später geworden als gedacht, auf der Autobahn ist ganz schön was los. Die Krise ist in Italien immernoch deutlich zu spüren, zwar lassen sich die Italiener Ihren Urlaub nicht nehmen, aber er findet nun halt eben kürzer statt. Der Verkehr läßt auf Ende August schließen, auch wenn noch eine ganze Woche fehlt.
Mein Handy leuchtet, nur noch fünf prozent Akku, und mit dieser Info blinkt auch eine weitere Nachricht auf, von meinem Herrn, daß er ständig an mich denken muß. Ich antworte Ihm, daß es auch mir so geht und verspreche Ihm mich von zu Hause aus zu melden.
Ich weiß selbst noch gar nicht wie mir geschieht, entscheide mich aber, alles entspannt auf mich zukommen zu lassen.
Wir sind fast da, aber der Verkehr scheint uns noch eine ganze Weile zu blocken und so springen wir am nächsten Autogrill raus und gönnen uns eine Kleinigkeit zu essen. Das Essen ist doch ganz schön zu kurz gekommen dieses Wochenende, wenn man bedenkt, daß meine Mutter eigentlich immer und ständig ans Essen denkt, ungefragt auftischt und schon Tage im voraus fragt, was man eigentlich essen will. Hier im Süden ist es tatsächlich noch üblich, daß man zur Begrüßung fragt, was es denn später zu essen gibt. Mir persönlich ist das alles zu viel, ich esse gern und viel aber dann, wenn ich Hunger habe und nicht weil gerade Mittag ist. Oft mache ich die Rechnung ohne den Wirt, denn hier hält man sich an die Zeiten und so passiert es oft, daß ich nachmittags um vier, wenn ich dann gern Mittag essen will, oft gar nichts bekomme, weil alle geschlossen haben, außer man weicht auf die Touristenstraßen aus und begnügt sich mit einer teureren und nicht so guten Pizza.
Die Küche in Laurenzana ist generell nicht so mein Geschmack, denn sie ist mir zu deftig und zu fleischlastig. Ich mag lieber die Küche in Neapel, die oft mit wenigen Zutaten auskommt und vorallem schnell zubereitet ist. Ich liebe Tomaten, die hier in unendlicher Fülle angeboten werden und vorallem eine echte Gaumenfreude sind. Sie schmecken halt nach Tomaten. Es gibt so viele Sorten, daß ich immernoch nicht alle probiert habe, die kleinen Datteltomaten haben es mir besonders angetan, die esse ich auch zwischendurch wie Weintrauben.
Auch das Thema Essen ist ein häufiger Streitpunkt zu Hause bei meiner Mutter. Ich weiß, sie will mir nur gutes, bereitet mir aber jedesmal "Patate Ripiene" zu, daß ich wirklich nur essen kann wenns draußen schneit und stürmt. Überbackene Kartoffeln mit Salsiccia und ganz viel Käse ist mir im Sommer einfach nichts, jedoch freuen sich immer alle Gäste und so esse ich wenig davon und sättige mich später an den Dolci. Meine Mutter sieht das als persönliche Beleidigung und will einfach nicht verstehen, warum ich gern was anderes essen will, dabei kann man mich mit einem Salat so glücklich machen, oder Auberginenauflauf oder, oder, oder.
Wir steigen wieder ins Auto und so langsam ruckeln wir uns gegen Heimat vor. Mein Handy schafft es tatsächlich noch bis nach Hause und bevor ich den Stecker in die Steckdose klemmen kann, kommt eine neue Nachricht, diesmal von einem Typen aus Neapel. Ein Singer/Songwriter. Nicht schwer so jemanden hier kennenzulernen, ist doch Neapel, die Stadt der Musik. Läuft man hier durch die Quartiere hört man jeden zweiten etwas singen oder pfeifen und das in jeder Altersklasse. Die Musik gehört hier zum Leben wie die Luft zum Atmen.
Er fragt mich wie es mir geht und ob ich unterwegs bin. Ich überlege kurz ob ich antworten soll, aber ja, denn ich kann nicht anders. Ich antworte Ihm, daß ich grad zurück aus der Heimat komme und unbedingt Schlaf nachholen muß, darauf kommt dann eine knappe Antwort zurück und mir fällt auf, daß ich Heimat geschrieben habe. Tja, was ist eigentlich Heimat. Als ich noch in Berlin wohnte, hab ich mich dort zu Hause gefühlt, aber Heimat ? In Berlin habe ich mich auch immer als Italienerin gefühlt, stolze Süditalienerin sogar und hier in Italien bin ich die Deutsche. Mittlerweile sehe ich mich selbst schon als beides und finde mich einfach damit ab, daß ich in diesem Leben eben beides bin, je nachdem wo ich bin oder was gerade gebraucht wird. Dieses Gefühl nirgends dazuzugehören, hat mich einige Jahre ganz schön aus der Fassung gebracht, besonders wenn dann auch noch die Fußballweltmeisterschaft stattfand.
Ach ja, das Jahr 2006 ! Italien wird Weltmeister und das in Deutschland !
Zu der Zeit lebte ich in Frankfurt am Main und die Deutschen erfanden das Public Viewing. Ausgerechnet ! Hätten doch eigentlich die Italiener erfinden müssen. Gut, ich war seit einem Jahr in Frankfurt, nachdem ich das Jahr zuvor meinen Vater verlor und fast gleichzeitig meine Ehe. Es war zwar meine Entscheidung Ihn und auch Siegen zu verlassen, jedoch kämpfte ich mit mir, auch wenn ich mich rasch neu verliebte, in einen Typen, den ich über Freunde kennenlernte. Mit dem ging das dann auch für zehn Monate, mehr schlecht als recht, gut, bis ich dann per Zufall erfahren mußte, daß er mich betrogen und sich sogar verliebt hatte und das ganze zu Beginn der Weltmeisterschaft. Ich war für zwei Wochen zu meiner Freundin nach Holland gereist, um genau darüber nachzudenken, nämlich ob unsere Beziehung noch Sinn machte, aber da war er mir anscheinend einfach einen Schritt voraus. So kann man das eben auch machen.

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