Mittwoch, 7. September 2016

der Wahrheit auf der Spur

 was ein furchtbarer Absturz ! Ich gebe zu, trinken sollte man nur, wenn es einem gut geht, denn Alkohol verstärkt ja die Gemütslage. 
Nachdem wir also von gackernden Hühnern geweckt wurden, brauchten wir eindeutig erstmal einen Kaffee und was zu essen. Am Weg nach Hause hielten wir in der ersten Bar in der Serpentinenstraße an, die auch die erste Bar ist an dieser Straße und wenige Meter von meiner Mutter entfernt. Ich bin eigentlich gar kein Kaffeetrinker, was natürlich in Deutschland alle komisch finden und mit dem Spruch begleitet wird,daß ich doch Italienerin bin, genauso wie in Italien alle sagen, " wie Du magst kein Bier ? Du bist doch Deutsche ! "
Wir bestellen einen Espresso, der hier nur Caffè heißt und für mich einen Cappuccio, also einen Cappuccino. Anscheinend hat keiner eine Vermißtenanzeige für uns aufgegeben, denn wir werden nicht wirklich beachtet. Still trinken wir unsere Getränke und gönnen uns noch jeweils einen Cornetto mit Crema.
Zu unserer Oma will mein Cousin nicht mit, er meint sogar, vielleicht wäre ein Gespräch unter Frauen besser. Wir trennen uns bei meiner Mutter, ich gehe kurz hoch um ein Lebenszeichen von mir abzugeben und nach einer schnellen Katzenwäsche lauf ich auch schon runter zu meiner Oma.
Meine Oma ist zu dem Zeitpunkt 95 Jahre alt und noch sehr fit. Nur mit den Ohren, ja, da haperts ein wenig und man muß mit Ihr ein wenig brüllen.
Ich begrüße meine Oma und Sie merkt sofort, daß ich nicht einfach so da bin. Ich sage Ihr, Oma ich muß Dich mal was fragen, da ruft Sie mir auch schon zu, daß Sie mich schlecht hört. Ich ahne schon, daß es gleich komisch wird wegen der Verständigung. Ich frage also, "Oma, was ist eigentlich damals mit dem Opa und dem Pfarrer passiert ?"  Sie starrt mich an und ruft, "nicht so laut, müssen ja nicht alle hören !" Klar ist, daß alle Nachbarn uns hören werden bei der Lautstärke. 
Als Gegenfrage will Sie erstmal wissen, von wem ich das habe, anscheinend wird so geprüft, wem man was erzählen kann und wem nicht, ich aber verrate es nicht und sage Ihr den Spruch, den wir sonst immer von Ihr gehört haben: Man spricht über die Sache, aber nicht über die Quelle. 
Sie schmunzelt und fängt an zu erzählen. Sie bestätigt mir das Gerücht, kann mir aber natürlich keine Details nennen, weil Sie selbst nicht anwesend war. Klingt logisch. Mein Opa wollte wohl nie wirklich darüber sprechen und kurze Zeit später starb er ja auch schon. Meine Oma macht eine abfällige Handbewegung und sagt, daß danach nichts mehr so gewesen sei wie früher. 
Ich warte kurz und frage mich, ob ich die Frage aller Fragen stellen kann. Mir brennts so unter den Nägeln, also frage ich, ob Sie denn was mit dem Pfarrer gehabt hat. Meine Oma schaut mich an und da entdecke ich eine leichte Röte in Ihrem Gesicht. Beantworten will Sie mir die Frage nicht. Gut, keine Antwort ist auch eine Antwort, also frage ich nur noch, ob der Pfarrer denn gut aussah ? Daraufhin bekomme ich sofort einen Schlag auf meinen Oberschenkel und den Spruch, der war doch viel zu jung.... Ich drücke Sie und bleib noch ein wenig bei Ihr sitzen.
Spätestens jetzt, weiß ich wo meine Schwäche für jüngere Männer herkommt. 
Ich bin optisch und charakterlich eindeutig eine Mischung meines Vaters und meiner Oma mütterlicherseits. Für mich persönlich eine gelungene Mischung, denn meine Oma war eine hübsche aber vorallem kluge Frau, während ich von meinem Vater die fröhliche, optimistische und sportliche Art geerbt habe.
Irgendwie fühle ich mich super, ich mag den Gedanken, daß wir gar keine perfekte Familie sind, wie meine Mutter uns immer einreden wollte und ja, ich muß unbedingt in Erfahrung bringen, ob es noch mehr solcher Geschichten gibt in unserer Familie.
Dieses Land ist voller Widersprüche ! Man will gläubig und katholisch sein, und muß doch feststellen, daß Die Doppelmoral allgegenwärtig ist.
Man setzt für sich andere Maßstäbe als für andere und empfindet dies als normal. Mein Vater meinte immer, klar, warum alle katholisch sind, ist das doch mit eine Religion, die alles verzeiht. Man braucht sich nur in den Beichtstuhl setzen.
Nur zwischen den Menschen funktioniert das nicht, denn werden einem vermeintliche Fehler immer wieder unter die Nase gerieben. Man wird für alles verurteilt, bevor man überhaupt der Frage nachgeht, ob es denn der Wahrheit entspricht. Und davon kann ich euch in diesem Dorf ein Lied singen, denn was über mich alles erzählt wird....
Ich verabschiede meine Oma und laufe zu meinem Cousin runter. Dort angekommen, werde ich schon mit Spannung erwartet und als ich alles erzählt habe, überkommt uns die Lust auf einen Drink und beschließen sofort richtung Bar zu gehen. 
Ich wundere mich über meinen Körper, der diese ganzen Alkoholmengen anscheinend gut verarbeitet und wie gerufen treffen wir ganz zufällig auf einen älteren Herren, der meinen Vater gut gekannt hat, haben sie doch vor der Auswanderung meiner Eltern und später alle Ferien zusammen abgehangen. Nostalgisch fängt er an zu erzählen, wieviel Spaß sie miteinander hatten und erzählt uns prompt eine Geschichte, die sich Anfang der Siebziger Jahre abgespielt haben soll.
Zu dem Zeitpunkt kannte mein Vater meine Mutter noch nicht und wohnte noch bei seinen Eltern in Corleto Perticara, ein Nachbarort von Laurenzana, achtzehn Kilometer entfernt. Mein Vater war also noch keine dreißig Jahre alt. 
Viele Familien haben zusätzlich zu der Wohnung im Ortskern noch Ländereien, die außerhalb der Wohngegend liegen, wo jede Familie fast immer einen kleinen Gemüse- und Obstgarten hat, mal mindestens irgendwelche Tiere wie Hühner und Kaninchen wenn nicht sogar Ferkel, Ziegen oder Schafe und wenn Sie mehr Land zur Verfügung haben, wird meistens auch noch Wein oder Getreide angebaut. 
Meine Großeltern väterlicherseits hatten viel Land zur Verfügung, wo sowohl Wein als auch Getreide und Kartoffeln angebaut wurde.
Der ältere Herr holt tief Luft und wir bieten Ihm erstmal nochwas zu trinken an, bevor er dann mit leuchtenden Augen von diesem Abend erzählt, wo sie auf dem Landgut waren und die erste Weinlese stattgefunden hatte. Alle Familienmitglieder, aber auch Freunde und Bekannte halfen sich gegenseitig bei solchen Tätigkeiten aus, denn es mußte oft schnell gehen, da wegen schneller Wechsel von Witterungsverhältnissen soviel wie möglich abgearbeitet werden mußte.
An diesem besagten Abend also wurde die erste Pressung beim Wein vorgenommen, wo soviele Liter wie möglich gepresst und dann in Weinfässer abgefüllt wurden. Natürlich wurde die erste Pressung auch probiert und bis in die Nacht hinein mit viel Käse, Salami, Schinken und anderen Leckereien genossen. Sicherlich hatten es die damals noch "jungen Männer" ein wenig mit dem Wein übertrieben, wie auch heute noch.
Jedenfalls, mußten sie ja doch noch ein paar Kilometer zurücklegen um danach wieder nach Hause in den Ort zu kommen. Mein Vater sollte dann mit der Ape nach Hause kommen und direkt auch noch das ein oder andere mitbringen. 
Wer die Ape noch nicht kennt, sollte wissen, daß das ein Fahrzeug von der Marke Piaggio ist, mit nur drei Rädern, vorne mit einer kleinen geschlossenen Fahrerkabine, die an eine überdachte Vespa erinnert, wo zur Not auch zwei Personen drin Platz finden, während hinten fast immer eine offene Ladefläche ist, auf der entweder allesmögliche oder auch schonmal sitzend Leute transportiert werden. Daran erinnere auch ich mich immer gern zurück, war das doch immer ein Höllenspaß mitzufahren, erst Recht, weil wir in jeder Kurve unser Gewicht verlagern mußten um mit diesem Gefährt nicht umzukippen.
Die zwei jungen Männer hatten wohl an dem Abend ein bißchen zuviel Wein gehabt, und ausgerechnet die erste Pressung, die ja Fruchtzucker- und Alkoholhaltiger ist und einem schneller zu Kopf steigt.
Jedenfalls traute mein Vater sich diese Fahrt wohl noch zu und fuhr wenn auch etwas langsamer als sonst, trotzdem zu schnell diese Serpentinen zurück nach Hause, bis in einer harmlosen Kurve sie die Kontrolle über die Ape verloren und sich erst die Böschung hinab probierten, um noch an wenigen Bäumen entlang zu fahren bis sie dann endgültig nichts mehr machen konnten und sich dann mit dem Gefährt mehrmals überschlugen.
Wie ein Wunder hatten beide bis auf ein paar Schrammen nichts abbekommen und sogar die Ape hatte das ganze nur mit ein paar kleinen Beulen und Kratzern überlebt. 
Als sie sich selbst wieder aufgerappelt hatten, gönnten sie sich erstmal noch einen Schluck Wein und sammelten dann alle Waren ein um dann im Schneckentempo nach Hause zu kommen.
Mein Cousin und ich sahen uns schmunzelnd an, bis wir dann doch mit dem älteren Mann in Gelächter ausbrachen, und sowas wie, ja ja, dieser Alkohol, gebrabbelt wurde und wir gemeinsam an der Theke uns noch einen Amaro gönnten. Er prostete uns zu und versprach uns noch mehr Geschichten erzählen zu können, doch wir hatten für heute genug gehört.

Man könnte meinen, es wäre alles gut gegangen, aber etwas war doch von dem ganzen übrig geblieben, nämlich, daß mein Vater seitdem nie wieder fahren konnte. Diesen Schock hat mein Vater wohl niemals überwunden und jetzt verstehe ich auch, warum wir immer mit dem Zug nach Italien gefahren sind und nie ein Auto hatten.

Als mein Bruder und ich taggleich den Führerschein bestanden und wir später ein Auto hatten, erinnere ich mich, daß mein Vater mich mal nach dem Schlüssel fragte und mal fahren wollte. Er meinte ja nur keinen Führerschein zu haben, aber fahren könne er ja. Wir gingen also zusammen zum Auto und ich übergab Ihm die Schlüssel, aber nachdem er hinterm Steuer saß, probierte er gar nicht erst das Auto zu starten und stieg ohne Begründung wieder aus. Ich sah zwar, daß er ein wenig blaß wurde und seltsam nervös, hab aber damals nicht weiter reagiert und nachgefragt.
Leider ist mein Vater einfach zu früh gestorben, heute hätte ich noch so viele Fragen. Wer weiß, was so alles passiert ist, wovon wir niemals etwas erfahren werden.

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