Samstag, 3. September 2016

Castelmezzano, Pietrapertosa und die Flüge

 nachdem wir alle offiziellen Hürden überbrückt haben gehts endlich los zu unserem Flug. Es ist heute ganz schön warm und ich glaube wir haben uns alle zu warm angezogen. Wir holen uns ein frisches Wasser und laufen los, denn wir müssen eine kleine Wanderung von dreißig Minuten hinter uns bringen, die uns zur ersten Abspringplattform bringt. Mir gehts trotz aller Umstände wohl am besten, wahrscheinlich weil ich wohl gewohnt bin in der Hitze durch die Gegend zu laufen, denn die Jungs haben sichtlich Mühe mir zu folgen, obwohl auch ich mich langsam diesen Hügel hocharbeite. Ich ärgere mich über mich selbst, daß ich zu wenig Wasser dabei habe und mich von den anderen hab überreden lassen mich so warm anzuziehen, da höre ich einen Signalton von meinem Handy und zwar eindeutig der Facebook Messenger. Neugierig schaue ich nach und sehe, daß mich ein Typ aus Laurenzana angeschrieben hat, den ich jetzt auch schon knapp ein Jahr kenne. Ein ganz hübscher Bursche, der jedesmal wenn ich da bin versucht mit mir anzubandeln. Natürlich ist auch er einiges jünger und ich weiß gar nicht, warum zur Zeit nur ganz alte und viel zu junge Männer auf mich abfahren, obwohl die Alten waren immer schon als Verehrer anwesend, weiß auch nicht warum.
Er gehört zu dieser aktiven Truppe unseres Dorfs, ist auch sonst ein schlaues Kerlchen und ich frage mich, warum eigentlich er mir doch nicht so gut gefällt. Dazu muß ich euch jetzt erstmal erläutern, wie dieses Dorf tickt. Die ganzen letzten Jahre meines Lebens wenn ich in Laurenzana war hatte ich einen festen Freund dabei. Natürlich haben wir uns zwar trotzdem amüsiert, aber die Kehrtwende kam als ich 2006 das erste mal so ganz allein im Dorf war und dann direkt für ein paar Wochen. Damals war auch noch mein anderer Cousin im Dorf und so traf ich mich mit beiden abends zum ausgehen und lernte über die zwei auch viele andere Jungs kennen. Ich war nach dreizehn Jahren Beziehung vogelfrei und hatte den Wunsch einiges nachzuholen und zwar auf jeder Ebene. So fing ich dann mit Alkohol an. Eigentlich war ich bis dahin kein großer Freund von Alkohol, geschweige denn Drogen, aber im Dorf lachten mich alle aus, weil ich immer nur Wasser bestellte und so wurde ich überredet doch endlich mal wie ein echter Italiener zu handeln und gefälligst mitzutrinken. Die Betonung liegt auf Italiener, denn tatsächlich war ich immer die einzige Frau in diesen Männerrunden, was mir aber gar nichts ausmachte, war ich das schon mein Leben lang gewohnt. Also gings dann mittags schon los mit Prosecco, Martini oder Aperol Spritz bis dann der Amaro Lucano dazukam. Das Wasser wurde verdrängt, was auch den Vorteil hatte nicht ständig auf Toilette zu müssen.
Die Tatsache, daß ich sowohl optisch als auch verhaltensmäßig so ganz anders als alle anderen Frauen hier im Ort bin, ist schon auf den ersten Blick erkennbar. Daß ich noch dazu für allen Schabernack zu haben bin, begeistert auch heute noch und oft höre ich, es müsse noch mehr Frauen geben wie mich. Ich bin halt immer gut gelaunt, neugierig und mag gern mit allen quatschen, die mir sympatisch sind. Für die Leute im Dorf ein Mannsweib, auch wenn ich optisch absolut Frau bin. Tatsächlich sieht man hier im Ort wenige Frauen und wenn dann sind Sie fast nur unterwegs um Erledigungen zu tätigen. Abends dann sieht man die Teenager und das wars auch schon. Kein Wunder, dass sich alle freuen mich zu sehen, erst recht wenn ich dann noch blonden Besuch aus Deutschland mitbringe oder wie zuletzt meine neapolitanischen Freundinnen, die einfach eine ganz andere Lebensfreude ausstrahlen.
Na ja, ich bin ja gut erzogen und antworte der Wahrheit entsprechend, dass wir den Engelsflug machen wollen und dann schon nach Neapel zurückfahren und wir uns spätestens im September wiedersehen.
Genau dies alles stört meine Mutter. Ich gebe Ihrer Meinung nach, zu vielen Männern "confidenza", daß heißt soviel, wie zu viel Aufmerksamkeit und das macht man als italienische Frau nicht, wenn man nicht als "zoccola" abgestempelt werden will, also als Schlampe. Ich frage mich ganz oft, wie meine Eltern es miteinander ausgehalten haben, waren Sie beide in fast allen Dingen unterschiedlicher Ansichten. Mein Vater scherrte sich überhaupt nicht um das Geschwätz der Leute und lebte wie er wollte, sehr zum Leid meiner Mutter und Oma mütterlicherseits. Er verteidigte mich immer vor den Frauen und ließ mich schon als Teenager oft alleine mit den Jungs losziehen, während meine Mutter mit mir schimpfte ich sollte gefälligst aufpassen und nicht schwanger nach Hause kommen, obwohl ich damals am anderen Geschlecht noch gar nicht interessiert war, geschweige denn uns mal jemand aufgeklärt hätte. Das aber übernahm das "Dr. Sommer Team" aus der "Bravo", und nicht nur für mich wie ich mittlerweile weiß.
Endlich oben angekommen werden wir auch schon empfangen und für den Flug vorbereitet. Man schlüpft in so einen gepolsterten Panzer, bekommt einen Helm und wird nach dem Gewicht gefragt, daß man für das Abbremsen braucht. Unser erster Mann startet. Sichtlich nervös hängt er nun waagerecht in der Luft und ich mache Ihm Mut und ein paar Beweisfotos, bevor er auch schon mit einem "cazzo" Schrei den Hang hinunter gleitet. Ich schaue Ihm aufgeregt hinterher und da wird auch schon der nächste hochgerufen. Nun hängt auch schon mein Cousin am Haken, der aber bevor er überhaupt in die Waagerechte kommt, von seinem Mut verlassen wird und von keinem von uns zu überreden ist. Sie machen Ihm den Vorschlag mich vorzulassen um zu sehen, wie es sich für mich anfühlt um vielleicht doch noch Mut zu schöpfen und da geht es bei mir auch schon los. Mit dem Loslassen meldet sich kurz mein Magen und ich fange an über den Bäumen und Bergen zu gleiten. Es ist unbeschreiblich schön und ich empfinde keinerlei Angst, ganz im Gegenteil, ich stoße einen Freudenschrei aus und frage mich, wie der Flug sich wohl anfühlen würde wenn man ein wenig betrunken ist. Die Sonnenbrille braucht man auf jedenfall um diesem Wind und dem hellen Licht der Sonne zu begegnen. Mir schießt das Lied durch den Kopf, " Flieger, grüß mir die Sonne..... " und gleite vor mir hin und genieße die Aussicht. Nur Fliegen ist schöner.....
Die, die mich schon lange kennen, denken jetzt bestimmt, was ist bloß mit dieser Frau los. Ich war schon immer etwas mutiger, jedoch muß ich gestehen, daß ich seitdem ich in Neapel lebe noch lebensfroher und hungriger geworden bin. Ob es wohl am Klima liegt ?
In Pietrapertosa angekommen ist das Abbremsen das einzige was kurz meine Herzfrequenz erhöht und ich spüre nun deutlich, daß ich Hunger habe.
Mein Cousin kommt wohl nicht mehr angeflogen und wir zwei übrigen entscheiden den Shuttlebus zu nehmen um zur nächsten Abflugplattform zu gelangen. Wir gackern und gluckern vor uns hin und sind beide überglücklich. Dann werde ich fest umarmt und er bedankt sich dafür, daß ich Ihn überzeugt habe mitzukommen und überhaupt für meine Freundschaft und meine verrückte Art, es hätte Ihm immer jemand gefehlt, der Ihn mal aus seiner Reserve lockt. Ein wenig gerührt, steigen wir ein und fahren zum nächsten Punkt. Dieser Flug von Pietrapertosa nach Castelmezzano ist ein wenig langsamer und man kann diesmal mehr von der Ortschaft sehen. Diesmal erschreckt mich das Abbremsen nicht mehr und nun angekommen versuche ich meinen Cousin anzurufen.

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