https://www.youtube.com/watch?v=4zGcYkdRBSU
Ich genieße diesen Song und träume so vor mich hin, dabei denke ich auch nochmal an unsere Unterhaltung von vorhin und frage mich ernsthaft, was stimmt in diesem Land bloß nicht. Wie kann es sein, daß bei so viel Liebe auch so viel Leid zu spüren ist. Warum hat die Kirche immernoch so einen großen Einfluß auf diese Menschen hier und das im Jahr 2016 ? Gut, auch andere, extremere Religionen gewinnen immermehr Gläubige, was ist bloß los in dieser Welt, doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, werde ich auch schon angesprochen, trotz Hut und sogar mit Namen. Ich schaue kurz hoch und sehe Ihn vor mir stehen. Ich nenne Ihn immer Valentino, weil er dem Designer Valentino zumindest mit der gleichen Hautfarbe total ähnlich sieht, diesem gegerbten gelborange, dazu trägt er seine Haare, zumindest das was übrig geblieben ist, auffällig lang in undefinierbarem gelbblond,denn er hat einen Hubschrauberlandeplatz, auch gelborange gebräunt, und blaue Augen. Ja, blaue Augen sieht man hier viel, besonders in der Kombination mit dunklen Haaren.
Zu meinem Leid ist er von Beruf Friseur und jedesmal wenn wir uns treffen, faßt er meine Haare an und fragt mich, wann er Sie endlich mal schneiden darf.
Ihr müßt wissen, die neapolitanischen Frauen legen sehr viel Wert auf Ihre Haare. Ich habe noch nie so viele Friseursalons auf kurzer Distanz gesehen wie hier, denn, die Frauen gehen sogar zum Waschen und Legen zum Friseur, denn sie lassen sich die Haare glattföhnen und mit Glätteisen und anderen Treatments kämpfen Sie gegen jede Locke.
Ich selbst hab feines, sehr trockenes Haar, lang und naturgewellt und ich föhne nie. Ist die Luftfeuchtigkeit was höher, krausen sie sich seltsam und besonders an den Geheimratsecken bilden sich dann so kleine Hörner, daß ich wie ein Teufelchen aussehe und damit spätestens für viele unbedingt zum Friseur muß.
Ich kämpfe seitdem ich hier bin für meine Haare und verteidige sie gegen meine Freunde und auch gegen diesen Friseur. Ich mag meine Haare und ich finde, daß Sie meine Persönlichkeit widerspiegeln. Ich bin halt wild und unzähmbar und das strahlen wenigstens meine Haare aus, denn kleidungstechnisch bin ich sehr simpel und fast nur schwarz gekleidet, aber auch das wird nicht gern gesehen und ständig kritisiert.
Wie gut, daß ich heute liege und meine Haare unter meinem Hut begraben sind, doch trotzdem werde ich gefragt, wann ich denn mal kommen will.
Ich antworte wie immer freundlich und bestimmt, daß ich meine Haare so mag und nicht kommen werde, daraufhin lacht er und schmunzelt so vor sich hin, daß er eigentlich nur das gerne hören will, auch wenn er es nicht versteht, ich könnte doch soviel besser aussehen. Ich sag nur, noch besser ?, ich hab doch auch so schon genug Verehrer und fange an zu lachen. Er lacht mit mir mit und fragt dann natürlich prompt, wo denn dann mein Angebeteter ist und ich kann Ihm endlich mal antworten, wo dieser steckt, nämlich in Potenza.
Wir quatschen noch ein wenig Unsinn bevor er mich verläßt um sich im Meer abzukühlen.
So langsam bekomme ich Hunger und so packe ich mein Mortadellabaguette aus und beiße hinein, da begrüßt mich auch schon der nächste.
Oh nein, wie unangenehm, aber zu meiner Überraschung nimmt er nicht neben mir Platz sondern zieht ein paar Steine weiter.
Dieser Typ ist eigentlich nicht mein Beuteschema, aber er sieht verdammt gut aus, ist durchtrainiert, hat dunkelblonde Haare und blaue Augen und ist grad mal fünfundzwanzig Jahre alt. Ihn hab ich hier durch andere kennengelernt und nach einigen Unterhaltungen hat er mich dann nach meiner Nummer gefragt. Die Einladung zum Kaffee kam auch relativ zügig und so hab ich dann nach ein paar Bedenken und Ausreden eines Abends doch mal zugesagt. Wir treffen uns auf Piazza Bovia, die im Volksmund Piazza Borsa heißt, weil dort tatsächlich die Handelsbörse zu finden ist. Diese Piazza liegt an der Via Umberto und diese ist eine lange breite Prachtstraße, die direkt zu Piazza Garibaldi und zum Hauptbahnhof führt. Sie war jahrelang verschmäht worden, doch so langsam werden die alten tollen Gebäude restauriert und saniert und man findet neben der Universität auch noch ein super Hotel und vieles anderes in dieser Straße.
Nun gut, der Typ kommt mit einem Auto, daß ein rumänisches Kennzeichen hat und nach einem wohl komischen Blick von mir erklärt er mir dieses Phänomen. Die Auto- und Rollerversicherungen sind hier in Neapel um das fünffache teurer als z.B. in Mailand, weil immernoch behauptet wird, daß hier viel gestohlen und getrickst wird, obwohl die Zahlen mittlerweile belegen, daß dies überhaupt nicht der Wahrheit entspricht, ganz im Gegenteil, in Mailand werden viel mehr Diebstähle und Unfälle angezeigt als hier. Er zahlt diese Versicherung einmal jährlich an einen Typen und er hat auch noch den Vorteil, daß er sämtliche Knöllchen nicht bezahlen muß, weil Sie einfach nie bei Ihm ankommen. "Furbo" sagt er, daß heißt so viel wie schlau oder eher link, na ja, genau die Eigenschaft, die jedem Neapolitaner nachgesagt wird und deshalb hier auch nichts funktioniert, weil jeder denkt, er wäre schlauer als der nächste.
Ich muß als Deutsche natürlich widersprechen und erkläre Ihm warum Ich das nicht für schlau halte, aber mit seinem Grinsen vergeht mir erstmal diese Diskussion und wir fahren auch schon los.
Er bringt mich zu einer Bar und wir trinken tatsächlich einen Kaffee, denn er trinkt keinen Alkohol und auch sonst achtet er auf seine Ernährung und erzählt mir, wie und wo er sich sein gutes, in meinen Augen langweiliges, Essen besorgt, im Bioladen. Ich gebe zu, in Berlin hab ich auch dort eingekauft, aber weil das Gemüße dort wirklich besser war, aber hier ?
Ich habe so langsam meine Zweifel, ob dieses Treffen wirklich eine gute Idee war, will aber nicht der Spielverderber sein, also ignoriere ich das und lasse mich bereitwillig auf eine Spritztour ein, wo er mir ein paar Ecken der Stadt zeigt, die ich zwar schon kenne bis er dann auf einen Parkplatz fährt. In dem Moment fallen mir die Feldwege in Laurenzana ein, die doch soviel sympatischer sind und ich denk nur, ok, schauen wir mal was passiert.
Wir quatschen noch, doch er lenkt das Gespräch ganz klar in eine Richtung. Er will Sex und fragt mich, was mir denn so gefällt. Ich bin ein wenig überrascht über diese Herangehensweise und bevor ich weiter nachdenken kann schiebt er mir auch schon seine Zunge gegen meine Zähne. Ich weiche zurück und würd am liebsten fragen, wer Ihm bloß das Küssen beigebracht hat oder auch nicht. Er probierts einfach nochmal und es wird nicht besser. Ich bremse Ihn und denke schon wieder, wie wird wohl der Rest sein, wenn das knutschen schon nicht funktioniert. Ok, ich bin ja älter, vielleicht will er ja was lernen, also gebe ich Ihm noch eine Chance und ich versuche Ihm so schonend wie möglich zu zeigen, wie ich es gern mag, aber er ist einfach resistent gegen meinen Verbesserungsvorschlag und so fange ich nun wirklich an zu schwitzen, wie ich nun bloß aus dieser Nummer rauskomme.
Ich erzähle Ihm, daß ich einfach noch nicht bereit wäre, schiebe die Ausrede mit meinem Ex dazwischen, daß ich angeblich noch nicht überwunden habe, und hoffe, daß er von mir abläßt.
Er ist sichtlich angefressen und sagt mir, daß er von mir, weil ich doch soviel älter bin, was anderes erwartet hat und fragt mich, ob es denn an Ihm liegen würde. Ich würde so gerne ja sagen, lasse es aber, schließlich will ich ja noch heile nach Hause kommen. Er hatte sich vorgestellt, daß ich eine nimmersatte Liebesdienerin wäre, nicht verklemmt, weil ich ja eine Deutsche bin, und deshalb ist er jetzt auch so enttäuscht. Ich sollte es aber beim nächsten Mal wieder gutmachen und ich aber weiß schon jetzt, daß es kein nächstes Mal geben wird. Interessant wie man deutsche Frauen einschätzt, darüber muß ich wohl noch mehr Informationen sammeln.
Immerhin fährt er mich noch zurück, auch wenn er mich am liebsten auf dem Parkplatz zurückgelassen hätte. Ich bin halbwegs froh und freue mich nur noch auf zu Hause.
Wieder einmal habe ich erfahren müssen, daß man niemals gegen sein Bauchgefühl handeln sollte. NIEMALS !
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