Samstag, 29. Oktober 2016

komische Gedanken

  wenigstens bin ich nun mein Fieber los, daß viele Schlafen war wohl doch für was gut. Nach einem ausgiebigen Frühstück hab ich totale Lust die Wohnung zu verlassen, aber da es noch Mittag ist und die Sonne immernoch brennt, widme ich meine Zeit erstmal einer ordentlichen Dusche. Ich erreiche meine Freundin aus München, die grad Zeit für mich hat und wir plappern über den Herrn hier und über die Männer in München und stellen erneut fest, daß in dieser Welt einiges schief läuft. Man hat den Eindruck, daß die Männer irgendwie Ihre Identität verloren haben und da sind wir Frauen ganz dick dran beteiligt. Die Geschlechterrollen werden über den Haufen geworfen und viele wissen nicht mehr richtig wie sie sich verhalten sollen, inclusive uns. Und nun stellt euch vor, daß es für mich hier im Süden, wo noch alles ein wenig anders und altmodischer ist als zuletzt in Berlin, noch komplizierter wird als ich dachte. Immerhin vergeht uns noch nicht das Lachen, denn das muß ich sagen, wenn wir zwei mal anfangen, endet das immer in Lachkrämpfen. Also ist alles noch nicht so schlimm. Wir beenden unser Gequassel nach eineinhalb Stunden und nun ist es endlich Zeit nochmal rauszukommen.
Ich laufe an Piazza Carolina vorbei und schon werde ich von meinem "Tabacchino" Händler freundlich wie immer mit Frau Deutschland begrüßt. Er steht grad vor der Tür, um eine zu rauchen. Ihr wisst ja, daß ich nicht rauche, aber diese kleinen Tabakhändler bieten heute allesmögliche an wie z.B. Sportwetten aller Art, Fahrkarten, Postkarten und Briefmarken genauso wie auch Süßkram wie früher der Tante Emma Laden in Deutschland. Früher verkauften die auch Salz und deshalb liest man noch "Sali e Tabacchi" auf manch alten Schildern. Tabak und Salz waren exclusive Güter, die während der Kolonialzeit staatlich kontrolliert verkauft wurden. Heute braucht der Tabakhändler eine gesonderte Lizenz, daß mit ein Grund warum man in Italien nicht überall Zigaretten kaufen kann, denn diese Lizenz, hab ich mir sagen lassen, läßt sich der Staat ordentlich bezahlen. Nachts braucht man dann für den Automaten mal mindestens seine Gesundheitskarte um sich auszuweisen, die lustigerweise im Moment nur für den Tabakautomaten zu gebrauchen ist, denn die Ärzte sind mit der neuen Technik noch nicht ausgestattet.
Ich besorge mir meine Fahrkarten und Kaugummis, ab und an spiele ich Lotto und Fußballwetten oder zahle meine Rechnungen hier, da in Italien ein Girokonto keine Pflicht ist, ganz im Gegenteil, viele mißtrauen dem ganzen sogar, und ich so nicht zur Post muss, wo vorallem die älteren Generationen hingehen um sich Ihre Rente auszahlen zu lassen. Bei der Post steht man also tatsächlich immer in langen Schlangen, wegen der Rentner oder denen, die Rechnungen zahlen müssen. Irgendwann wurde dann den Tabacchinohändlern die Erlaubnis erteilt Rechnungen entgegen zu nehmen, aber auch Telefonkarten aufzuladen oder Girokontenkarten, die nur mit Guthaben funktionieren. 
Ihr seht, daß mit dem Vertrauen ist hier so eine Sache und wenn es damit schon nicht funktioniert, wie soll es dann mit anderen Dingen in diesem Land funktionieren ?
Der Inhaber des Tabacchinos hat zwei Söhne, und weitere Verwandte die dort mitarbeiten. Der eine von den beiden Söhnen sieht super aus, ich hab noch nicht rausfinden können, ob er vergeben ist, aber da dieser Tabacchino immer ordentlich frequentiert wird, ergibt sich kaum eine Möglichkeit mal intensiver miteinander zu reden. Letztens hat er mich doch tatsächlich gefragt, wann ich denn zurück nach Deutschland gehen würde. Wer weiß, was er gedacht hat, aber nachdem ich Ihm mitgeteilt hatte, daß ich beabsichtige hier zu leben und nicht zurück nach Deutschland zu wollen, wird er ein wenig redseliger. Ich hab schon häufiger darüber nachgedacht, wie ich das anstellen könnte Ihm meine Telefonnummer zu übermitteln, aber die Mädels sagen mir alle ich soll warten, bis er den ersten Schritt macht, daß ist hier eben so üblich. Na das kann wohl noch was dauern, denn leider sind wir nie allein und außerhalb des Ladens ist er mir noch nie über den Weg gelaufen und vor seiner ganzen Family wird er mich wohl niemals fragen.....
Wie auch immer, direkt nebenan ist eine Bar, wo ich natürlich auch alle kenne und dort gönne ich mir erstmal einen Cappuccio und meine geliebte Frolla. Irgendwer ist immer da, den man kennt, und wenn es nur die Angestellten sind, die heute in besonderer Aufregung sind, es wird natürlich über den SSC Napoli geredet und der Championsligateilnahme, dem Trainer und dem verhassten Spieler Higuain, der leider weiter Tore schießt, wenn jetzt auch für den Feind Nummer eins, dem Juventus Turin. Ach ist das schön, denk ich, endlich wieder unter Leuten und ich liebe es ja, wenn es lauter und turbulent zu geht. Nach einer guten Stunde beschließe ich zum Meer runterzulaufen. Ein Spaziergang wird mir jetzt besonders gut tun.
Ich bin kaum unten angekommen, geht mein Telefon, das hatte ich jetzt lange nicht mehr gehört, denk ich und sehe, daß mich die Busenfreundin von meinem Herrn anruft. Sie will mal fragen, wie es mir geht, hat sie Ihn doch gestern noch getroffen und schon von allem gehört. Ich sag Ihr, was ich ehrlicherweise darüber denke und was ich fühle und stelle zu meinem Erstaunen fest, daß es mir schon gar nicht mehr so schlecht geht. Anscheinend war ich wohl, warum auch immer, nicht so tief verstrickt wie ich erst dachte, sage ich Ihr und Sie aber ermuntert mich ihn doch in ein paar Tagen nochmal zu kontaktieren, sie würde es so schade finden und uns gern wieder zusammen sehen. Ich weiß noch nicht was ich machen will, im Moment zumindest erstmal nichts, sage ich Ihr und wir versprechen uns weiterhin in Kontakt zu bleiben.
Männer sind heute so ängstlich, daß sie Zuspruch brauchen, sagte sie mir und ich denke nur, will ich das ? Schon wieder jemanden, dem man ständig Mut machen muß ? Irgendwie hatte ich mir ausgemalt, daß ich hier mal auf Männer treffe, die wissen was sie wollen, wegen mir auch Macho und besitzergreifend sind, aber immerhin nicht zögerlich, weinerlich und ein wenig bestimmender. Oh Gott, ich spreche von Klischees, von denen hier auch nichts mehr übrig ist, wie wir Mädels immer wieder feststellen.
Irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, daß Sie mehr weiß, als sie mir erzählt, aber das werde ich wohl erstmal nicht erfahren.

Jetzt ist es deutlich Zeit für ein leckeres Eis und ich laufe über Piazza Vittoria vor zur Piazza Dei Martiri um in Via Chiaia zu meiner Lieblingseisdiele zu kommen.
Die Piazza Dei Martiri ist eine Piazza an der sich einige Designerläden tummeln, von der kommt man in die Via Gaetano Filangieri , wo weitere Designerläden zu finden sind, die natürlich in wunderschönen Gebäuden zu finden sind, die meisten von ihnen im achtzehnten Jahrhundert gebaut. Dieses Quartier ist insgesamt gepflegter, weil auch wohlhabender und ab und an laufe ich gern mal hierlang. Auch wenn ich mir nicht mehr vorstellen kann in einem Laden zu stehen, die Mode an sich interessiert mich aber weiterhin und seitdem ich mit einem bekannten Modefotografen aus London befreundet bin und schon bei einem Modeshooting von Ihm hier in Neapel mitgearbeitet habe, freue ich mich schon auf unser nächstes Shooting in zwei Wochen, wo wir mitten in Neapel die Models und Neapolitaner ablichten werden.
Mit Ihm bekommt der ganze Modezirkus eine neue Facette, weil er selbst sehr unkompliziert und herzlich ist, noch dazu ein Verrückter wie ich. Wenn ich mir überlege, daß ich mit Ihm und seinem Team das erste Mal hier nachts im Meer gebadet habe und das vor Neapolitanern, die sowas kaum machen und uns für Verrückte hielten. Herrlich. Zugegeben, wir waren alle schon gut angetrunken, denn er liebt es hier Negroni zu trinken und Ihr wißt ja, was Engländer vertragen können, aber auch der Amaro fängt Ihm an zu schmecken.
Ich gönne mir dunkle Schokolade und Pistazie und setzte mich auf eine Bank, von der ich noch ein wenig die Leute beobachte, bzw. die Männer,
bevor ich mich dann auf dem Weg nach Hause mache. Ich stelle mein Handy auf lautlos und lege mich wieder in mein Bett, in Gedanken bin ich bei keinem und allen Männern gleichzeitig. Kennt Ihr das ?

 

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Fieber

  irgendwie werd ich heut wach und hab das Gefühl, daß das noch nicht alles ist. Meistens kommt ja alles auf einmal.
Heute gehts mir immernoch schlecht, so einen Fieberschub hatte ich schon lange nicht mehr. Ich nehme eine Paracetamol und gehe in die Küche, seltsamerweise habe ich Hunger. Es ist Obst da, aber auch meine Lieblingskekse, also entscheide ich mich für meinen schwarzen Tee mit ein wenig Milch und tunke meine Kekse bis ich fast satt bin. Zugegeben, nicht gerade ein gesundes Frühstück, aber da ich seitdem ich in Italien bin wenig Süßes esse, ist das nicht weiter schlimm. Ich kaufe selten Schokolade und sowas wie Schnuckkram, was wir früher zu Hauf mit meinen Kollegen auf der Arbeit aßen, esse ich hier überhaupt nicht mehr. In Deutschland hatte ich selten Verlangen nach Eiscreme, während ich hier fast öfters die Woche welches esse und natürlich komme ich nicht an meine "Frolla" oder "Pastiera" vorbei, daß sind Kuchen, die mit Ricotta und mit getrockneten Orangenstücken gefüllt sind, die ich bevorzugt in meinen beiden Lieblingspasticcerias kaufe, auch wenn die, ähnlich wie mit der Pizza, eigentlich fast überall gut schmecken.

Ich schlendere wieder ins Bett, auch wenn draußen über dreißig grad sind, aber die Sonne vertrage ich heute nicht. Ich nehme mein Handy in die Hand und lese wie fast jeden Tag mein Horoskop und das in zwei deutschen und zwei italienischen Apps. Ja, lacht nur, aber mich muntert es auf, und da die Italiener, sogar die Männer, dafür aufgeschlossen sind, ist das italienische auch viel ausführlicher.
Im Gruppenchat sind mal wieder einige Nachrichten, nur von meinem Herrn ist noch nichts eingetrudelt. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, daß ich mir das fast gedacht habe und überlege kurz, ob ich Ihm schreiben soll. Da ich so schlecht bin im warten, schreib ich Ihm ob alles ok ist, oder ob auch er jetzt Fieber hat, und ohne abzuwarten, ob er online ist und antwortet, ziehe ich mir mein Bettlaken über den Kopf und fühle schon was los ist. Er wird wohl seiner Angst folgen und das Ganze beenden wollen. Bereits bei unseren ersten Telefongesprächen erzählte er mir, daß er totale Angst hat, zu unterschiedlich sind wohl unsere Leben, dann noch die Entfernung. Ich vermute, daß die Wahrheit wohl die ist, daß er Schwierigkeiten hat seinem Umfeld und seiner Familie zu erzählen, daß er sich in eine verrückte "Deutsche" verliebt hat, die auch noch einige Jahre älter ist und nicht das klassische Leben einer Italienerin führt, geschweige denn einer Süditalienerin. Seinen Eltern wurde wahrscheinlich schon erzählt, mit wem er beim Knutschen in Laurenzana gesehen wurde und dazu direkt mit, was diese "Deutsche" angeblich schon so alles angestellt hat.
Wie gut, daß es mir sowieso schon schlecht geht, denk ich und versuche einzuschlafen.

Als ich wieder wach werde schnappe ich mir als erstes mein Handy und wie schon gedacht antwortet mir mein Herr, daß er mich heut abend nach der Arbeit anrufen will. Verschwunden die Wörter Principessa, Resilienza oder einfach nur Teresina, von den vielen Kußsmileys sehe ich auch nichts mehr. Gut, soll ich mir dieses Telefongespräch wirklich antun ? Ich weiß noch nicht so recht und deshalb antworte ich Ihm auch gar nicht erst. Ich lasse das mal auf mich zukommen. In der Zwischenzeit lege ich mich einfach wieder schlafen. So krank war ich schon lange nicht mehr.
Ich werde wieder wach, diesmal klingelt es an der Tür. Es ist mein Nachbar von oben und auch Ihn hat es erwischt, er fragt mich freundlich ob ich wohl noch was zum einnehmen hätte und darauf biete ich Ihm meine Paracetamol an. Wir scherzen ein wenig und wir sehen beide zerstört aus, anscheinend ist wohl noch schlimmeres im Umlauf als nur Fieber. Er lacht, als er sieht, daß es deutsche sind und fragt, ob ich den italienischen Produkten nicht vertraue ? Aber nein, antworte ich Ihm, die sind in Deutschland einfach nur um einiges billiger und so fragt jetzt halt jeder der mich besuchen kommt, was er denn mitbringen soll. Medikamente lasse ich mir immer mitbringen, vorallem meine homöopatischen Produkte, denn die gibt es hier kaum und wenn kosten diese hier oft das fünffache. Die Apotheker hier sind reiche Leute.
Mein Nachbar sieht auch krank unverschämt gut aus, doch leider interessiert er sich für Tomb Raider auch wenn Sie nichts von Ihm wissen will. Diese Welt kann manchmal ganz schön ungerecht sein. 
Er sieht aus wie Alain Delon in den Siebzigern, ein wenig dunkelhaariger, aber fast dieselbe Frisur, der Bart und diese Gesichtszüge, komisch das mir das jetzt erst auffällt. Mein Herr oder wahrscheinlich jetzt Ex-Herr, hat äußerlich nichts von alledem was mir bei Männern gut gefällt, und trotzdem gibts da was, was mich fasziniert, nur halt nicht optisch. Bei meinem Ex war das genauso. Optisch war er überhaupt nicht mein Fall, einige Freunde fragten mich damals sogar, ob ich an einer Sehschwäche erkrankt wäre ganz plötzlich, aber na ja, es hatte halt gefunkt. Ich hab Ihn mir dann langsam geformt. Mit Hilfe seines Opas, der mich da unterstützte, ließ er sich endlich einen Bart wachsen, und das bevor es "hip" wurde, und auch sonst wurde er mit der Zeit immer hübscher. Am Höhepunkt angekommen, hat er mich zwar ausgetauscht, dafür hat aber seine Attraktivität dann sehr schnell nachgelassen, wie ich immerwieder mal anhand von Fotos vorgeführt bekomme. Ich habe Ihn zwar überall gelöscht, doch ich hab mehrere Freunde, die noch mit Ihm auf Facebook befreundet sind und immer wenn er ein neues Foto postet, bekomme ich das dann als Screenshot mit herrlichen Kommentaren versehen dann zugeschickt.
Tja, längere Haare, am besten noch wilde Locken und Bart und schon kanns um mich geschehen, fragt nicht warum.
Mein Nachbar verabschiedet sich und ich gehe allein zurück ins Bett, schade eigentlich, danach hätte ich bestimmt gut geschlafen.
Mit dieser Phantasie im Kopf liege ich nun im Bett, als ich auch schon abrupt durch mein Telefon an die Realität erinnert werde. Ich antworte Ihm, nützt ja nichts, denk ich, und höre mir ruhig an, was er mir zu sagen hat. Es ist genau so, wie ich das gefühlt hatte. 
Mein Bauchgefühl hat mich auch diesmal nicht verlassen. 



Freitag, 21. Oktober 2016

Meeresrauschen

  ich liebe das Meer seitdem ich denken kann. Heut abend ist es besonders schön. Immer wenn ich irgendwie unruhig war habe ich daran gedacht, jetzt am Meer liegen wäre schön und auch heute gehts mir noch so. Seitdem ich hier wohne, brauch ich nicht mehr darüber nachzudenken sondern laufe einfach kurz die paar Meter hinunter und setze mich auf meine Steine oder laufe am Meer entlang. Das Rauschen der Wellen, die salzige Meeresbrise, ja sogar der müffelnde Fischgeruch an manchen Tagen beruhigen mich ungemein. 

Ich versuche den Abend nochmal durchzugehen und frage mich was heute so anders war. Irgendwie interessierte sich keiner so richtig dafür, wie mein Wochenende wirklich war. Ich hab kaum erzählen können, was ich erlebt habe, aber auch kaum fragen können, was die anderen das Wochenende gemacht haben. So im nachhinein hatte ich den Eindruck, daß alle versucht haben was zu verschweigen. Na ja, vielleicht bild ich mir das auch nur ein.
Es ist noch immer sehr warm und dementsprechend tümmeln sich viele Paare zum knutschen und fummeln auf den Steinen, mir wirds jetzt doch zu viel und entscheide mich dazu einfach die Promenade langzulaufen. Die Straße ist sehr belebt und man wird vor den Lokalen angesprochen ob man noch was essen möchte. Irgendwie vernehme ich ein Rauschen in meinem Kopf und will einfach nur nach Hause. Mir wird kalt und das bei dieser Wärme.
Zu Hause angekommen überlege ich ob ich etwas einnehmen soll, entscheide mich aber dagegen und lege mich ins Bett.

Heut morgen will ich gar nicht erst wach werden, mein Kopf brummt und ich nehme nur noch Hitze war, in mir aber auch außerhalb. Ich hab mir doch tatsächlich eine Sommergrippe eingefangen. Ich wackele kurz in die Küche um mir was zu trinken zu holen und schlucke schnell eine Paracetamol. Ich will nur noch schnell ins Bett, da klingelt auch schon mein Handy.
In unserem Gruppenchat haben sich schon 128 nicht gelesene Nachrichten angehäuft, die ich schnell überfliege und mich selbst zu Wort melde um allen zu verkünden, daß ich Fieber habe.
Es kommen die üblichen ironischen Nachrichten, wenige ernst gemeinte Tips, nur meine Schwägerin reagiert überhaupt nicht.
Na ja, sie wird wohl beschäftigt sein. Tomb Raider und mein Busenfreund melden sich zusätzlich außerhalb des Gruppenchats und fragen mich ob ich was brauche. Ich lehne dankend ab und schreibe, daß ich einfach nur gern schlafen will.
Ich schalte mein Handy auf stumm und schon vibriert und leuchtet es auf. Mein Herr meldet sich zu Wort und begrüßt mich wie immer mit Principessa. Ich freue mich und antworte Ihm, daß es mir leider sehr schlecht geht und sofort gibt er mir einige Ratschläge und daß ich keinen Fieberthermometer habe, beunruhigt Ihn.
Ich antworte nur, daß ich keinen Thermometer brauche um zu wissen, daß ich Fieber habe aber das beunruhigt Ihn nur noch mehr. Ich verspreche Ihm später meine Mitbewohnerin zu fragen, doch jetzt will ich einfach nur schlafen.

Stunden später klingelt es an der Haustür. Tomb Raider will nach mir sehen und Sie hat mir sogar was zu essen mitgebracht. Ich habe zwar keinen Hunger aber ein wenig Gesellschaft kann nicht schaden. Kaum ist Sie bei mir im Zimmer angekommen fühlt Sie nach meiner Stirn und fragt ob ich schon gemessen habe. Das Fiebermessen nimmt man hier wohl sehr ernst.
Ich beruhige Sie damit, daß ich mich gut kenne und ich weiß, daß ich einfach nur ein wenig Ruhe und Schlaf brauche und noch zwei Tage damit ich dann fast die Alte bin.
Sie lacht und schmunzelt mich an und ich nutze die Gelegenheit nachzuhaken, was eigentlich am Wochenende passiert ist. Ich spüre, daß Sie nicht wirklich erzählen will, lasse aber nicht locker, bis Sie dann doch anfängt zu erzählen.
Sie haben sich Samstag abend wohl alle auf der Piazza Plebiscito getroffen und meine Schwägerin hatte wohl schlechte Laune und meckerte erstmal über jeden anwesenden und nicht anwesenden, bis es dann aus Ihr heraus brach und sie über meinen Bruder lästerte, daß Sie ja beide dieses Kind gewollt hätten und Sie es hätte wissen müssen, daß er sich niemals dafür entscheiden würde nach Neapel zu ziehen und so weiter. Immerhin, gabs dann jemanden der Ihr widersprach und Ihr wahrheitsgemäß sagte, daß bestimmt keiner mit einer Frau oder einem Mann ein Kind haben will, wenn er diese Person gerade erst im Urlaub kennenlernt und ob Sie sich denn sicher wäre, daß er wirklich der Vater wäre ?
Diese Frage hatte Ihr sichtlich überhaupt nicht gepaßt, der ein oder andere brachte dann den Vorschlag einen DNA Test zu machen und damit trat Sie dann selbst eine Lästerwelle los. 
Am Sonntag hatten sich die anderen ohne Sie getroffen und so kamen dann noch mehr Lügengeschichten ans Licht. 
Tomb Raider schaut mich an und fragt mich, was ich denn wüßte. Zu meiner Schande mußte ich gestehen, daß ich von einer großen Lüge, die meine Schwägerin erzählt, zwar weiß, ich aber des Friedens Willen mich nicht weiter geäußert habe, um auch das schwierige Verhältnis nicht weiter zu belasten. Wenn man bedenkt, daß Sie eine bekennende und praktizierende Katholikin ist, wird das ganze umso absurder und auch da muß ich mal wieder an meinen Vater denken. Wie Recht er doch hatte, daß man sich besonders vor den Kirchengängern hüten soll.
Ich werde trotzdem den Eindruck nicht los, daß ich noch lange nicht alles erfahren habe aber Tomb Raider ist wohl die falsche Informantin. Trotzdem frage ich mich, warum denn die anderen Sie nicht darauf ansprechen, doch fällt diese Frage automatisch auch an mich zurück, denn auch ich habe Sie noch nicht darauf angesprochen, warum Sie denn erzählt, daß angeblich etwas schiefgelaufen ist, obwohl ich aus sicherer Quelle weiß, daß gar nicht erst verhütet wurde. Zugegeben ich sitze zwischen den Stühlen, einerseits gehts um meinen Bruder und andererseits um meine Schwägerin, ich verstehe einfach beide nicht. Meine Schwägerin auf der einen Seite, von der ich schon vorher wußte, daß Sie unbedingt ein Kind wollte und das bevor Sie meinen Bruder kennenlernte und meinen Bruder auf der anderen Seite, der ausnahmsweise nicht verhütet. Wem will man hier die Schuld geben ? Mein Weltbild von Familie und Kinder ist eindeutig eine andere als die meiner Schwägerin, jedoch sind beide erwachsen, also beide schuld daran, oder ?
Gut, sieht man davon mal ab, warum muß man denn hinterher erzählen, daß angeblich was schiefgelaufen ist, obwohl wir alle schon wußten, daß Sie eigentlich nur nach einem Samenspender gesucht hat, und den dann ausgerechnet in meinem Bruder gefunden hat. Braucht man diese Ausrede für den Priester ? Für sich selbst ? Für seine Familie ?
Ich denke im Jahre 2016 ist doch alles erlaubt, oder nicht ? Vielleicht verstehe ich das auch nicht, weil bei mir der Kinderwunsch nie so ausgeprägt war auch alleine ein Kind haben zu wollen.... tja, wie auch immer. Ich frage mich nur, womit ich diesen Scheiß verdient habe und ich ahne auch schon, daß ich meinen Neffen jetzt so schnell nicht mehr zu sehen bekomme.
Tomb Raider fragt, ob es mir gut geht, Sie kann anscheinend meine Gedanken lesen. Sie entschuldigt sich bei mir, denn die Idee mit dem DNA Test kam wohl von Ihr, doch ich beruhige Sie. Irgendwie bin ich ganz froh darüber, denn
jetzt ist wenigstens mal alles unter dem Teppich hervorgekehrt worden und irgendwas wird ja bald passieren. Eigentlich hätte ich damals schon sofort was sagen sollen. 
Hätte, hätte, Fahrradkette.


Donnerstag, 13. Oktober 2016

Neugierde

 im Zug schaffe ich es tatsächlich mein Buch zu Ende zu lesen, habe ich doch mal wieder kein Empfang. Erst kurz vor Neapel höre ich mein Handy wieder und mit einem Blick sehe ich, daß die Mädels aber auch mein Busenfreund ganz neugierig darauf sind zu hören, wie es denn gelaufen ist. Ich verspreche heut abend bei einer Pizza alles zu erzählen.
Tomb Raider kümmert sich um die Reservierung in der Pizzeria bei mir um die Ecke, Sie selbst will mich aber gern früher schon sehen, hat Sie mir doch einiges zu erzählen. Ich sage Ihr zu, auch wenn ich schon ahne, daß es leider alles andere als lustig wird.
Im Zug passiert heut nichts weiter, weder Personal noch Gäste in näherer Umgebung sind heute gesprächig.
Am Bahnhof angekommen schicke ich meinem Herrn ein Foto und ja, irgendwie vermisse ich Ihn auch. Ich selbst kann das gar nicht wirklich glauben, was ich dieses Wochenende erlebt habe. Kennt Ihr das Gefühl, daß wenn etwas gut läuft, man den Haken sucht ? 
Ich versuche es nicht an mich ranzulassen und schreibe Ihm er soll anrufen, sobald er kann.
Zu Hause angekommen, werfe ich mich sofort in meinen Bikini und laufe durch mein Viertel zum Meer auf meine Steine.
Heute ist es für diese Zeit noch ganz schön voll und so muß ich mir einen komplett neuen Stein auswählen, ich entscheide mich spontan für die andere Seite, wo ich noch nie gelegen habe und lege mich mit meinem Hut ab in der Hoffnung ein wenig schlafen zu können.
Mit dem Rauschen des Meeres und dem leichten Wind gelingt es mir sogar einzuschlafen.
Eine gefühlte Ewigkeit später wache ich auf, als ich den Fotografen hinter mir brüllen höre, daß Sie sich küssen sollen. Gemeint ist das Paar, daß anscheinend heute geheiratet hat und wie viele andere Paare hierher kommen um diesen Tag mit tausenden Posen und Fotos festzuhalten. Vielleicht sollte ich doch noch Fotografin werden, denn das ist hier ein krisensicherer Job.
Geheiratet wird immernoch und was sich die Italiener vorallem diese Leistung kosten lassen ist unglaublich. Sogar eine Drohne fliegt hier über uns um wahrscheinlich einen Videoclip zu drehen. 
Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, daß es später ist als gedacht und informiere kurz Tomb Raider, daß ich mich verspäte und frage ob Sie zu mir nach Hause kommen will, dann können wir die Zeit unter der Dusche zum quatschen nutzen.
Ich ziehe mich an und laufe meine Treppen hoch.
Tomb Raider steht schon vor der Tür und sieht ganz schön fertig aus. 
Der Grund ist ein Mann, natürlich, und durch Ihn lernten wir uns zu seinem Leidwesen kennen.
Er ist ein sehr hübscher Typ, ein Frauenheld eben, aber letztes Jahr als ich nach Neapel gezogen bin, kam er mir grad Recht um mein Ego aufzupolieren. Ich lernte Ihn durch eine Bekannte, mir der ich dort war, in meiner heutigen Lieblingsbar kennen, und nahm Ihn nach dieser lustigen Nacht mit zu mir in mein Hotelzimmer. Ich war erst ein paar Tage da und noch auf Wohnungssuche. Weder meine Bekannte noch er hatten mir gesagt, daß beide auch schon was miteinander hatten und so dachte ich mir weiter nichts dabei. Das Neapels Stadtkern wie ein Dorf ist und sich letzendlich alle kennen, wußte ich da noch nicht. Für mich war klar, daß es bei dieser Nacht bleiben würde und wenn wir uns über den Weg liefen, begrüßten wir uns und das wars dann auch. 
Wochen später war er dann mit Tomb Raider da und er war sichtlich nervös. Wir Mädels waren uns sofort sympathisch und tauschten Kontakte aus, denn Sie war temporär hier und kannte ja auch noch keinen außer Ihm. 
Wenige Tage später trafen wir Mädels uns und so erfuhr ich dann von Ihr, daß er Ihr Exfreund ist und Sie erzählte mir wie es zwischen den beiden gelaufen war. Ich erzählte Ihr daraufhin von unserer Nacht, weil ich auf jedenfall vermeiden wollte, daß Sie denken könnte ich hätte noch Interesse an Ihm. Meine Ehrlichkeit war wohl ausschlaggebend für Sie mich näher kennenlernen zu wollen, ist es hier doch gewöhnlich nicht üblich über so etwas zu sprechen um die Gerüchteküche nicht zusätzlich anzuheizen. Frauen betrachten sich als Rivalinnen und nicht als Freundinnen, denen man vertraut. Mit ein Grund warum man dann viele wenn überhaupt auch nur ohne Ihre Männer trifft, man will jede Gelegenheit an denen Ihre Männer andere Frauen kennenlernen könnten vermeiden.
Irgendwie muß ich schmunzeln, denn mein Ex ist heute auch mit einer Exfreundin von mir zusammen. Tja.

Tomb Raider und ich sind trotzallem sehr gute Freunde auch wenn Sie mir erst vor kurzem gestanden hat, daß Sie immernoch an ihm hängt, auch wenn Sie mittlerweile einige andere Affären hatte, und das wohl um über Ihn hinwegzukommen. Jedenfalls, haben sie sich getroffen und gestritten und Sie erzählt mir in allen Einzelheiten was genau gesagt wurde.
Mittlerweile stehe ich unter der Dusche und denke nur, daß ich anscheinend eine untypische Frau bin. Sie regt sich über Sachen auf, an die ich noch nicht mal denken würde und auch sonst verstehe ich dieses Drama einfach nicht. Es gibt so viele tolle Männer auf dieser Welt, warum nur
rennt man jemandem hinterher, der einen nicht will ? Ich kann diesen ganzen Scheiß nicht mehr hören und bin froh darüber, daß gleich auch die anderen da sind und wir das Thema wechseln können, denn diesen Kram erzählt Sie natürlich nur mir, will Sie doch nicht, daß alle das wissen.
Ich habe noch nie so gedacht, im Gegenteil, ich gebe ohne gr0ß darüber nachzudenken Dinge von mir preis, was Sie und meine Mutter natürlich als großen Fehler sehen.

Ich trockne mich ab und zieh mir schnell was über und überlege sogar ungeschminkt zu gehen, aber wahrscheinlich ist ja der Sohn des Pizzabäckers auch am arbeiten und da ich mit Ihm schon seit einem Jahr flirte, entscheide ich mich doch schnell anders.
Wir gehen gemeinsam runter und treffen schon auf dem Weg dorthin die anderen, die auch was später dran sind. Wir freuen alle uns zu sehen und schon geht auch die Fragerei los. Ich fange an zu erzählen, aber wie immer werde ich durch lustige Zwischenrufe immerwieder unterbrochen und wir trudeln bei meinem Pizzabäcker ein.
Er arbeitet heute tatsächlich, sieht jedoch mit den komisch gefärbten Haaren wie ein Meerschweinchen aus. Da ich ja jetzt vergeben bin, darf ich nicht mehr flirten wird mir sofort gesagt und ich hoffe nur, daß der das nicht mitbekommen hat. Bei jeder Gelegenheit, die er zu uns an den Tisch muß,versuche ich herauszubekommen, was dieser neuer Haarschnitt zu bedeuten hat, doch er schmunzelt nur und vertröstet mich auf später. Die anderen steigen mit ein und immer wenn er in unserer Nähe ist, werden die albernsten Thesen aufgestellt, warum er jetzt so aussieht.
Wir schaffen es tatsächlich die letzten zu sein heut abend und so hat er dann auch die Zeit uns von dieser absurden Wette zu erzählen, die er verloren hat. Auch er ist Fußballfan, aber leider für Inter Mailand und so muß er sich während der Saison immerwieder einigen Wetten und Spott aussetzen. Dieses Mal hat er wohl mit seinem Friseur falsch gewettet und so sieht er jetzt auch aus. Ich schmunzel vor mir hin und denke, wie gut, daß man an seinem Lächeln nichts machen kann und als ob er meinen Gedanken gehört hätte, zwinkert er mir zu und schenkt mir sein süßes breites Grinsen.
Wir zahlen und gehen über Piazza Plebiscito in die Via Toledo um uns noch ein leckeres Eis zu holen, da klingelt auch schon mein Handy und es ist mein Herr. Wir turteln wie immer und ich entferne mich ein wenig von unserer Gruppe.
Noch während ich telefoniere, kommen nach und nach alle zu mir um sich zu verabschieden und ich ertappe mich bei dem Gedanken, daß nichts mehr so ist, wie es mal zwischen uns allen war. Irgendwas ist vorgefallen.
Tomb Raider ist die letzte mit mir und auch Sie verläßt mich heute schon. Mein Herr will auch ins Bett und so bleibe ich ganz allein zurück und entscheide spontan nochmal ans Meer runterzugehen. 

Samstag, 8. Oktober 2016

Affären

 nachdem wir heute morgen mal wieder früh geweckt wurden um wenigstens noch gemeinsam frühstücken zu können, verabschieden wir uns an der Tankstelle, wo ich noch auf seine Freundin treffe, die mich dort abholt um noch ein wenig Zeit mit mir zu verbringen. Mein Herr warnt mich schon vor, daß Sie mir bestimmt von Ihrem Lover erzählen will und ich Ihr auf jedenfall diesen Typ ausreden soll. Sie ist Anfang Zwanzig, eine clevere auch wenn für meine Begriffe sehr pessimistische Frau, die die Meinung vertritt, daß man keinem außer sich selbst vertrauen kann. Sie erzählt mir von Ihrem Typen, der ungefähr mein Alter hat und in einer festen Beziehung ist, mit dem Sie seit Monaten eine Affäre hat. Aha, denk ich, so sieht also eine Liebhaberin aus, die liebt und leidet und hofft, daß er sich für Sie entscheidet, und jetzt hätte Sie gern meinen Rat, wie Sie mit Ihm umgehen soll. Da ist es wieder, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil man am liebsten sagen will, das bringt nichts, verlaß Ihn, er wird sich niemals entscheiden und gleichzeitig weiß man, daß Sie natürlich genau das Gegenteil hören will, auch weil schon alle anderen Ihr abraten von diesem Kerl. Bevor ich Ihr irgendwas rate, frage ich Sie erstmal nach mehr Details und lasse Sie mal erzählen in der Hoffnung, daß Sie sich Ihre Frage selbst beantwortet, aus eigener Erfahrung weiß ich, daß man meistens nur einen Zuhörer braucht und gar nicht jemanden der einem Ratschläge erteilt.

Ich höre Ihr zwar aufmerksam zu, merke aber daß meine Gedanken abschweifen, denn ich hatte fast vergessen, daß ich mich seit letztem Jahr in einer ähnlichen Situation befand.

Letzten Sommer lernte ich einen Römer kennen, den ich wie bei fast allen meinen Männern am Anfang gar nicht so interessant fand. Beim dritten zufälligen Treffen in der Altstadt passierte es dann doch. Nach einem gemeinsamen lustigen und feuchten Abend küsste er mich und verschwieg mir, daß er bereits vergeben war. Wir trafen uns einige Male bis er mir dann mehr per Zufall erzählte, daß er in Rom seine Freundin hatte, die an dem Wochenende mit seiner Teenagertochter aus erster Ehe zu Besuch nach Neapel kommen sollten. Ich blieb ganz ruhig und er erzählte mir, daß diese Beziehung eigentlch am Ende sei, er aber aus Verantwortungsgefühl seine Freundin nicht verlassen wollte, weil diese ein halbes Jahr später nach Chile zurückkehren würde. Wenn ich so richtig darüber nachdenke, ist es fast genauso gelaufen wie bei Ihr und man liest so oder ähnlich viele Geschichten darüber in Romanen oder Frauenzeitschriften. Man gerät so schnell in so eine Geschichte, daß man egal wie oft man vorher gesagt hat, daß man selbst niemals so dumm wäre, sich auf einmal selbst in so einer Affäre wiederfindet.

Tja, da saß ich nun, verliebt in einen Mann, der schon vergeben war, und auch ich hoffte, daß er Sie verlassen würde, spätestens, wenn Sie zurück in Ihre Heimat flog. Wenigstens schwor ich mir, daß ich in der Zwischenzeit weiterhin offen bleiben wollte für andere Männer. Für ein paar Bettgeschichten gelang mir das auch, bis ich dann diesen Frühjahr nachdem er immernoch nicht die andere verlassen wollte, ich das Handtuch warf, und Ihm fast ärgerlich mitteilte, daß ich ja glücklicherweise mich nicht auf Ihn verlassen und weiterhin auch Spaß mit anderen Männern hatte. Damit wollte ich mir endgültig alle Chancen verderben, denn er ist einer der typischen Männer, die selbst alles machen dürfen, aber Ihren Frauen so etwas nicht verzeihen würden.

Er fiel aus allen Wolken und ich verteidigte mich mit den Worten, daß ich das ja dürfte, schließlich wäre ich ja nicht in einer Beziehung sondern er, worauf er mir dann antwortete, was das denn zwischen uns gewesen wäre, etwa nicht eine Beziehung ? Darauf hatte ich nun wirklich keine Antwort mehr, denn im Grunde hatte er ja Recht. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander, auch außerhalb des Bettes. Wir verstanden uns so gut, daß wir einige Gemeinsamkeiten zusammen ausleben konnten, und wir von Freunden auch wie ein Paar betrachtet wurden.
Ich übte keinerlei Druck auf Ihn aus, aber irgendwann fühlte ich, daß er niemals eine Entscheidung gefällt hätte und ich wollte dies auf keinen Fall für Ihn übernehmen.
Ich wollte, daß er sich aus freien Stücken für mich entscheidet und er wollte wohl verlassen werden, womöglich von uns beiden.

Als Sie zum Ende kommt, frage ich, ob Sie Ihm denn schon die Pistole auf die Brust gesetzt hätte, was Sie leider mit ja beantwortet und dieser sogar noch um mehr Zeit gebeten hat. Ich konnte Ihr nur noch raten, sich auf Ihr Bauchgefühl zu verlassen, der würde Ihr schon mitteilen, wann es genug wäre, auch wenn ich viel lieber gesagt hätte: "sient a me: lascialo", was neapolitanisch ist und bedeutet: "hör auf mich: verlaß Ihn".

Wir trinken unseren frisch gepressten Orangensaft aus und gehen zu Ihrem Auto.Sie nimmt mich noch ein Stückchen mit, denn ich habe noch ein wenig Zeit bis mein Zug zurückfährt und ich will gern in die Altstadt.
Wir verabschieden uns sehr herzlich und versprechen uns in Kontakt zu bleiben.

Mit meinem Rucksack auf dem Rücken laufe ich nochmal alle Etappen ab, die ich schon seit Jahren nicht mehr bei Tageslicht gesehen habe und erinnere mich an das ein und andere zurück. Es ist für Anfang September immernoch sehr warm und ich genieße es durch die Sonne zu laufen, auch wenn mein Gepäck mich ein wenig zum Schwitzen bringt.

Ich war Ende der Neunziger Jahre zuletzt bei Tage in Potenza und da konnte man immernoch einige Schäden vom Erdbeben sehen. Nun ist sie wieder eine schmucke kleine Altstadt mit einigen kleinen Geschäften, aber auch einigen leer stehenden Lokalen, was man seit der Krise in Italien aber fast überall beobachten kann. Ich habe dermaßen Nachdurst, daß ich in eine Bar laufe und mir an der Theke eine Gassosa bestelle. Das ist ein Getränk aus Potenza, daß der Sprite sehr ähnlich ist und aus kleinen Flaschen mit Strohhalm serviert wird. Ich hab diese lange nicht mehr getrunken und weiß auch nicht ob es noch produziert wird, doch der Barrista bestätigt mir sogar, daß es immernoch ein Familienunternehmen ist, und ist irgendwie gerührt, daß ich Ausländerin dieses Getränk kenne. Diesmal erzähle ich nicht meine Lebensgeschichte, trinke aus, und muß auch schon los.

Um zum Bahnhof zu kommen haben sich die Stadtplaner was pfiffiges einfallen lassen, denn man muß einige Höhenmeter hinab und so gibt es einen Aufzug, der einen auf das erste Plateau bringt und von da aus gibt es einige Rolltreppen, denn auch Potenza liegt auf einem Berg, daß durch eine lange Serpentinenstraße mehrere Ebenen verbindet. Ich glaube es waren vier lange Rolltreppen, die mich dann fast bis zum Bahnhof bringen, diese sind überdacht und an den Wänden hängen Bilder von den Zeitungen- Titelblättern, die kurz nach dem Erdbeben veröffentlicht wurden, die man ganz nebenbei sich anschauen kann, wenn man nicht auf der Rolltreppe mitläuft.

Unten angekommen, entwerte ich meinen Fahrschein und genehmige mir noch einen Cappuccio, denn dieser Zug hat schon jetzt eine Viertelstunde Verspätung. Ich schaue auf mein Handy und hab gar nicht bemerkt, daß einige Nachrichten eingetrudelt sind. Die schönste von meinem Herrn, der mich schon vermißt.


Donnerstag, 6. Oktober 2016

berauschendes Wochenende

 ich muß mal kurz auf Toilette und als ich an der Empfangstheke vorbeikomme, frage ich kurz den Herrn hinter der Theke, ob er sich zufällig für Fußball interessiert und ob er mir sagen könnte, wie es beim SSC Napoli grad steht, die spielen nämlich noch. Er bestätigt mir, daß sie führen, bedanke mich dafür und gehe zur Toilette weiter.
Ich freue mich, denn nach dem Debakel mit dem Weggang von Higuain hatte ich schon fast schlimmes befürchtet.
Als ich zurückkomme von der Toilette, steht auch schon mein Herr vor der Theke, er hat die Rechnung schon übernommen und freudig teilt mir der andere Herr mit, daß der SSC Napoli noch ein Tor geschossen hat, während mein Herr nur die Augen verdreht, denn er interessiert sich überhaupt nicht für Fußball. Wir quatschen noch kurz über den feigen Abgang von Higuain und freuen uns auf den sehr wahrscheinlichen Sieg der Neapolitaner, bevor mein Herr mich an die Hand nimmt um mich schnell aus dem Lokal zu ziehen. Er kennt das schon aus Laurenzana, sagt er mir, wenn ich mal ins quatschen komme, wirds schwierig mich wegzubekommen und schmunzelt mich an.
Wir fahren zurück zum Hotel und laufen von dort aus in eine Bar, wo schon die anderen auf uns warten. Die Via Pretoria ist in der Altstadt von Potenza, die Straße wo viele kleine Geschäfte aber auch viele kleine Bars sind, doch so belebt wie heute Nacht habe ich diese noch nie erlebt. Es treiben sich allemöglichen Leute in fast allen Altersschichten herum und natürlich stehen auch hier alle mehr vor den Lokalen als in den Lokalen herum und trinken.
Eigentlich hab ich schon genug getrunken, aber ich komme gar nicht dazu darüber nachzudenken, was ich trinken will, denn mir wird schon sofort ein Amaro in die Hand gedrückt. So langsam wird das zum running gag. Ich trinke diesen aus und wünsche mir als näachste Runde einen Martini Bianco, auch das ein Lieblingsdrink von mir. Wir sind schon beide ganz schön angetrunken und ich hab auch kein Zeitgefühl mehr, wohl aber bemerke ich, daß es in der Straße ruhiger wird bis wir entschließen uns zu verabschieden und zurück zu unserem Hotel zu laufen.
Das Hotel ist ja wie erwähnt ein altes Kloster und auch unsere Zimmertür ist eine alte typische Holztür mit den für damals üblichen Schlüsseln aus Metall.
Der Herr hat sichtlich Probleme diese Tür aufzubekommen und ich bekomme einen ersten Lachanfall, bis er mir einfach diesen langen Metallschlüssel in die Hand drückt und mich bittet es doch zu versuchen.
Gackernd stehe ich vor dieser Tür, doch auch ich bekomme Sie nicht auf, erst Recht nicht, weil ich vor lauter Lachen immerwieder in mich zusammensacke, bis wir beide auf dem Boden vor dieser Türe liegen und uns einfach nur totlachen. Wir fangen an zu knutschen, ohne auch nur darüber nachzudenken, wer uns sehen, geschweige denn die Leute denken könnten, bis ich dann nach einiger Zeit den Versuch nochmal aufnehme und es doch noch irgendwie schaffe diese Tür aufzubekommen.
Was dann so alles passiert ist, könnt Ihr euch ja selbst ausmalen.
Irgendwann später höre ich etwas schrillen. Ein Handy. Das von meinem Herrn.
Wir schauen uns beide ungläubig an, denn diese Nacht war mal mindestens viel zu kurz, wenn nicht sogar gar nicht vorhanden.

Wir müssen aufstehen und uns auch noch beeilen, wir sind ja mit den anderen zum Frühstück verabredet. Ich springe also auf und fühle sofort meinen dicken Kopf, aber auch das Laufen funktioniert heut morgen nicht so gut, ich wackele also im warsten Sinne des Wortes unter die Dusche und schleife den Herrn hinter mir her. Die Dusche ist nicht sehr groß und einige blaue Flecken später, beeilen wir uns aus dem Zimmer zu kommen.
Wir checken aus und fahren mit dem Auto durch die halbe Stadt um noch seine Freundin abzuholen um dann die anderen in diesem Lokal zu treffen. Ich bestelle mir erstmal einen Capuccio und ein Stück Kuchen, denn die Cornettos sind hier schon aus. Die anderen scheinen ein wenig frischer als wir auszusehen, Sie fragen auch erst gar nicht wie es war, schmunzeln aber und bevor ich mitbekommen kann, was genau passiert, wird auch schon eine Flasche Schampus serviert, zum Frühstück, na gut, mitgegangen, mitgehangen, wie man so schön sagt.
Nach dem ersten Glas kommt meine Energie fast von allein zurück und die Jungs haben schon beschlossen, daß wir gleich alle zu einem Agriturismo rausfahren um ordentlich Mittag zu essen.
Den Namen hab ich mir leider nicht gemerkt, jedoch muss man sagen, daß das wirklich eine schöne Anlage auf einem kleinen Hügel ist, die also nicht nur ein Restaurant, sondern auch einen großen Weinkeller, wenige Hotelzimmer und sogar einen Pool zu bieten haben. Um die Anlage herum sind nur grüne Wiesen und Bäume.
Ich weiß ja, daß vorallem die Süditaliener sehr gerne essen, aber was die Jungs da alles zusammenbestellt haben könnt Ihr euch nicht vorstellen. Es ist fast wie an Weihnachten. Anscheinend denken die, daß ich kein gutes Essen kenne und sie wollen, daß ich soviel wie möglich zu probieren bekomme, was natürlich sehr nett ist, doch da fängt das Problem auch schon an. Fast alles hier ist fleischlastig und um nicht der Spielverderber zu sein, probiere ich natürlich von allem. Ich glaub, ab jetzt brauche ich einen Monat kein Fleisch mehr.
Zu jedem Essensgang gibts eine andere Flasche Wein und zum Schluß auch noch einen Digestivo. Ich habe regelrecht einen Kugelbauch und weiß wirklich nicht mehr, wann ich das letzte mal so viel gegessen habe, auch wenn sich das ganze über mehrere Stunden hinzieht, will ich jetzt gern einfach nur ein paar Meter laufen, doch wir schaffen es nur bis zum Pool.
Ich setzte mich an den Rand und lasse meine Beine im Wasser baumeln und bin kurz davor mich einfach auszuziehen und reinzuspringen, besinne mich aber und lege mich auf eine Liege, wo ich doch tatsächlich ein wenig einschlafe. Ich werde geweckt, schließlich gibts noch Dolci und da kann ich wirklich einfach nie nein sagen.

Der Tag vergeht so schnell, daß es schon abends ist und ein Glück können alle auf ein Abendessen verzichten. Morgen müssen auch alle wieder arbeiten, also verabschieden wir uns und wir fahren zu ihm nach Hause.
Ihr wißt ja, ich bin in Süditalien, also wohnt der Herr nicht alleine sonden noch bei seinen Eltern. Hier aber ist das keine finanzielle Situation sondern eine bequeme. Ich beschließe nicht darüber nachzudenken, immerhin haben wir sturmfrei, weil die Eltern sich schon seit Tagen in Laurenzana aufhalten, doch trotzdem fühlt sich das seltsam an.
Ich bin mit sechzehn schon das erste mal zu Hause ausgezogen und mein Wunsch ist auch heute noch der, bloß nicht bei meinen Eltern wohnen zu müssen, mich stresst ja schon der Besuch bei meiner Mutter, wie man aber in dem Alter noch bewußt bei seinen Eltern wohnen kann, verstehe ich nicht so ganz.
Wir werfen uns auf sein Bett und quatschen über dies und das und genießen den Sonnenuntergang, denn die Aussicht aus seinem Fenster ist wirklich schön. Nach diesen intensiven vierundzwanzig Stunden, in denen wir soviel gequatscht, gelacht, gegessen und getrunken haben schlafen wir tatsächlich ohne weiteres beide ein.





Dienstag, 4. Oktober 2016

auf nach Potenza

 es ist soweit, ich stehe am Gleis und warte auf den Zug der gleich eintreffen wird und mich nach Potenza bringen soll. Ich fühle mich wirklich wie ein Teenager und bin total aufgeregt, er arbeitet noch, findet aber trotzdem Zeit mir alle paar Minuten eine Whatsapp- Nachricht zu schicken. Wir albern rum und auch jetzt fordert er mich auf Ihm ein Foto von dem Zug zu schicken, nicht ausreichend das ich schon vorhin ein Foto vom Bahnhof schicken musste. Ich habe mir vorsichtshalber was zu lesen mitgenommen, ich lese unheimlich gerne im Zug und ich glaube nicht, daß sich diesmal jemand interessantes im Zug zum quatschen antreffen wird, oder doch ?, der Zugbegleiter sieht ganz gut aus.
Ich steige ein und mache es mir gemütlich, dieser Zug ist schon was moderner und damit leider auch schon mit Klimaanlage ausgestattet, was ich besonders hasse, denn die wird wahrscheinlich so kalt eingestellt sein, daß ich durchgefroren aussteigen werde.
Alle paar Minuten erkundigt sich der Herr, ob alles glatt läuft und so komme ich nicht wirklich zum lesen, also packe ich mein Buch weg und schaue aus dem Fenster. Der Zugbegleiter sieht noch besser aus als ich erst anfänglich dachte, er kommt gerade in unser Abteil um die Fahrscheine zu kontrollieren.
Er lächelt wahnsinnig süß, kontrolliert meinen Fahrschein und geht weiter.
Für eine Weile kommen keine Nachrichten mehr und ich wundere mich ein wenig, bis mir einfällt, daß ich bestimmt kein Netz habe, was dem auch so ist.
Eine halbe Stunde noch und dann werde ich eintreffen, dort habe ich noch ein paar Minuten Zeit, bis er eintreffen wird.
Ich packe nochmal mein Buch aus, ich lese etwas in deutsch, muß ich doch zugeben, fällt mir das immernoch am leichtesten. Ich lese gern einfache Liebesromane oder lustiges, wie im Moment "Ist das Liebe oder kann das weg" von Michael Nast. Ich mag seine Schreibweise sehr gern und diese Geschichten zwischen den Geschlechtern, die sich in Berlin abspielen sind amüsant und nachdenklich zur gleichen Zeit und ich schmunzel oft vor mich hin, bis auf einmal der Zugbegleiter mich anspricht. Er hat mich wohl schon länger beobachtet und sich gewundert und der ausländische Buchtitel hat Ihn wohl neugierig gemacht, wie er mir grad mitteilt. Er setzt sich mir gegenüber und ich erzähle Ihm oberflächlich wer ich bin und warum ich auch deutsch kann. Er strahlt und erzählt mir, daß er auch gerne nach Deutschland will, aber die fehlende Sprache Ihn daran hindert. Ob ich Ihm wohl Deutsch beibringen könnte fragt er und will gern meine Telefonnummer. Ich gebe Sie Ihm, auch wenn Ich dabei an was ganz anderes denke.
Oh je, ich ertappe mich dabei, wie ich ein schlechtes Gewissen bekomme und denke nur, warum nur tauchen die super Männer immer erst auf, wenn man sich eigentlich schon in jemand anderes verliebt hat ? Oder bin ich gar nicht verliebt ? Wie auch immer, wenn er ja nach Deutschland will ist er auf jedenfall der Falsche für mich, denn da will ich so schnell nicht hin zurück.
Der Zug ist heute sogar überpünktlich und ich gönne mir erstmal einen Kaffee und einen Cornetto, hilft bei Aufregung immer wie ich finde.
Das Gelände um den Bahnhof rum hat sich gar nicht groß verändert, es erinnert mich automatisch an so viele An- und Abfahrten mit meinen Eltern. Neu ist, daß man hier jetzt auch auf viele schwarze Flüchtlinge trifft.
Potenza ist aus der Entfernung eine häßliche Stadt, fährt man mit dem Auto hierher sieht man viele Bausünden und Wolkenkratzer, die wahrscheinlich alle nach dem Erdbeben gebaut wurden um so schnell wie möglich den Opfern wieder ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Potenza ist die Hauptstadt der Basilikata und dementsprechend mit allem ausgestattet. Immer wenn man irgendwas behördliches erledigen will, muß man hierher kommen, was von Laurenzana schwieriger ist, weil nur zwei mal am Tag ein Bus langkommt.

Wie auch immer, ich schaue noch schnell am Kiosk, was es denn für neue Zeitschriften gibt und kaufe mir noch schnell eine neue AD, eine Architekturzeitschrift die ich früher oft gekauft habe, und eine Elle Decor, bis mein Handy mich über eine neue Nachricht informiert, daß der Herr in fünf Minuten da sein wird.
Ich zahle und gehe hinaus zum Haupteingang und da sehe ich schon sein Auto auf mich zufahren. Ich gehe Ihm entgegen und da öffnet sich die Beifahrertür und auf dem Sitz sehe ich Blumen für mich bereit liegen.
Ich steige ein und nach einer sehr knappen Begrüßung, knutschen wir erstmal, bis jemand hinter uns hupt. Es fühlt sich so an, als ob nach unserer letzten Nacht in Laurenzana nur wenige Stunden vergangen wären, obwohl es doch schon zwei Wochen sind. Er fragt mich, ob ich bereit bin auf seine Freunde zu treffen, die warten schon auf uns in deren Stammlokal.
Während der Fahrt dorthin turteln wir die ganze Zeit weiter und wir erinnern uns nochmal gemeinsam an unseren ersten Abend.
Wir halten vor dem Lokal und es ist eine gemütliche Kneipe mit einer kleinen Küche, wo man sowas wie Pommes und Burger essen kann. Bier gibt es hier auch genug, sogar Warsteiner und Krombacher vom Faß. Einer der Inhaber ist auch sein Freund, der mir stolz erzählt, daß er erst vor kurzem in Krombach war zur Firmenbesichtigung und wie gut es Ihm gefallen hätte, wenn es nur nicht die ganze Zeit so geregnet hätte. Willkommen in meiner alten Heimat, und so erzähle ich denen erstmal, daß ich da um die Ecke geboren wurde und den Großteil meines Lebens dort verbracht habe, und ja, das mit dem Regen wäre dort leider immer so, mit ein Grund warum dort so viele Bierbrauereien sind. Die Jungs lachen und bieten mir natürlich sofort ein Bier an, was ich dankend ablehne und Ihr dürft raten, was ich dann gefragt wurde.
Ich steige lieber sofort mit einem Amaro Lucano ein, und so darf mein Herr dann erstmal erzählen, daß wir uns mitunter auch wegen einem Amaro Lucano kennengelernt haben. Ich mag die Jungs und nun kommt auch seine Busenfreundin noch dazu, die mich zwar kurz abcheckt aber mich sofort mit einem breiten Grinsen begrüßt.  Zu mehr kommt es nicht, denn der Herr entführt mich sofort. Er hat eine Überraschung für mich.
Wir steigen ins Auto und vertrösten die Gruppe auf später. Im Auto vertraut er mir an, daß Potenza eine kleine Altstadt hat, die ich natürlich schon kenne, wo er für uns ein B&B Zimmer gebucht hat. Ok, in seiner Heimatstadt ein Hotelzimmer zu buchen, gut denk ich, hab ich in Berlin auch schon mal gemacht, und lasse mich natürlich gerne darauf ein.
Dieser kleine Bezirk dieser Stadt, könnte ohne weiteres auch eine Seitenstraße von Florenz sein und ist wirklich schön. Das B&B Al Convento ist ein altes Kloster und er wollte schon immer mal dort übernachten und hätte nur auf die richtige Gelegenheit gewartet, die er mit mir wohl gefunden hat.
Das Gebäude ist wirklich schön und originell restauriert worden, aber auch hier halten wir uns nicht lange auf, schließlich hat er einen Tisch für uns vorbestellt und zwar in der Antica Osteria Marconi, ein sehr gutes Restaurant, daß man auch im Michelin Guide findet. Ich verrate nicht, daß ich hier schon gegessen habe, aber es wirft in mir einige Erinnerungen an meinen verrückten Sommer 2006 auf, wovon ich euch noch nicht alles erzählt habe.
In der Osteria angekommen sind wir mit Abstand die Jüngsten und das war auch 2006 schon so.
Ich hab schon seit Tagen Lust auf einen Risotto und als ich das lese bin ich natürlich sofort entflammt. Der Herr kann sich darauf einlassen, dafür überlasse ich Ihm alles weitere zu entscheiden. Um uns herum füllt es sich und er flüstert mir zu, daß einige von den Gästen aus seiner Berufsgruppe sind, worauf ich Ihm scherzig antworte, daß das eine der wenigen Berufsgruppen in Italien ist, die sich das wohl noch leisten kann.
Er lacht und sieht mich mit großen Augen an, also erzähle ich Ihm, daß meine Freunde mir sagen, ich hätte mir jetzt wohl einen reichen Mann gesucht, und Sie mir daraufhin erzählt haben warum das so ist. Ehrlicherweise sage ich Ihm, daß mir das aber total egal ist, denn reiche Männer hätte ich auch in Deutschland schon haben können, aber darauf hätte ich nie Wert gelegt, ganz im Gegenteil. Er lacht noch immer und ich belasse es dabei, will ich Ihm doch nicht schon jetzt erzählen, was ich von dieser Klassengesellschaft halte.
Der Wein schmeckt mir super und bei den kleinen Portionen, die wir hier serviert bekommen, kann ich gar nicht anders als mehr zu trinken, das allerdings spüre ich auch immer deutlicher....

Nachhilfeunterricht

 heut morgen schrillt mein Wecker, ich muss für meineVerhältnisse ganz schon früh raus, während ich normalerweise nie einen Wecker stelle und mir den Luxus gönne einfach aufzuwachen. Seitdem ich in Neapel bin hat sich per Zufall ergeben, daß ich über Freunde und Bekannte angesprochen wurde, ob ich nicht privat Nachhilfeunterricht geben könnte in Deutsch und auch in Englisch, und so habe ich wenige Schüler, denen ich helfe durch das Schuljahr zu kommen. Die Schüler hier in Italien lernen ganz schön viel Stoff, wie ich erstaunt feststellen muß, sie haben mit vierzehn Jahren schon mehr gelernt, als ich mit achtzehn auf dem Gymnasium. Die Methoden sind hier nur anders. Die Schüler lernen sehr viel auswendig, ohne richtig zu verstehen, was sie überhaupt lernen, leider so auch die Sprachen. In der Regel fange ich bei fast null an und ich versuche oft mühsam Ihnen den Spaß an der Sprache zu vermitteln.
Diese Schülerin ist die Nichte meiner Freundin und sie wohnt am anderen Ende der Stadt, so daß ich die Tram vom Hafen aus nehmen kann. Die große Baustelle von Piazza Municipio bis zum Porto, an der auch eine neue Metrostation eröffnet wurde, kommt aber nicht wirklich zum Ende, da sie bei jedem Buddeln wieder etwas neues finden, wie hier jetzt schon das fünfte Schiff der alten römischen Flotte. Ich habe mir von Fachleuten mal erzählen lassen, daß es in der ganzen Stadt noch so vieles unterirdisch zu entdecken gibt, daß man zumindest bei den Sachen, die man schon weiß, entschieden hat, sie unter der Erde zu lassen, weil kein Geld da ist um diese sachgerecht zu restaurieren.
Nun fährt die Tram nicht, auch wenn ich nicht feststellen kann warum sie nicht fährt, aber auch das normal in dieser Stadt. Man wird nichtmal informiert und so passiert das oft, daß man vergebens auf Busse und Bahnen wartet. Ich laufe zurück zur Metro, auch wenn ich dann noch eine ganze Weile laufen muß, aber für mich, der gern durch die Straßen von Neapel läuft ist das weiter kein Problem. Bewaffnet mit meinem Handy fotografiere ich ganz nebenbei alles was mir neu auffällt und informiere kurz meine Schülerin, daß ich mich verspäte.
http://www.famedisud.it/a-piazza-municipio-lantico-porto-di-napoli-spunta-una-quinta-nave-romana/

Heute ist es nochmal ganz schön heiß und sie erwartet mich schon mit einer selbst gemachten Granita um mir dann auch direkt mitzuteilen, daß wir Ihren Bruder vom Rugby abholen müssen. Ja, Ihr lest richtig, vom Rugby holen wir Ihren Bruder ab, denn hier in diesem Viertel gibt es eine amerikanische Kaserne, die nebenbei für alle zugänglich allesmögliche an Sportaktivitäten anbietet. Bei Neapel müßt Ihr wissen, sind auch einige Stützpunkte der Nato, die sich während des zweiten Weltkrieges gebildet haben um von hier aus gegen Hitler Krieg zu führen. Man sieht hier viele Soldaten, auch deutsche.
Wir laufen also kurz rüber und schon beim Betreten des Geländes fallen mir einige hübsche Männer in Uniform auf. Meine Schülerin ist im besten Teenageralter und interessiert sich auch schon für Jungs, also schauen wir ein wenig gemeinsam, wer denn ganz gut aussieht. Wir kommen auf dem Platz an als wir beide den gut aussehenden Trainer entdecken. Ganz spontan sag ich in deutsch wie super der aussieht und Sie antwortet mir in deutsch, ohne stottern und flüssig, daß ich absolut Recht habe. Ich schaue Sie erstaunt an und wir werfen dann einen weiteren Blick über das Gelände ob wir noch andere hübsche Jungs oder Männer entdecken. Wir setzen uns auf ein Mäuerchen und der Trainer kommt uns plötzlich näher und hört uns aufmerksam zu bis er uns auf gebrochenem italienisch fragt, auf wen wir warten. Man hört sofort, daß er Amerikaner ist und wir schmunzeln beide und entdecken den Vorteil der deutschen Sprache, denn deutsch können nur wenige. Wir erzählen Ihm auf wen wir warten und schmachten Ihn noch eine ganze Weile an, bis Sie seinen Ehering entdeckt, daß Sie mir natürlich auf deutsch mitteilt. Wirklich schade, nach der Telefonnummer frage ich dann mal besser nicht.

Wieder bei Ihr zu Hause angekommen, entwickeln wir eine neue Methode wie wir diese deutsche Sprache besser lernen und beschließen uns bald häufiger in der Stadt zu treffen. Sie ist wie Ihre Tante sehr an Kunst und Geschichte interessiert und so lasse ich Sie für das nächste Mal in deutscher Sprache vorbereiten, mir einiges über den Dom in dieser Stadt zu erzählen. Bald kommt eine Freundin aus Berlin, dann können wir das gut verbinden, indem Sie uns den Touristenführer mimt. denn mit Ihr kann Sie dann ja nicht anders als nur deutsch sprechen und ich springe ein, wenn nötig.

Mit diesem Schlüsselerlebnis fahre ich zufrieden nach Hause. Dort angekommen bereite ich meine Tasche für mein Wochenende in Potenza mit dem Herrn vor, denn heut abend fahren wir ja Fisch essen und da es bestimmt spät wird, erledige ich das mal vorsichtshalber schon jetzt.
Mein Telefon klingelt, und da ist er auch schon, mein Herr. Wir sind beide ganz schön aufgeregt und ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich mich zuletzt so gefühlt habe. Wir turteln eine Weile bis es auch schon an meiner Tür klingelt. Tomb Raider ist schon was früher eingetrudelt, denn gleich kommen ja auch schon die Jungs.
Der Herr macht einen auf ironisch eifersüchtig, ich verspreche Ihm, daß wir vorsichtig fahren und wir auf jedenfall heut nacht nochmal telefonieren.
Tomb Raider und ich genehmigen uns einen Amaro Lucano und warten nur noch wenige Minuten bis es wieder an der Türe klingelt. Wir fahren mit dem Aufzug runter, weil Tomb Raider nicht gern läuft und schon sehen wir die Jungs mit Helmen in den Händen bewaffnet. Endlich wieder Scooter fahren, denke ich, springen auf und es geht sofort los. Es ist ganz schön Verkehr auf den Straßen, aber mein Fahrer kann wirklich gut abschätzen ob und wie wir uns an den Autos vorbeischlängeln, auch wenn er in seiner ganzen persönlichen Art eher ein Ruhiger und Schüchterner ist, fährt er doch mutig an allen vorbei. Er scheint immer draufgängerischer zu werden und so überrascht er mich diesmal, indem er aus heiterem Himmel, mitten auf der Autobahn sein Handy zückt um von uns allen ein Selfie zu machen.
In Deutschland hätte ich jeden sofort angebrüllt, aber ich scheine so langsam diese Sitten anzunehmen und zwar so sehr, daß ich zwar kurz aufschrecke aber dann doch einfach alles geschehen lasse.

Heute abend sind tatsächlich fast alle da und wir müssen kurz auf einen größeren Tisch warten. Meine neapolitanische Schwägerin drückt mir sofort meinen Neffen in die Arme und ich genieße das sehr. Es wird kreuz und quer über den Tisch gequatscht und wir bestellen große Portionen Muscheln und Weißwein bis wir uns auf die Hauptspeisen einigen.
Irgendwie ist heute eine besonders gelöste Stimmung und gleichzeitig werde ich das Gefühl nicht los, daß zwischen meinem Busenfreund und meiner Schwägerin die Luft ganz schön knistert. Eigentlich stört es mich überhaupt nicht, da ich nicht denke, daß mein Bruder und Sie wieder zusammenkommen, jedoch ist Sie eine bekennende Christin, die jeden Sonntag in die Kirche rennt und auch sonst sofort jeden und alles verurteilt, aber na ja, wie mein Vater schon immer sagte, seien diese dann die schlimmsten.
Mir ist es wirklich egal, und außerdem bin ich mit meinen Gedanken in Potenza, denn in wenigen Stunden fährt schon mein Zug.
Wir bestellen die Rechnung und es ist unglaublich wie wenig wir für dieses üppige Essen und Trinken zahlen. Wir beschließen noch auf einen Nachtisch in eine Pasticceria zu gehen, ich hab so richtig Lust auf was Schokoladiges.
Auf dem Weg dorthin klingelt mein Handy und es ist wieder mein Herr und wir haben schon nachts um eins, die Stunden sind wirklich so verpflogen.
Seine Freundin hat Ihm auf Facebook unser Selfie von der Fahrt auf der Autobahn gezeigt und Ihm ist wohl aufgefallen, daß ich mich wohl zu eng an meinen Fahrer geklemmt habe, worauf ich sofort lachen muß. Er selbst ist nicht auf Facebook, aber bei der Gelegenheit hätte er sich mal mein Profil genauer angeschaut und festgestellt, daß ich wohl viel unterwegs bin, auch wenn ja nur wenige Posts öffentlich zu sehen sind. Stimmt, sage ich Ihm, hier gibt es viel zu entdecken und natürlich würde ich mich schon darauf freuen in Potenza einiges zu entdecken. Apropo entdecken, sagt er, seine Freunde wären alle sehr neugierig auf mich und ob es mir was ausmachen würde, wenn wir morgen auf einen Aperitivo uns erst mit Ihnen treffen könnten, natürlich nur, wenn es mir nichts ausmachen würde. Natürlich macht es mir nichts aus, ganz im Gegenteil, ich bin ja schließlich auch neugierig und so werde ich also morgen auch einen Teil seiner Freunde kennenlernen.
Ich esse noch eine warme Ciambella mit Nutella und dann fahren wir nach Hause. Ich genieße diese Fahrt, auch wenn es auf der Autobahn nun etwas frischer ist, aber gut, ich hab ja auch nur ein Kleid an, Sandaletten und den Helm auf dem Kopf. Ich erzähl euch besser mal nicht, wie warm es hier noch ist.




Samstag, 1. Oktober 2016

das Erdbeben

 ich bin fast zu Hause als mein Telefon klingelt und das um vier Uhr morgens. Ich wundere mich, wer jetzt noch anruft, aber es kann ja nur Tomb Raider sein, wahrscheinlich hat sie was vergessen. Auf meinem Display sehe ich, es ist mein Herr, ich gehe ran und er turtelt mir ins Ohr, daß er von seinem Konzert auf dem Weg nach Hause ist und mich noch hören will. Betrunkene Männer am Telefon sind immer was feines und ich amüsiere mich darüber, noch dazu finde ich seine tiefe Stimme unheimlich sexy und so lasse ich Ihn einfach vor sich hin erzählen, was er denn alles heut abend erlebt hat. Erstaunlicherweise kennt er gar nicht so viele Leute wie ich im Dorf, aber trotzdem hat er sich wohl diesmal sehr beobachtet gefühlt. Tja, mit großer Sicherheit, hat es sich im Dorf schon rumgesprochen, daß wir mitten auf der Piazza geknutscht haben sag ich Ihm und er fängt an zu lachen. Ich frage Ihn, ob seine Eltern Ihn noch nicht angesprochen hätten, meine Mutter jedenfalls hat sich schon bei mir erkundigt, wer dieser Mann ist, und ob diese Geschichte überhaupt wahr ist.
Sie war gar nicht erfreut darüber zu erfahren, daß es die Wahrheit ist, aber immerhin fand Sie es nur schlimm, daß wir uns haben erwischen lassen, über den Mann hat Sie diesmal nichts geäußert, wahrscheinlich auch nur deshalb, weil Sie Ihn nicht kennt. Auch meine Mutter kennt nicht alle im Dorf, aber bei sechsunddreißig Jahren Abwesenheit wohl völlig normal.
Mittlerweile stehe ich vor meiner Tür und versuche diese aufzuschließen, dabei vernehme ich ein leichtes Vibrieren unter meinen Füßen, denk mir aber nichts weiter und gehe rein. Der Herr will gerne einen Beweis dafür, daß ich Samstag wirklich zu Ihm fahre und so werfe ich den Computer an und suche mir die Seite von Trenitalia um diese Fahrt zu buchen. Heute klappt das hervorragend mit dem Buchen und ich öffne mir eine neue Seite um in meinen Mail- Account nach der Bestätigung nachzusehen, da lese ich nebenbei, daß es vor kurzem in Mittelitalien ein schwereres Erdbeben gegeben hat. Ich spreche den Herrn darauf an und wir sind beide ein wenig betreten, kennen wir die Folgen eines Erdbebens doch beide, auch wenn er gerade mal geboren war als 1980 in Süditalien die Erde so bebte, daß viele Süditaliener Ihr Hab und Gut verloren.

Mein Bruder und ich wurden beide in Deutschland geboren, aber da meine Mutter so heimweh hatte, sind wir als ich drei Jahre alt war, wieder zurück nach Laurenzana gezogen. Ich habe dort den Kindergarten und sogar die Schule besucht, und wurde doch sogar mit viereinhalb Jahren eingeschult, einiges früher als üblich. Der Kindergarten wird auch heute noch von den Nonnen geleitet und ich erinnere mich, daß ich vor einigen Jahren von einer Nonne im Dorf angesprochen wurde ob ich die Tochter von der Familie sei, die in Deutschland lebt. Als ich mit ja antwortete, war Sie erfreut darüber, daß aus mir doch noch was geworden sei, denn ich muß wohl schon als Kind zu viel Energie gehabt haben, und so beschlossen damals alle, daß ich schon ein Jahr früher zur Schule sollte. So wurde das wohl früher gelöst.

Mein Vater lebte weiterhin in Deutschland als die Welt und auch er von diesem Unglück erfuhr. Wir warteten einige Tage bis mein Vater zu uns nach Laurenzana kam um uns zurück nach Siegen, genauer Dreis- Tiefenbach zu holen.
Laurenzana war zur Hälfte eingestürzt und es war ein kalter Novemberabend als es passierte. Ich erinnere mich, daß mein Bruder und ich bei meiner Tante waren um mit unseren Cousins zu spielen. Meine Mutter war schon mehrmals gekommen um uns nach Hause zu holen zum Abendessen, wir aber wollten einfach nicht nach Hause. Wir schauten irgendeine Kindersendung im Fernsehen und tobten vor uns hin, wir waren ja zu sechst, die älteste Cousine gerade neun und der jüngste gerade vier Jahre alt, als wir das Wackeln zwar wahrnahmen aber dem keine Bedeutung schenkten. Kurz darauf kamen fast schon hysterisch meine Mutter und meine Tante hoch um uns aus dem Haus zu holen. Man hörte hier und da Schreie, aber an mehr erinnere ich mich nicht mehr, es geschah ja auch einen Monat vor meinem siebten Geburtstag.
Neunzig Sekunden soll es nur gedauert haben, dafür aber Schäden hinterlassen, die teils heute noch sichtbar sind. An die vielen Toten und Verletzten mag ich gar nicht denken wollen.
Wir durften die Nacht draußen auf der Ladefläche der Ape schlafen und am nächsten Tag wurde die Katastrophe erst richtig sichtbar. Unser Gebäudekomplex, wo sich die Wohnung meiner Eltern befindet, war so dermaßen eingestürzt, daß wir gar nicht mehr hinein konnten.
Die nächsten Tage war in dem Dorf trotz allem viel Bewegung, es kamen von überall Leute um zu helfen um wenigstens die Hauptverkehrsstraße zu räumen.
Als mein Vater dann endlich da war, versuchten er und mein Onkel das wichtigste aus der Wohnung zu holen und ich erinnere mich, daß ich ganz schön geheult habe, als wir ein paar Tage später, alle und alles zurückließen um den langen Weg nach Deutschland anzutreten.

Wir quatschen noch eine Weile und als wir einiges später auflegen, schicke ich Ihm ein Foto meines Tickets worauf dann noch ein Smiley und ein Küßchen zurückkommt und ich lege mich ins Bett um noch eine Weile wach zu liegen. Ich denke an das Erdbeben damals, an das vor ein paar Jahren und auch an das von heute Nacht und auch daran wieviel Glück wir letztendlich hatten, daß nur unser Gebäude eingestürzt ist. Meine Mutter sagt auch heute manchmal noch, ein Glück, daß wir an diesem Abend so besonders ungehorsam waren.

Als ich Mittags wach werde rufe ich Tomb Raider an und auch Sie hat schon von dem Erdbeben gehört. Sie war damals auch erst grad geboren und in ihrem Ort war es sogar noch schlimmer, denn dort an der Grenze zu Kampanien und der Basilikata lag das Epizentrum dieses Erdbebens. Sie wuchs tatsächlich jahrelang in einer Holzhütte auf bis die Aufbauarbeiten so langsam in Bewegung kamen.
Wir verabreden uns auf einen frühen Aperitivo und fragen in unserem Gruppenchat wer noch dazu kommen will. An diesem Abend gibts nur zwei Themen, das Erdbeben und meine Reise nach Potenza an diesem Wochenende. Die Mädels können es kaum glauben, daß wir so verliebt sind, ich ehrlicherweise auch noch nicht. Optisch ist er gar nicht mein Typ, bestätigen mir auch alle, aber irgendwas reizt mich an Ihm, vielleicht auch die Tatsache, daß schon länger sich keiner mehr so ins Zeug geworfen hat ?
Jedenfalls werd ich das jetzt einfach ausleben und hinfahren, auch das empfinden Sie alle als mutig, weil ich Ihn ja kaum kenne und wer weiß was dann dort passiert. Ich muß lachen, denn ich verstehe nicht warum denn alle so negativ denken, und antworte Ihnen, daß ich ja höchstens herausfinden kann, daß er ein Serienkiller ist, aber das scheint sie noch mehr zu beunruhigen. Ich stelle oft fest, daß viele um mich herum so negativ sind, während sie mir oft vorwerfen zu positiv zu sein. Von meinen deutschen Freunden z.B. höre ich oft, ob ich keine Angst davor habe, daß der immernoch aktive Vesuv ausbrechen könnte, was mir ehrlicherweise überhaupt keine Angst macht, ganz im Gegenteil, ein schneller Tod wie ich finde. Ich habe mal eine Dokumentation darüber gesehen, in dem die simuliert darstellten, was alles passieren könnte und daß man innerhalb weniger Minuten an dem Ascheregen ersticken würde. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum es hier keinen Evakuierungsplan gibt. In wenigen Minuten schaffe ich es noch nicht mal aus meinem Bett raus, wo sollte ich da schon hinfliehen .....

https://www.youtube.com/watch?v=E_SLxwyOzbA
https://www.youtube.com/watch?v=dYoM9CErElY
https://www.youtube.com/watch?v=OCYGlREVmEI
https://www.youtube.com/watch?v=MwUPefAsbu4

Wie auch immer, wir verabreden uns für Freitag abend zum Fisch essen in Castellammare di Stabia, einem schönen Ort an der Amalfiküste unterhalb von Pompeji und die Jungs werden mich und Tomb Raider auf Ihren Scootern mitnehmen. Sehr schön, ich fahre so gern Scooter mittlerweile, daß ich fast gar keine Angst mehr habe, noch nicht mal mehr auf der Autobahn. Mein Busenfreund ist ehrlicherweise auch ein super Fahrer und ich genieße es sehr mit Ihm durch die Gegend zu fahren, ich habe sogar dahingehend Blut geleckt, daß ich ernsthaft überlege mir selbst eins anzuschaffen, wer hätte das mal gedacht.
Heut abend habe ich auch das Vergnügen mit Ihm nach Hause zu fahren und er nutzt die Gelegenheit mit mir eine extra Runde zu drehen. Ich genieße trotz Helm den warmen Fahrtwind in meinen Haaren, schmiege mich an Ihm und genieße diese Aussicht am Meer entlang. Es geht grad die Sonne unter und Ihr wißt ja, wie sehr ich diese Stadt liebe, aber dieser Anblick vom Scooter aus ist einfach unbeschreiblich schön, ich frage mich ernsthaft, wie kann man diese Stadt nicht lieben, es ist einfach unmöglich.