nachdem wir heute morgen mal wieder früh geweckt wurden um wenigstens noch gemeinsam frühstücken zu können, verabschieden wir uns an der Tankstelle, wo ich noch auf seine Freundin treffe, die mich dort abholt um noch ein wenig Zeit mit mir zu verbringen. Mein Herr warnt mich schon vor, daß Sie mir bestimmt von Ihrem Lover erzählen will und ich Ihr auf jedenfall diesen Typ ausreden soll. Sie ist Anfang Zwanzig, eine clevere auch wenn für meine Begriffe sehr pessimistische Frau, die die Meinung vertritt, daß man keinem außer sich selbst vertrauen kann. Sie erzählt mir von Ihrem Typen, der ungefähr mein Alter hat und in einer festen Beziehung ist, mit dem Sie seit Monaten eine Affäre hat. Aha, denk ich, so sieht also eine Liebhaberin aus, die liebt und leidet und hofft, daß er sich für Sie entscheidet, und jetzt hätte Sie gern meinen Rat, wie Sie mit Ihm umgehen soll. Da ist es wieder, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil man am liebsten sagen will, das bringt nichts, verlaß Ihn, er wird sich niemals entscheiden und gleichzeitig weiß man, daß Sie natürlich genau das Gegenteil hören will, auch weil schon alle anderen Ihr abraten von diesem Kerl. Bevor ich Ihr irgendwas rate, frage ich Sie erstmal nach mehr Details und lasse Sie mal erzählen in der Hoffnung, daß Sie sich Ihre Frage selbst beantwortet, aus eigener Erfahrung weiß ich, daß man meistens nur einen Zuhörer braucht und gar nicht jemanden der einem Ratschläge erteilt.
Ich höre Ihr zwar aufmerksam zu, merke aber daß meine Gedanken abschweifen, denn ich hatte fast vergessen, daß ich mich seit letztem Jahr in einer ähnlichen Situation befand.
Letzten Sommer lernte ich einen Römer kennen, den ich wie bei fast allen meinen Männern am Anfang gar nicht so interessant fand. Beim dritten zufälligen Treffen in der Altstadt passierte es dann doch. Nach einem gemeinsamen lustigen und feuchten Abend küsste er mich und verschwieg mir, daß er bereits vergeben war. Wir trafen uns einige Male bis er mir dann mehr per Zufall erzählte, daß er in Rom seine Freundin hatte, die an dem Wochenende mit seiner Teenagertochter aus erster Ehe zu Besuch nach Neapel kommen sollten. Ich blieb ganz ruhig und er erzählte mir, daß diese Beziehung eigentlch am Ende sei, er aber aus Verantwortungsgefühl seine Freundin nicht verlassen wollte, weil diese ein halbes Jahr später nach Chile zurückkehren würde. Wenn ich so richtig darüber nachdenke, ist es fast genauso gelaufen wie bei Ihr und man liest so oder ähnlich viele Geschichten darüber in Romanen oder Frauenzeitschriften. Man gerät so schnell in so eine Geschichte, daß man egal wie oft man vorher gesagt hat, daß man selbst niemals so dumm wäre, sich auf einmal selbst in so einer Affäre wiederfindet.
Tja, da saß ich nun, verliebt in einen Mann, der schon vergeben war, und auch ich hoffte, daß er Sie verlassen würde, spätestens, wenn Sie zurück in Ihre Heimat flog. Wenigstens schwor ich mir, daß ich in der Zwischenzeit weiterhin offen bleiben wollte für andere Männer. Für ein paar Bettgeschichten gelang mir das auch, bis ich dann diesen Frühjahr nachdem er immernoch nicht die andere verlassen wollte, ich das Handtuch warf, und Ihm fast ärgerlich mitteilte, daß ich ja glücklicherweise mich nicht auf Ihn verlassen und weiterhin auch Spaß mit anderen Männern hatte. Damit wollte ich mir endgültig alle Chancen verderben, denn er ist einer der typischen Männer, die selbst alles machen dürfen, aber Ihren Frauen so etwas nicht verzeihen würden.
Er fiel aus allen Wolken und ich verteidigte mich mit den Worten, daß ich das ja dürfte, schließlich wäre ich ja nicht in einer Beziehung sondern er, worauf er mir dann antwortete, was das denn zwischen uns gewesen wäre, etwa nicht eine Beziehung ? Darauf hatte ich nun wirklich keine Antwort mehr, denn im Grunde hatte er ja Recht. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander, auch außerhalb des Bettes. Wir verstanden uns so gut, daß wir einige Gemeinsamkeiten zusammen ausleben konnten, und wir von Freunden auch wie ein Paar betrachtet wurden.
Ich übte keinerlei Druck auf Ihn aus, aber irgendwann fühlte ich, daß er niemals eine Entscheidung gefällt hätte und ich wollte dies auf keinen Fall für Ihn übernehmen.
Ich wollte, daß er sich aus freien Stücken für mich entscheidet und er wollte wohl verlassen werden, womöglich von uns beiden.
Als Sie zum Ende kommt, frage ich, ob Sie Ihm denn schon die Pistole auf die Brust gesetzt hätte, was Sie leider mit ja beantwortet und dieser sogar noch um mehr Zeit gebeten hat. Ich konnte Ihr nur noch raten, sich auf Ihr Bauchgefühl zu verlassen, der würde Ihr schon mitteilen, wann es genug wäre, auch wenn ich viel lieber gesagt hätte: "sient a me: lascialo", was neapolitanisch ist und bedeutet: "hör auf mich: verlaß Ihn".
Wir trinken unseren frisch gepressten Orangensaft aus und gehen zu Ihrem Auto.Sie nimmt mich noch ein Stückchen mit, denn ich habe noch ein wenig Zeit bis mein Zug zurückfährt und ich will gern in die Altstadt.
Wir verabschieden uns sehr herzlich und versprechen uns in Kontakt zu bleiben.
Mit meinem Rucksack auf dem Rücken laufe ich nochmal alle Etappen ab, die ich schon seit Jahren nicht mehr bei Tageslicht gesehen habe und erinnere mich an das ein und andere zurück. Es ist für Anfang September immernoch sehr warm und ich genieße es durch die Sonne zu laufen, auch wenn mein Gepäck mich ein wenig zum Schwitzen bringt.
Ich war Ende der Neunziger Jahre zuletzt bei Tage in Potenza und da konnte man immernoch einige Schäden vom Erdbeben sehen. Nun ist sie wieder eine schmucke kleine Altstadt mit einigen kleinen Geschäften, aber auch einigen leer stehenden Lokalen, was man seit der Krise in Italien aber fast überall beobachten kann. Ich habe dermaßen Nachdurst, daß ich in eine Bar laufe und mir an der Theke eine Gassosa bestelle. Das ist ein Getränk aus Potenza, daß der Sprite sehr ähnlich ist und aus kleinen Flaschen mit Strohhalm serviert wird. Ich hab diese lange nicht mehr getrunken und weiß auch nicht ob es noch produziert wird, doch der Barrista bestätigt mir sogar, daß es immernoch ein Familienunternehmen ist, und ist irgendwie gerührt, daß ich Ausländerin dieses Getränk kenne. Diesmal erzähle ich nicht meine Lebensgeschichte, trinke aus, und muß auch schon los.
Um zum Bahnhof zu kommen haben sich die Stadtplaner was pfiffiges einfallen lassen, denn man muß einige Höhenmeter hinab und so gibt es einen Aufzug, der einen auf das erste Plateau bringt und von da aus gibt es einige Rolltreppen, denn auch Potenza liegt auf einem Berg, daß durch eine lange Serpentinenstraße mehrere Ebenen verbindet. Ich glaube es waren vier lange Rolltreppen, die mich dann fast bis zum Bahnhof bringen, diese sind überdacht und an den Wänden hängen Bilder von den Zeitungen- Titelblättern, die kurz nach dem Erdbeben veröffentlicht wurden, die man ganz nebenbei sich anschauen kann, wenn man nicht auf der Rolltreppe mitläuft.
Unten angekommen, entwerte ich meinen Fahrschein und genehmige mir noch einen Cappuccio, denn dieser Zug hat schon jetzt eine Viertelstunde Verspätung. Ich schaue auf mein Handy und hab gar nicht bemerkt, daß einige Nachrichten eingetrudelt sind. Die schönste von meinem Herrn, der mich schon vermißt.
ich muß mal kurz auf Toilette und als ich an der Empfangstheke vorbeikomme, frage ich kurz den Herrn hinter der Theke, ob er sich zufällig für Fußball interessiert und ob er mir sagen könnte, wie es beim SSC Napoli grad steht, die spielen nämlich noch. Er bestätigt mir, daß sie führen, bedanke mich dafür und gehe zur Toilette weiter.
Ich freue mich, denn nach dem Debakel mit dem Weggang von Higuain hatte ich schon fast schlimmes befürchtet.
Als ich zurückkomme von der Toilette, steht auch schon mein Herr vor der Theke, er hat die Rechnung schon übernommen und freudig teilt mir der andere Herr mit, daß der SSC Napoli noch ein Tor geschossen hat, während mein Herr nur die Augen verdreht, denn er interessiert sich überhaupt nicht für Fußball. Wir quatschen noch kurz über den feigen Abgang von Higuain und freuen uns auf den sehr wahrscheinlichen Sieg der Neapolitaner, bevor mein Herr mich an die Hand nimmt um mich schnell aus dem Lokal zu ziehen. Er kennt das schon aus Laurenzana, sagt er mir, wenn ich mal ins quatschen komme, wirds schwierig mich wegzubekommen und schmunzelt mich an.
Wir fahren zurück zum Hotel und laufen von dort aus in eine Bar, wo schon die anderen auf uns warten. Die Via Pretoria ist in der Altstadt von Potenza, die Straße wo viele kleine Geschäfte aber auch viele kleine Bars sind, doch so belebt wie heute Nacht habe ich diese noch nie erlebt. Es treiben sich allemöglichen Leute in fast allen Altersschichten herum und natürlich stehen auch hier alle mehr vor den Lokalen als in den Lokalen herum und trinken.
Eigentlich hab ich schon genug getrunken, aber ich komme gar nicht dazu darüber nachzudenken, was ich trinken will, denn mir wird schon sofort ein Amaro in die Hand gedrückt. So langsam wird das zum running gag. Ich trinke diesen aus und wünsche mir als näachste Runde einen Martini Bianco, auch das ein Lieblingsdrink von mir. Wir sind schon beide ganz schön angetrunken und ich hab auch kein Zeitgefühl mehr, wohl aber bemerke ich, daß es in der Straße ruhiger wird bis wir entschließen uns zu verabschieden und zurück zu unserem Hotel zu laufen.
Das Hotel ist ja wie erwähnt ein altes Kloster und auch unsere Zimmertür ist eine alte typische Holztür mit den für damals üblichen Schlüsseln aus Metall.
Der Herr hat sichtlich Probleme diese Tür aufzubekommen und ich bekomme einen ersten Lachanfall, bis er mir einfach diesen langen Metallschlüssel in die Hand drückt und mich bittet es doch zu versuchen.
Gackernd stehe ich vor dieser Tür, doch auch ich bekomme Sie nicht auf, erst Recht nicht, weil ich vor lauter Lachen immerwieder in mich zusammensacke, bis wir beide auf dem Boden vor dieser Türe liegen und uns einfach nur totlachen. Wir fangen an zu knutschen, ohne auch nur darüber nachzudenken, wer uns sehen, geschweige denn die Leute denken könnten, bis ich dann nach einiger Zeit den Versuch nochmal aufnehme und es doch noch irgendwie schaffe diese Tür aufzubekommen.
Was dann so alles passiert ist, könnt Ihr euch ja selbst ausmalen.
Irgendwann später höre ich etwas schrillen. Ein Handy. Das von meinem Herrn.
Wir schauen uns beide ungläubig an, denn diese Nacht war mal mindestens viel zu kurz, wenn nicht sogar gar nicht vorhanden.
Wir müssen aufstehen und uns auch noch beeilen, wir sind ja mit den anderen zum Frühstück verabredet. Ich springe also auf und fühle sofort meinen dicken Kopf, aber auch das Laufen funktioniert heut morgen nicht so gut, ich wackele also im warsten Sinne des Wortes unter die Dusche und schleife den Herrn hinter mir her. Die Dusche ist nicht sehr groß und einige blaue Flecken später, beeilen wir uns aus dem Zimmer zu kommen.
Wir checken aus und fahren mit dem Auto durch die halbe Stadt um noch seine Freundin abzuholen um dann die anderen in diesem Lokal zu treffen. Ich bestelle mir erstmal einen Capuccio und ein Stück Kuchen, denn die Cornettos sind hier schon aus. Die anderen scheinen ein wenig frischer als wir auszusehen, Sie fragen auch erst gar nicht wie es war, schmunzeln aber und bevor ich mitbekommen kann, was genau passiert, wird auch schon eine Flasche Schampus serviert, zum Frühstück, na gut, mitgegangen, mitgehangen, wie man so schön sagt.
Nach dem ersten Glas kommt meine Energie fast von allein zurück und die Jungs haben schon beschlossen, daß wir gleich alle zu einem Agriturismo rausfahren um ordentlich Mittag zu essen.
Den Namen hab ich mir leider nicht gemerkt, jedoch muss man sagen, daß das wirklich eine schöne Anlage auf einem kleinen Hügel ist, die also nicht nur ein Restaurant, sondern auch einen großen Weinkeller, wenige Hotelzimmer und sogar einen Pool zu bieten haben. Um die Anlage herum sind nur grüne Wiesen und Bäume.
Ich weiß ja, daß vorallem die Süditaliener sehr gerne essen, aber was die Jungs da alles zusammenbestellt haben könnt Ihr euch nicht vorstellen. Es ist fast wie an Weihnachten. Anscheinend denken die, daß ich kein gutes Essen kenne und sie wollen, daß ich soviel wie möglich zu probieren bekomme, was natürlich sehr nett ist, doch da fängt das Problem auch schon an. Fast alles hier ist fleischlastig und um nicht der Spielverderber zu sein, probiere ich natürlich von allem. Ich glaub, ab jetzt brauche ich einen Monat kein Fleisch mehr.
Zu jedem Essensgang gibts eine andere Flasche Wein und zum Schluß auch noch einen Digestivo. Ich habe regelrecht einen Kugelbauch und weiß wirklich nicht mehr, wann ich das letzte mal so viel gegessen habe, auch wenn sich das ganze über mehrere Stunden hinzieht, will ich jetzt gern einfach nur ein paar Meter laufen, doch wir schaffen es nur bis zum Pool.
Ich setzte mich an den Rand und lasse meine Beine im Wasser baumeln und bin kurz davor mich einfach auszuziehen und reinzuspringen, besinne mich aber und lege mich auf eine Liege, wo ich doch tatsächlich ein wenig einschlafe. Ich werde geweckt, schließlich gibts noch Dolci und da kann ich wirklich einfach nie nein sagen.
Der Tag vergeht so schnell, daß es schon abends ist und ein Glück können alle auf ein Abendessen verzichten. Morgen müssen auch alle wieder arbeiten, also verabschieden wir uns und wir fahren zu ihm nach Hause.
Ihr wißt ja, ich bin in Süditalien, also wohnt der Herr nicht alleine sonden noch bei seinen Eltern. Hier aber ist das keine finanzielle Situation sondern eine bequeme. Ich beschließe nicht darüber nachzudenken, immerhin haben wir sturmfrei, weil die Eltern sich schon seit Tagen in Laurenzana aufhalten, doch trotzdem fühlt sich das seltsam an.
Ich bin mit sechzehn schon das erste mal zu Hause ausgezogen und mein Wunsch ist auch heute noch der, bloß nicht bei meinen Eltern wohnen zu müssen, mich stresst ja schon der Besuch bei meiner Mutter, wie man aber in dem Alter noch bewußt bei seinen Eltern wohnen kann, verstehe ich nicht so ganz.
Wir werfen uns auf sein Bett und quatschen über dies und das und genießen den Sonnenuntergang, denn die Aussicht aus seinem Fenster ist wirklich schön. Nach diesen intensiven vierundzwanzig Stunden, in denen wir soviel gequatscht, gelacht, gegessen und getrunken haben schlafen wir tatsächlich ohne weiteres beide ein.
es ist soweit, ich stehe am Gleis und warte auf den Zug der gleich eintreffen wird und mich nach Potenza bringen soll. Ich fühle mich wirklich wie ein Teenager und bin total aufgeregt, er arbeitet noch, findet aber trotzdem Zeit mir alle paar Minuten eine Whatsapp- Nachricht zu schicken. Wir albern rum und auch jetzt fordert er mich auf Ihm ein Foto von dem Zug zu schicken, nicht ausreichend das ich schon vorhin ein Foto vom Bahnhof schicken musste. Ich habe mir vorsichtshalber was zu lesen mitgenommen, ich lese unheimlich gerne im Zug und ich glaube nicht, daß sich diesmal jemand interessantes im Zug zum quatschen antreffen wird, oder doch ?, der Zugbegleiter sieht ganz gut aus.
Ich steige ein und mache es mir gemütlich, dieser Zug ist schon was moderner und damit leider auch schon mit Klimaanlage ausgestattet, was ich besonders hasse, denn die wird wahrscheinlich so kalt eingestellt sein, daß ich durchgefroren aussteigen werde.
Alle paar Minuten erkundigt sich der Herr, ob alles glatt läuft und so komme ich nicht wirklich zum lesen, also packe ich mein Buch weg und schaue aus dem Fenster. Der Zugbegleiter sieht noch besser aus als ich erst anfänglich dachte, er kommt gerade in unser Abteil um die Fahrscheine zu kontrollieren.
Er lächelt wahnsinnig süß, kontrolliert meinen Fahrschein und geht weiter.
Für eine Weile kommen keine Nachrichten mehr und ich wundere mich ein wenig, bis mir einfällt, daß ich bestimmt kein Netz habe, was dem auch so ist.
Eine halbe Stunde noch und dann werde ich eintreffen, dort habe ich noch ein paar Minuten Zeit, bis er eintreffen wird.
Ich packe nochmal mein Buch aus, ich lese etwas in deutsch, muß ich doch zugeben, fällt mir das immernoch am leichtesten. Ich lese gern einfache Liebesromane oder lustiges, wie im Moment "Ist das Liebe oder kann das weg" von Michael Nast. Ich mag seine Schreibweise sehr gern und diese Geschichten zwischen den Geschlechtern, die sich in Berlin abspielen sind amüsant und nachdenklich zur gleichen Zeit und ich schmunzel oft vor mich hin, bis auf einmal der Zugbegleiter mich anspricht. Er hat mich wohl schon länger beobachtet und sich gewundert und der ausländische Buchtitel hat Ihn wohl neugierig gemacht, wie er mir grad mitteilt. Er setzt sich mir gegenüber und ich erzähle Ihm oberflächlich wer ich bin und warum ich auch deutsch kann. Er strahlt und erzählt mir, daß er auch gerne nach Deutschland will, aber die fehlende Sprache Ihn daran hindert. Ob ich Ihm wohl Deutsch beibringen könnte fragt er und will gern meine Telefonnummer. Ich gebe Sie Ihm, auch wenn Ich dabei an was ganz anderes denke.
Oh je, ich ertappe mich dabei, wie ich ein schlechtes Gewissen bekomme und denke nur, warum nur tauchen die super Männer immer erst auf, wenn man sich eigentlich schon in jemand anderes verliebt hat ? Oder bin ich gar nicht verliebt ? Wie auch immer, wenn er ja nach Deutschland will ist er auf jedenfall der Falsche für mich, denn da will ich so schnell nicht hin zurück.
Der Zug ist heute sogar überpünktlich und ich gönne mir erstmal einen Kaffee und einen Cornetto, hilft bei Aufregung immer wie ich finde.
Das Gelände um den Bahnhof rum hat sich gar nicht groß verändert, es erinnert mich automatisch an so viele An- und Abfahrten mit meinen Eltern. Neu ist, daß man hier jetzt auch auf viele schwarze Flüchtlinge trifft.
Potenza ist aus der Entfernung eine häßliche Stadt, fährt man mit dem Auto hierher sieht man viele Bausünden und Wolkenkratzer, die wahrscheinlich alle nach dem Erdbeben gebaut wurden um so schnell wie möglich den Opfern wieder ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Potenza ist die Hauptstadt der Basilikata und dementsprechend mit allem ausgestattet. Immer wenn man irgendwas behördliches erledigen will, muß man hierher kommen, was von Laurenzana schwieriger ist, weil nur zwei mal am Tag ein Bus langkommt.
Wie auch immer, ich schaue noch schnell am Kiosk, was es denn für neue Zeitschriften gibt und kaufe mir noch schnell eine neue AD, eine Architekturzeitschrift die ich früher oft gekauft habe, und eine Elle Decor, bis mein Handy mich über eine neue Nachricht informiert, daß der Herr in fünf Minuten da sein wird.
Ich zahle und gehe hinaus zum Haupteingang und da sehe ich schon sein Auto auf mich zufahren. Ich gehe Ihm entgegen und da öffnet sich die Beifahrertür und auf dem Sitz sehe ich Blumen für mich bereit liegen.
Ich steige ein und nach einer sehr knappen Begrüßung, knutschen wir erstmal, bis jemand hinter uns hupt. Es fühlt sich so an, als ob nach unserer letzten Nacht in Laurenzana nur wenige Stunden vergangen wären, obwohl es doch schon zwei Wochen sind. Er fragt mich, ob ich bereit bin auf seine Freunde zu treffen, die warten schon auf uns in deren Stammlokal.
Während der Fahrt dorthin turteln wir die ganze Zeit weiter und wir erinnern uns nochmal gemeinsam an unseren ersten Abend.
Wir halten vor dem Lokal und es ist eine gemütliche Kneipe mit einer kleinen Küche, wo man sowas wie Pommes und Burger essen kann. Bier gibt es hier auch genug, sogar Warsteiner und Krombacher vom Faß. Einer der Inhaber ist auch sein Freund, der mir stolz erzählt, daß er erst vor kurzem in Krombach war zur Firmenbesichtigung und wie gut es Ihm gefallen hätte, wenn es nur nicht die ganze Zeit so geregnet hätte. Willkommen in meiner alten Heimat, und so erzähle ich denen erstmal, daß ich da um die Ecke geboren wurde und den Großteil meines Lebens dort verbracht habe, und ja, das mit dem Regen wäre dort leider immer so, mit ein Grund warum dort so viele Bierbrauereien sind. Die Jungs lachen und bieten mir natürlich sofort ein Bier an, was ich dankend ablehne und Ihr dürft raten, was ich dann gefragt wurde.
Ich steige lieber sofort mit einem Amaro Lucano ein, und so darf mein Herr dann erstmal erzählen, daß wir uns mitunter auch wegen einem Amaro Lucano kennengelernt haben. Ich mag die Jungs und nun kommt auch seine Busenfreundin noch dazu, die mich zwar kurz abcheckt aber mich sofort mit einem breiten Grinsen begrüßt. Zu mehr kommt es nicht, denn der Herr entführt mich sofort. Er hat eine Überraschung für mich.
Wir steigen ins Auto und vertrösten die Gruppe auf später. Im Auto vertraut er mir an, daß Potenza eine kleine Altstadt hat, die ich natürlich schon kenne, wo er für uns ein B&B Zimmer gebucht hat. Ok, in seiner Heimatstadt ein Hotelzimmer zu buchen, gut denk ich, hab ich in Berlin auch schon mal gemacht, und lasse mich natürlich gerne darauf ein.
Dieser kleine Bezirk dieser Stadt, könnte ohne weiteres auch eine Seitenstraße von Florenz sein und ist wirklich schön. Das B&B Al Convento ist ein altes Kloster und er wollte schon immer mal dort übernachten und hätte nur auf die richtige Gelegenheit gewartet, die er mit mir wohl gefunden hat.
Das Gebäude ist wirklich schön und originell restauriert worden, aber auch hier halten wir uns nicht lange auf, schließlich hat er einen Tisch für uns vorbestellt und zwar in der Antica Osteria Marconi, ein sehr gutes Restaurant, daß man auch im Michelin Guide findet. Ich verrate nicht, daß ich hier schon gegessen habe, aber es wirft in mir einige Erinnerungen an meinen verrückten Sommer 2006 auf, wovon ich euch noch nicht alles erzählt habe.
In der Osteria angekommen sind wir mit Abstand die Jüngsten und das war auch 2006 schon so.
Ich hab schon seit Tagen Lust auf einen Risotto und als ich das lese bin ich natürlich sofort entflammt. Der Herr kann sich darauf einlassen, dafür überlasse ich Ihm alles weitere zu entscheiden. Um uns herum füllt es sich und er flüstert mir zu, daß einige von den Gästen aus seiner Berufsgruppe sind, worauf ich Ihm scherzig antworte, daß das eine der wenigen Berufsgruppen in Italien ist, die sich das wohl noch leisten kann.
Er lacht und sieht mich mit großen Augen an, also erzähle ich Ihm, daß meine Freunde mir sagen, ich hätte mir jetzt wohl einen reichen Mann gesucht, und Sie mir daraufhin erzählt haben warum das so ist. Ehrlicherweise sage ich Ihm, daß mir das aber total egal ist, denn reiche Männer hätte ich auch in Deutschland schon haben können, aber darauf hätte ich nie Wert gelegt, ganz im Gegenteil. Er lacht noch immer und ich belasse es dabei, will ich Ihm doch nicht schon jetzt erzählen, was ich von dieser Klassengesellschaft halte.
Der Wein schmeckt mir super und bei den kleinen Portionen, die wir hier serviert bekommen, kann ich gar nicht anders als mehr zu trinken, das allerdings spüre ich auch immer deutlicher....
heut morgen schrillt mein Wecker, ich muss für meineVerhältnisse ganz schon früh raus, während ich normalerweise nie einen Wecker stelle und mir den Luxus gönne einfach aufzuwachen. Seitdem ich in Neapel bin hat sich per Zufall ergeben, daß ich über Freunde und Bekannte angesprochen wurde, ob ich nicht privat Nachhilfeunterricht geben könnte in Deutsch und auch in Englisch, und so habe ich wenige Schüler, denen ich helfe durch das Schuljahr zu kommen. Die Schüler hier in Italien lernen ganz schön viel Stoff, wie ich erstaunt feststellen muß, sie haben mit vierzehn Jahren schon mehr gelernt, als ich mit achtzehn auf dem Gymnasium. Die Methoden sind hier nur anders. Die Schüler lernen sehr viel auswendig, ohne richtig zu verstehen, was sie überhaupt lernen, leider so auch die Sprachen. In der Regel fange ich bei fast null an und ich versuche oft mühsam Ihnen den Spaß an der Sprache zu vermitteln.
Diese Schülerin ist die Nichte meiner Freundin und sie wohnt am anderen Ende der Stadt, so daß ich die Tram vom Hafen aus nehmen kann. Die große Baustelle von Piazza Municipio bis zum Porto, an der auch eine neue Metrostation eröffnet wurde, kommt aber nicht wirklich zum Ende, da sie bei jedem Buddeln wieder etwas neues finden, wie hier jetzt schon das fünfte Schiff der alten römischen Flotte. Ich habe mir von Fachleuten mal erzählen lassen, daß es in der ganzen Stadt noch so vieles unterirdisch zu entdecken gibt, daß man zumindest bei den Sachen, die man schon weiß, entschieden hat, sie unter der Erde zu lassen, weil kein Geld da ist um diese sachgerecht zu restaurieren.
Nun fährt die Tram nicht, auch wenn ich nicht feststellen kann warum sie nicht fährt, aber auch das normal in dieser Stadt. Man wird nichtmal informiert und so passiert das oft, daß man vergebens auf Busse und Bahnen wartet. Ich laufe zurück zur Metro, auch wenn ich dann noch eine ganze Weile laufen muß, aber für mich, der gern durch die Straßen von Neapel läuft ist das weiter kein Problem. Bewaffnet mit meinem Handy fotografiere ich ganz nebenbei alles was mir neu auffällt und informiere kurz meine Schülerin, daß ich mich verspäte.
http://www.famedisud.it/a-piazza-municipio-lantico-porto-di-napoli-spunta-una-quinta-nave-romana/
Heute ist es nochmal ganz schön heiß und sie erwartet mich schon mit einer selbst gemachten Granita um mir dann auch direkt mitzuteilen, daß wir Ihren Bruder vom Rugby abholen müssen. Ja, Ihr lest richtig, vom Rugby holen wir Ihren Bruder ab, denn hier in diesem Viertel gibt es eine amerikanische Kaserne, die nebenbei für alle zugänglich allesmögliche an Sportaktivitäten anbietet. Bei Neapel müßt Ihr wissen, sind auch einige Stützpunkte der Nato, die sich während des zweiten Weltkrieges gebildet haben um von hier aus gegen Hitler Krieg zu führen. Man sieht hier viele Soldaten, auch deutsche.
Wir laufen also kurz rüber und schon beim Betreten des Geländes fallen mir einige hübsche Männer in Uniform auf. Meine Schülerin ist im besten Teenageralter und interessiert sich auch schon für Jungs, also schauen wir ein wenig gemeinsam, wer denn ganz gut aussieht. Wir kommen auf dem Platz an als wir beide den gut aussehenden Trainer entdecken. Ganz spontan sag ich in deutsch wie super der aussieht und Sie antwortet mir in deutsch, ohne stottern und flüssig, daß ich absolut Recht habe. Ich schaue Sie erstaunt an und wir werfen dann einen weiteren Blick über das Gelände ob wir noch andere hübsche Jungs oder Männer entdecken. Wir setzen uns auf ein Mäuerchen und der Trainer kommt uns plötzlich näher und hört uns aufmerksam zu bis er uns auf gebrochenem italienisch fragt, auf wen wir warten. Man hört sofort, daß er Amerikaner ist und wir schmunzeln beide und entdecken den Vorteil der deutschen Sprache, denn deutsch können nur wenige. Wir erzählen Ihm auf wen wir warten und schmachten Ihn noch eine ganze Weile an, bis Sie seinen Ehering entdeckt, daß Sie mir natürlich auf deutsch mitteilt. Wirklich schade, nach der Telefonnummer frage ich dann mal besser nicht.
Wieder bei Ihr zu Hause angekommen, entwickeln wir eine neue Methode wie wir diese deutsche Sprache besser lernen und beschließen uns bald häufiger in der Stadt zu treffen. Sie ist wie Ihre Tante sehr an Kunst und Geschichte interessiert und so lasse ich Sie für das nächste Mal in deutscher Sprache vorbereiten, mir einiges über den Dom in dieser Stadt zu erzählen. Bald kommt eine Freundin aus Berlin, dann können wir das gut verbinden, indem Sie uns den Touristenführer mimt. denn mit Ihr kann Sie dann ja nicht anders als nur deutsch sprechen und ich springe ein, wenn nötig.
Mit diesem Schlüsselerlebnis fahre ich zufrieden nach Hause. Dort angekommen bereite ich meine Tasche für mein Wochenende in Potenza mit dem Herrn vor, denn heut abend fahren wir ja Fisch essen und da es bestimmt spät wird, erledige ich das mal vorsichtshalber schon jetzt.
Mein Telefon klingelt, und da ist er auch schon, mein Herr. Wir sind beide ganz schön aufgeregt und ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich mich zuletzt so gefühlt habe. Wir turteln eine Weile bis es auch schon an meiner Tür klingelt. Tomb Raider ist schon was früher eingetrudelt, denn gleich kommen ja auch schon die Jungs.
Der Herr macht einen auf ironisch eifersüchtig, ich verspreche Ihm, daß wir vorsichtig fahren und wir auf jedenfall heut nacht nochmal telefonieren.
Tomb Raider und ich genehmigen uns einen Amaro Lucano und warten nur noch wenige Minuten bis es wieder an der Türe klingelt. Wir fahren mit dem Aufzug runter, weil Tomb Raider nicht gern läuft und schon sehen wir die Jungs mit Helmen in den Händen bewaffnet. Endlich wieder Scooter fahren, denke ich, springen auf und es geht sofort los. Es ist ganz schön Verkehr auf den Straßen, aber mein Fahrer kann wirklich gut abschätzen ob und wie wir uns an den Autos vorbeischlängeln, auch wenn er in seiner ganzen persönlichen Art eher ein Ruhiger und Schüchterner ist, fährt er doch mutig an allen vorbei. Er scheint immer draufgängerischer zu werden und so überrascht er mich diesmal, indem er aus heiterem Himmel, mitten auf der Autobahn sein Handy zückt um von uns allen ein Selfie zu machen.
In Deutschland hätte ich jeden sofort angebrüllt, aber ich scheine so langsam diese Sitten anzunehmen und zwar so sehr, daß ich zwar kurz aufschrecke aber dann doch einfach alles geschehen lasse.
Heute abend sind tatsächlich fast alle da und wir müssen kurz auf einen größeren Tisch warten. Meine neapolitanische Schwägerin drückt mir sofort meinen Neffen in die Arme und ich genieße das sehr. Es wird kreuz und quer über den Tisch gequatscht und wir bestellen große Portionen Muscheln und Weißwein bis wir uns auf die Hauptspeisen einigen.
Irgendwie ist heute eine besonders gelöste Stimmung und gleichzeitig werde ich das Gefühl nicht los, daß zwischen meinem Busenfreund und meiner Schwägerin die Luft ganz schön knistert. Eigentlich stört es mich überhaupt nicht, da ich nicht denke, daß mein Bruder und Sie wieder zusammenkommen, jedoch ist Sie eine bekennende Christin, die jeden Sonntag in die Kirche rennt und auch sonst sofort jeden und alles verurteilt, aber na ja, wie mein Vater schon immer sagte, seien diese dann die schlimmsten.
Mir ist es wirklich egal, und außerdem bin ich mit meinen Gedanken in Potenza, denn in wenigen Stunden fährt schon mein Zug.
Wir bestellen die Rechnung und es ist unglaublich wie wenig wir für dieses üppige Essen und Trinken zahlen. Wir beschließen noch auf einen Nachtisch in eine Pasticceria zu gehen, ich hab so richtig Lust auf was Schokoladiges.
Auf dem Weg dorthin klingelt mein Handy und es ist wieder mein Herr und wir haben schon nachts um eins, die Stunden sind wirklich so verpflogen.
Seine Freundin hat Ihm auf Facebook unser Selfie von der Fahrt auf der Autobahn gezeigt und Ihm ist wohl aufgefallen, daß ich mich wohl zu eng an meinen Fahrer geklemmt habe, worauf ich sofort lachen muß. Er selbst ist nicht auf Facebook, aber bei der Gelegenheit hätte er sich mal mein Profil genauer angeschaut und festgestellt, daß ich wohl viel unterwegs bin, auch wenn ja nur wenige Posts öffentlich zu sehen sind. Stimmt, sage ich Ihm, hier gibt es viel zu entdecken und natürlich würde ich mich schon darauf freuen in Potenza einiges zu entdecken. Apropo entdecken, sagt er, seine Freunde wären alle sehr neugierig auf mich und ob es mir was ausmachen würde, wenn wir morgen auf einen Aperitivo uns erst mit Ihnen treffen könnten, natürlich nur, wenn es mir nichts ausmachen würde. Natürlich macht es mir nichts aus, ganz im Gegenteil, ich bin ja schließlich auch neugierig und so werde ich also morgen auch einen Teil seiner Freunde kennenlernen.
Ich esse noch eine warme Ciambella mit Nutella und dann fahren wir nach Hause. Ich genieße diese Fahrt, auch wenn es auf der Autobahn nun etwas frischer ist, aber gut, ich hab ja auch nur ein Kleid an, Sandaletten und den Helm auf dem Kopf. Ich erzähl euch besser mal nicht, wie warm es hier noch ist.
ich bin fast zu Hause als mein Telefon klingelt und das um vier Uhr morgens. Ich wundere mich, wer jetzt noch anruft, aber es kann ja nur Tomb Raider sein, wahrscheinlich hat sie was vergessen. Auf meinem Display sehe ich, es ist mein Herr, ich gehe ran und er turtelt mir ins Ohr, daß er von seinem Konzert auf dem Weg nach Hause ist und mich noch hören will. Betrunkene Männer am Telefon sind immer was feines und ich amüsiere mich darüber, noch dazu finde ich seine tiefe Stimme unheimlich sexy und so lasse ich Ihn einfach vor sich hin erzählen, was er denn alles heut abend erlebt hat. Erstaunlicherweise kennt er gar nicht so viele Leute wie ich im Dorf, aber trotzdem hat er sich wohl diesmal sehr beobachtet gefühlt. Tja, mit großer Sicherheit, hat es sich im Dorf schon rumgesprochen, daß wir mitten auf der Piazza geknutscht haben sag ich Ihm und er fängt an zu lachen. Ich frage Ihn, ob seine Eltern Ihn noch nicht angesprochen hätten, meine Mutter jedenfalls hat sich schon bei mir erkundigt, wer dieser Mann ist, und ob diese Geschichte überhaupt wahr ist.
Sie war gar nicht erfreut darüber zu erfahren, daß es die Wahrheit ist, aber immerhin fand Sie es nur schlimm, daß wir uns haben erwischen lassen, über den Mann hat Sie diesmal nichts geäußert, wahrscheinlich auch nur deshalb, weil Sie Ihn nicht kennt. Auch meine Mutter kennt nicht alle im Dorf, aber bei sechsunddreißig Jahren Abwesenheit wohl völlig normal.
Mittlerweile stehe ich vor meiner Tür und versuche diese aufzuschließen, dabei vernehme ich ein leichtes Vibrieren unter meinen Füßen, denk mir aber nichts weiter und gehe rein. Der Herr will gerne einen Beweis dafür, daß ich Samstag wirklich zu Ihm fahre und so werfe ich den Computer an und suche mir die Seite von Trenitalia um diese Fahrt zu buchen. Heute klappt das hervorragend mit dem Buchen und ich öffne mir eine neue Seite um in meinen Mail- Account nach der Bestätigung nachzusehen, da lese ich nebenbei, daß es vor kurzem in Mittelitalien ein schwereres Erdbeben gegeben hat. Ich spreche den Herrn darauf an und wir sind beide ein wenig betreten, kennen wir die Folgen eines Erdbebens doch beide, auch wenn er gerade mal geboren war als 1980 in Süditalien die Erde so bebte, daß viele Süditaliener Ihr Hab und Gut verloren.
Mein Bruder und ich wurden beide in Deutschland geboren, aber da meine Mutter so heimweh hatte, sind wir als ich drei Jahre alt war, wieder zurück nach Laurenzana gezogen. Ich habe dort den Kindergarten und sogar die Schule besucht, und wurde doch sogar mit viereinhalb Jahren eingeschult, einiges früher als üblich. Der Kindergarten wird auch heute noch von den Nonnen geleitet und ich erinnere mich, daß ich vor einigen Jahren von einer Nonne im Dorf angesprochen wurde ob ich die Tochter von der Familie sei, die in Deutschland lebt. Als ich mit ja antwortete, war Sie erfreut darüber, daß aus mir doch noch was geworden sei, denn ich muß wohl schon als Kind zu viel Energie gehabt haben, und so beschlossen damals alle, daß ich schon ein Jahr früher zur Schule sollte. So wurde das wohl früher gelöst.
Mein Vater lebte weiterhin in Deutschland als die Welt und auch er von diesem Unglück erfuhr. Wir warteten einige Tage bis mein Vater zu uns nach Laurenzana kam um uns zurück nach Siegen, genauer Dreis- Tiefenbach zu holen.
Laurenzana war zur Hälfte eingestürzt und es war ein kalter Novemberabend als es passierte. Ich erinnere mich, daß mein Bruder und ich bei meiner Tante waren um mit unseren Cousins zu spielen. Meine Mutter war schon mehrmals gekommen um uns nach Hause zu holen zum Abendessen, wir aber wollten einfach nicht nach Hause. Wir schauten irgendeine Kindersendung im Fernsehen und tobten vor uns hin, wir waren ja zu sechst, die älteste Cousine gerade neun und der jüngste gerade vier Jahre alt, als wir das Wackeln zwar wahrnahmen aber dem keine Bedeutung schenkten. Kurz darauf kamen fast schon hysterisch meine Mutter und meine Tante hoch um uns aus dem Haus zu holen. Man hörte hier und da Schreie, aber an mehr erinnere ich mich nicht mehr, es geschah ja auch einen Monat vor meinem siebten Geburtstag.
Neunzig Sekunden soll es nur gedauert haben, dafür aber Schäden hinterlassen, die teils heute noch sichtbar sind. An die vielen Toten und Verletzten mag ich gar nicht denken wollen.
Wir durften die Nacht draußen auf der Ladefläche der Ape schlafen und am nächsten Tag wurde die Katastrophe erst richtig sichtbar. Unser Gebäudekomplex, wo sich die Wohnung meiner Eltern befindet, war so dermaßen eingestürzt, daß wir gar nicht mehr hinein konnten.
Die nächsten Tage war in dem Dorf trotz allem viel Bewegung, es kamen von überall Leute um zu helfen um wenigstens die Hauptverkehrsstraße zu räumen.
Als mein Vater dann endlich da war, versuchten er und mein Onkel das wichtigste aus der Wohnung zu holen und ich erinnere mich, daß ich ganz schön geheult habe, als wir ein paar Tage später, alle und alles zurückließen um den langen Weg nach Deutschland anzutreten.
Wir quatschen noch eine Weile und als wir einiges später auflegen, schicke ich Ihm ein Foto meines Tickets worauf dann noch ein Smiley und ein Küßchen zurückkommt und ich lege mich ins Bett um noch eine Weile wach zu liegen. Ich denke an das Erdbeben damals, an das vor ein paar Jahren und auch an das von heute Nacht und auch daran wieviel Glück wir letztendlich hatten, daß nur unser Gebäude eingestürzt ist. Meine Mutter sagt auch heute manchmal noch, ein Glück, daß wir an diesem Abend so besonders ungehorsam waren.
Als ich Mittags wach werde rufe ich Tomb Raider an und auch Sie hat schon von dem Erdbeben gehört. Sie war damals auch erst grad geboren und in ihrem Ort war es sogar noch schlimmer, denn dort an der Grenze zu Kampanien und der Basilikata lag das Epizentrum dieses Erdbebens. Sie wuchs tatsächlich jahrelang in einer Holzhütte auf bis die Aufbauarbeiten so langsam in Bewegung kamen.
Wir verabreden uns auf einen frühen Aperitivo und fragen in unserem Gruppenchat wer noch dazu kommen will. An diesem Abend gibts nur zwei Themen, das Erdbeben und meine Reise nach Potenza an diesem Wochenende. Die Mädels können es kaum glauben, daß wir so verliebt sind, ich ehrlicherweise auch noch nicht. Optisch ist er gar nicht mein Typ, bestätigen mir auch alle, aber irgendwas reizt mich an Ihm, vielleicht auch die Tatsache, daß schon länger sich keiner mehr so ins Zeug geworfen hat ?
Jedenfalls werd ich das jetzt einfach ausleben und hinfahren, auch das empfinden Sie alle als mutig, weil ich Ihn ja kaum kenne und wer weiß was dann dort passiert. Ich muß lachen, denn ich verstehe nicht warum denn alle so negativ denken, und antworte Ihnen, daß ich ja höchstens herausfinden kann, daß er ein Serienkiller ist, aber das scheint sie noch mehr zu beunruhigen. Ich stelle oft fest, daß viele um mich herum so negativ sind, während sie mir oft vorwerfen zu positiv zu sein. Von meinen deutschen Freunden z.B. höre ich oft, ob ich keine Angst davor habe, daß der immernoch aktive Vesuv ausbrechen könnte, was mir ehrlicherweise überhaupt keine Angst macht, ganz im Gegenteil, ein schneller Tod wie ich finde. Ich habe mal eine Dokumentation darüber gesehen, in dem die simuliert darstellten, was alles passieren könnte und daß man innerhalb weniger Minuten an dem Ascheregen ersticken würde. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum es hier keinen Evakuierungsplan gibt. In wenigen Minuten schaffe ich es noch nicht mal aus meinem Bett raus, wo sollte ich da schon hinfliehen .....
https://www.youtube.com/watch?v=E_SLxwyOzbA
https://www.youtube.com/watch?v=dYoM9CErElY
https://www.youtube.com/watch?v=OCYGlREVmEI
https://www.youtube.com/watch?v=MwUPefAsbu4
Wie auch immer, wir verabreden uns für Freitag abend zum Fisch essen in Castellammare di Stabia, einem schönen Ort an der Amalfiküste unterhalb von Pompeji und die Jungs werden mich und Tomb Raider auf Ihren Scootern mitnehmen. Sehr schön, ich fahre so gern Scooter mittlerweile, daß ich fast gar keine Angst mehr habe, noch nicht mal mehr auf der Autobahn. Mein Busenfreund ist ehrlicherweise auch ein super Fahrer und ich genieße es sehr mit Ihm durch die Gegend zu fahren, ich habe sogar dahingehend Blut geleckt, daß ich ernsthaft überlege mir selbst eins anzuschaffen, wer hätte das mal gedacht.
Heut abend habe ich auch das Vergnügen mit Ihm nach Hause zu fahren und er nutzt die Gelegenheit mit mir eine extra Runde zu drehen. Ich genieße trotz Helm den warmen Fahrtwind in meinen Haaren, schmiege mich an Ihm und genieße diese Aussicht am Meer entlang. Es geht grad die Sonne unter und Ihr wißt ja, wie sehr ich diese Stadt liebe, aber dieser Anblick vom Scooter aus ist einfach unbeschreiblich schön, ich frage mich ernsthaft, wie kann man diese Stadt nicht lieben, es ist einfach unmöglich.
heute habe ich so gar keine Lust meine geliebten Steine schon früh zu verlassen und so bleibe ich einfach noch liegen. Zur späteren Nachmittagszeit kommen doch einige noch auf die Steine um in der Sonne abzuhängen und so wird es jetzt noch ganz schön wuselig.
Manche von Ihnen haben sich nicht wie ich nur ein Baguette mitgebracht sondern eine ganze Kühltasche voll mit allen möglichen kulinarischen Spezialitäten. Sie bieten auch mir immer wieder an, dies oder jenes zu probieren, daß ich am Anfang erstmal ablehne um dann schließlich doch mit Ihnen zu essen und zu trinken. Natürlich wird dabei auch gequatscht und so kommt es, daß wir über Frau Merkel sprechen, denn die ist hier überhaupt nicht gern gesehen. Lustig finde ich, daß ich doch tatsächlich gefragt werde, warum Sie eigentlich immer wieder gewählt wird, worauf ich nur grinsend antworte, daß ich mich das auch immer bei Berlusconi gefragt hätte. Ich jedenfalls hätte in beiden Ländern anders gewählt.
Wir lachen alle gemeinsam und so fange ich an zu erzählen, was in Deutschland gerade los ist. Als ich Ihnen über die aktuellen Schwierigkeiten erzähle, kommt erst einhellig die Meinung, daß das alles nicht so schlimm sein kann wie in Italien, aber umso mehr ich erzähle umso mehr wird klar, daß es um Deutschland nicht viel besser bestellt ist als hier. Letzendlich werden wir uns einig, daß wir in Italien wenigstens noch ein super Klima und leckeres Essen haben. Schaut man genauer, fällt auf, daß die Angestellten hier viel mehr Rechte haben als in Deutschland, was ja vor Jahren mit Hartz IV abgeschafft wurde. Sogar das Gesundheitssystem funktioniert hier besser als in Deutschland, man ist hier nicht Patient zweiter Klasse, auch wenn Renzi natürlich kürzen will und man hier noch kämpft, daß das nicht geschieht.
Es kommt halt immer auf den Blickwinkel und auf den eigenen Charakter an. Immer wieder stelle ich fest, daß die Italiener, das Ordentliche und Organisierte in Deutschland schätzen, während ich hier gerade, das chaotische und eben nicht stur den Regeln folgende, super finde. Ich empfinde Deutschland oft zu reglementiert und das Sicherheitsdenken schränkt einen nicht nur persönlich ein sondern auch die ganze Gesellschaft. Die Tatsache, daß man hier, gerade, weil eben nichts sicher ist, mehr in den Tag hineinlebt, gefällt mir persönlich am besten. Man kann nicht alles planen und gerade das, finde ich super, das zeigt sich auch schon in Kleinigkeiten. Ich habe hier in Napoli noch nie jemanden auf der Straße mit einem "Coffee to go- Becher" gesehen. Die fünf Minuten, um mal eben ein Schwätzchen an der Theke einer Bar zu halten und einen super Kaffee zu trinken, nimmt man sich hier einfach.
Auch stimmt einfach gar nicht, daß in Süditalien nicht gearbeitet wird, ganz im Gegenteil, die Jobs hier sind so schlecht bezahlt, daß viele sogar mehrere Jobs haben, also wie in Deutschland auch.
Das einzige was man nicht vergleichen kann, ist die Küche, denn die ist hier wie eine eigene Religion. Wenn man bedenkt, daß hier alle Milch- und Fleischprodukte teurer sind und trotzdem viel gegessen wird, während einige in Deutschland mehr Geld für Hundefutter als für Ihr eigenes Fleisch ausgeben, da spätestens merkt man doch wie unterschiedlich das ist. Man spart hier an allem, aber nicht an Lebensmitteln, auch wenn Obst und Gemüse tatsächlich noch günstiger sind, aber hier wächst bei diesem Klima ja auch alles. Letzten Winter hat es hier nur fünf Tage gegeben, wo es mal um die null grad kalt war, ansonsten waren es um die zehn grad und sehr oft auch wärmer. An Heiligabend bin ich sogar in Shirt und Shorts bei über zwanzig Grad aus Neapel raus um dann bei meiner Mutter im Bergdorf den Kälteschock abzukriegen. Das Klima beeinflußt doch sehr viel, auch die Gemütslage der Menschen. Dieses überschäumende fröhliche und positiv sein ist hier Alltag und letzendlich auch richtig, es geht ja immer irgendwie weiter.
Jetzt haben wir hier doch so viel Zeit verbracht, dass ich zu allem Überfluß auch noch einen super schönen Sonnenuntergang mitbekomme, so einen roten Himmel habe ich schon lange nicht mehr gesehen und genieße diesen bis zum Schluß.
Ich verabschiede und bedanke mich für alles um dann entspannt und happy nach Hause zu laufen. Dort angekommen stöpsel ich sofort mein Handy an den Stromkabel und schon werden auch einige Nachrichten eingeblendet. Ich wurde tatsächlich schon vermißt, von meinem Herrn, der mich unbedingt treffen will und mich nach Potenza zu sich einlädt fürs kommende Wochenende, aber vor allem von meiner "Tomb Raider- Freundin", die mich fast anfleht mich sofort zu melden.
Ich rufe Sie an und wir verabreden uns für Piazza Bellini, Sie hat heute das dringende Bedürfnis sich zu besaufen. Oh je, ich ahne schon worum es geht, also springe ich unter die Dusche, freue mich über die Einladung zum Wochenende und denke nur, wie gut, daß ich schon ordentlich gegessen habe, denn das wird heut auf jedenfall noch spät und sehr feucht.
Ich bin kaum aus der Dusche raus, da klingelt auch schon mein Handy und mein Herr ruft an. Ich schalte den Lautsprecher ein, denn schließlich muß ich mich noch abtrocknen usw. und Tomb Raider wartet ja auch auf mich.
Ob ich schon nach den Zügen geschaut hätte werde ich gefragt, ich fühle mich ein wenig ertappt, denn ich hatte ja noch gar keine Zeit nachzusehen, wie gut, daß mir einfällt, daß ich ja noch gar nicht weiß, wie er am Wochenende arbeiten muß und stelle so eine Gegenfrage um Ihm aber auch direkt mitzuteilen, daß ich mit Tomb Raider verabredet bin und ich springen muß. Ein Glück, daß auch er schon unterwegs ist und mir doch nur erzählen wollte, daß er in Laurenzana in unserer Bar ist um dort ein Konzert zu sehen und mein Cousin natürlich auch da ist. Wir beschließen uns später zu hören und ich beeile mich um fertig zu werden.
Auf dem Weg zu Piazza Bellini, beantworte ich noch per Voicemail einige weitere Nachrichten und gönne mir noch schnell ein leckeres Eis, da treffe ich zufällig auf meinen Nachbarn, den ich kurzerhand einfach mitnehme. Ich weiß, daß er auf Tomb Raider abfährt und so hoffe ich die Situation ein wenig zu verändern.
Als wir dort ankommen ist Tomb Raider überrascht, aber in der Zwischenzeit haben sich bei mir auch noch mein Busenfreund und sein Freund gemeldet, die auch noch dazukommen wollen, was ich Ihr erstmal verschweige. Wir setzen uns an einen Tisch und trinken erstmal einen Aperol Spritz und man bekommt den Eindruck, daß Sie sich entspannt. Kurz darauf stoßen auch schon die anderen zwei dazu und irgendwie wird es doch eher eine ruhige Runde und nicht wie ich vermutet hatte, laut und anstrengend. Mein Telefon klingelt und der Herr will mich wohl sprechen, ich stehe kurz auf und entschuldige mich um kurz mit Ihm zu quatschen und er zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, er scheint sich mehr zu amüsieren als wir, quatscht er doch ununterbrochen auf mich ein, so daß ich kaum zu Wort komme. Meine Erfahrung sagt mir, daß er wohl schon einige Drinks hatte, kenn ich das doch von allen meinen Ex-Männern. Ich lasse Ihn turteln und wende kurz meinen Blick zum Tisch hinüber, wo ich auf einmal mehr Action sehe als zuvor, auch wenn ich noch nicht genau sehen kann ob negativ oder positiv.
Der Herr am Telefon will gar nicht mehr aufhören zu turteln und auch wenn es mich freut, will ich doch jetzt lieber das Tischgespräch verfolgen und so versuche ich vorsichtig den Herrn am Telefon auf später zu verschieben, was mir auch gelingt.
Ich komme zum Tisch zurück und mit den ersten Worten, die ich höre, wird mir klar es geht um mein Lieblingsthema. Männer !!! und wie blöd diese im Moment sind. Tomb Raider redet wie ein Wasserfall auf die Jungs ein, daß Sie doch keine echten Männer mehr seien und zu Müttersöhnchen verkommen. Sie treffen keine Entscheidungen mehr, es wird nur noch virtuell geflirtet und noch nicht mal mehr zu einfachem Sex wären Sie zu haben, so lustlos wären Sie mittlerweile schon. Die Jungs antworten, daß die Schuld bei den Frauen zu suchen wäre, schließlich müßte man viel zu viel machen um überhaupt ran zu dürfen, und überhaupt wäre alles zu kompliziert, man würde viel mehr die ausländischen Frauen schätzen, die doch umso einiges entspannter und einfacher wären.
Alle starren mich an, aber klar, ich bin ja die Deutsche !
Ich fange an zu lachen, denn ich weiß ja, was die von mir hören wollen. Also erzähle ich erstmal, daß wenn man im Urlaub ist, man sogar nach dem Abenteuer sucht, schließlich ist man ja entspannt. Umso mehr ich rede, umso mehr wird klar, daß diese Unterschiede zwischen den Ländern zwar noch vorhanden sind, aber immermehr verschwimmen. Diese klassischen Vorurteile treffen einfach nicht mehr so zu. Dafür stellt man fest, daß sich einfach die Geschlechterrollen insgesamt sehr verändert haben. Männer wie Frauen sind heutzutage vorsichtiger und wollen sich gar nicht mehr auf das andere Geschlecht einlassen, ob aus Angst zu leiden, oder aus purem Egoismus ist nicht ganz klar. Fakt ist, daß für uns Frauen es generell einfach ist jemanden abzuschleppen, und auch für die Männer ist es einfacher geworden, die sexuelle Befreiung der Frau hilft da natürlich, auch wenn es in dieser Gesellschaft immernoch nicht gern gesehen wird, und hier in Süditalien schon gar nicht, daß eine Frau dasselbe macht wie ein Mann. Als Frau wird man hier sofort abgestempelt und da zeigt sich sofort diese Doppelmoral, wenn die Ausländerin leicht zu haben ist, ist das super, aber eine Landsfrau darf nicht leicht zu haben sein. Man weiß gar nicht mehr, wie man sich verhalten soll. Geht man die erste Nacht schon mit, ist eigentlich schon klar, daß daraus nichts werden kann, wenn man Pech hat, gibt der Typ noch damit an und die ganze Stadt weiß Bescheid. Geht man nicht mit, ist man mal mindestens schwierig wenn nicht sogar verklemmt. Wird man als schwierig gesehen, kann man damit rechnen, daß er es nochmal probiert.
Tja, ich dagegen habs doppelt schwer, denn Sie können mich nicht einschätzen, Sie verstehen mein Verhalten nicht, denn ich bin Deutsche und gleichzeitig aber nun auch eine, die hier lebt. Doppeltes Dilemma.
Ich entscheide spontan, daß wir viel zu wenig getrunken haben und bestelle die erste Runde Amaro für alle, schließlich sind wir ja nicht zum Spaß da.
Das finden natürlich alle lustig und typisch deutsch und so wird aus einer Runde schnell mehrere Runden und schon werden auch die lustigsten Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht erzählt.
Die Zeit vergeht wie im Flug und es ist auch schon wieder drei Uhr nachts, als wir beschließen nach Hause zu müssen. Mit einem Grinsen im Gesicht laufen Tomb Raider und ich nach Hause. An Piazza Dante vorbei, kann ich nicht anders als mit meinen Männern in Uniform zu flirten, ich habe noch nie erlebt, daß nicht wenigstens einer von denen hübsch ist, oft sind mehrere gutaussehend, aber Tomb Raider findet das gar nicht lustig und zieht mich einfach weg. Mit Männern in Uniform flirtet man einfach nicht, sagt Sie und hält mir eine Standpauke.
und wie ich immernoch in der Sonne brate. Im Moment hab ich so das Bedürfnis nach Sonne, daß ich einfach länger bleibe als sonst. Mittlerweile hab ich mir den neapolitanischen Stil angewöhnt und nach maximal drei Stunden verlasse ich meine Steine. Heute hab ich mir mein Lieblingsessen mitgenommen und Wasser habe ich auch noch, also bleibe ich noch eine Weile und ziehe mir erstmal meinen Hut über den Kopf. Ich liege rum und konzentriere mich auf die Wellen, so nehme ich nach kurzer Zeit noch nicht mal mehr mein schwätzendes Umfeld war, aber ich höre ganz leise Musik, "se bruciasse la città" von Massimo Ranieri. Ein Song aus dem Jahr 1971, den ich fast komplett mitsingen kann. Dieser Sänger lebt noch und er stammt aus Neapel, genauer aus dem Pallonetto di Santa Lucia, also aus meiner Nachbarschaft. Dieser Schmachtsong enthält alle Elemente wie Dramatik, Leidenschaft, Leid und Sehnsucht und allein dieser Text ist schon so hinreißend, untermalt mit dieser Melodie, die auch alles enthält, einfach nur herzzerreißend. Ach, nicht zu vergessen, daß er damals für meinen Geschmack ein echt hübscher Mann war.
https://www.youtube.com/watch?v=4zGcYkdRBSU
Ich genieße diesen Song und träume so vor mich hin, dabei denke ich auch nochmal an unsere Unterhaltung von vorhin und frage mich ernsthaft, was stimmt in diesem Land bloß nicht. Wie kann es sein, daß bei so viel Liebe auch so viel Leid zu spüren ist. Warum hat die Kirche immernoch so einen großen Einfluß auf diese Menschen hier und das im Jahr 2016 ? Gut, auch andere, extremere Religionen gewinnen immermehr Gläubige, was ist bloß los in dieser Welt, doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, werde ich auch schon angesprochen, trotz Hut und sogar mit Namen. Ich schaue kurz hoch und sehe Ihn vor mir stehen. Ich nenne Ihn immer Valentino, weil er dem Designer Valentino zumindest mit der gleichen Hautfarbe total ähnlich sieht, diesem gegerbten gelborange, dazu trägt er seine Haare, zumindest das was übrig geblieben ist, auffällig lang in undefinierbarem gelbblond,denn er hat einen Hubschrauberlandeplatz, auch gelborange gebräunt, und blaue Augen. Ja, blaue Augen sieht man hier viel, besonders in der Kombination mit dunklen Haaren.
Zu meinem Leid ist er von Beruf Friseur und jedesmal wenn wir uns treffen, faßt er meine Haare an und fragt mich, wann er Sie endlich mal schneiden darf.
Ihr müßt wissen, die neapolitanischen Frauen legen sehr viel Wert auf Ihre Haare. Ich habe noch nie so viele Friseursalons auf kurzer Distanz gesehen wie hier, denn, die Frauen gehen sogar zum Waschen und Legen zum Friseur, denn sie lassen sich die Haare glattföhnen und mit Glätteisen und anderen Treatments kämpfen Sie gegen jede Locke.
Ich selbst hab feines, sehr trockenes Haar, lang und naturgewellt und ich föhne nie. Ist die Luftfeuchtigkeit was höher, krausen sie sich seltsam und besonders an den Geheimratsecken bilden sich dann so kleine Hörner, daß ich wie ein Teufelchen aussehe und damit spätestens für viele unbedingt zum Friseur muß.
Ich kämpfe seitdem ich hier bin für meine Haare und verteidige sie gegen meine Freunde und auch gegen diesen Friseur. Ich mag meine Haare und ich finde, daß Sie meine Persönlichkeit widerspiegeln. Ich bin halt wild und unzähmbar und das strahlen wenigstens meine Haare aus, denn kleidungstechnisch bin ich sehr simpel und fast nur schwarz gekleidet, aber auch das wird nicht gern gesehen und ständig kritisiert.
Wie gut, daß ich heute liege und meine Haare unter meinem Hut begraben sind, doch trotzdem werde ich gefragt, wann ich denn mal kommen will.
Ich antworte wie immer freundlich und bestimmt, daß ich meine Haare so mag und nicht kommen werde, daraufhin lacht er und schmunzelt so vor sich hin, daß er eigentlich nur das gerne hören will, auch wenn er es nicht versteht, ich könnte doch soviel besser aussehen. Ich sag nur, noch besser ?, ich hab doch auch so schon genug Verehrer und fange an zu lachen. Er lacht mit mir mit und fragt dann natürlich prompt, wo denn dann mein Angebeteter ist und ich kann Ihm endlich mal antworten, wo dieser steckt, nämlich in Potenza.
Wir quatschen noch ein wenig Unsinn bevor er mich verläßt um sich im Meer abzukühlen.
So langsam bekomme ich Hunger und so packe ich mein Mortadellabaguette aus und beiße hinein, da begrüßt mich auch schon der nächste.
Oh nein, wie unangenehm, aber zu meiner Überraschung nimmt er nicht neben mir Platz sondern zieht ein paar Steine weiter.
Dieser Typ ist eigentlich nicht mein Beuteschema, aber er sieht verdammt gut aus, ist durchtrainiert, hat dunkelblonde Haare und blaue Augen und ist grad mal fünfundzwanzig Jahre alt. Ihn hab ich hier durch andere kennengelernt und nach einigen Unterhaltungen hat er mich dann nach meiner Nummer gefragt. Die Einladung zum Kaffee kam auch relativ zügig und so hab ich dann nach ein paar Bedenken und Ausreden eines Abends doch mal zugesagt. Wir treffen uns auf Piazza Bovia, die im Volksmund Piazza Borsa heißt, weil dort tatsächlich die Handelsbörse zu finden ist. Diese Piazza liegt an der Via Umberto und diese ist eine lange breite Prachtstraße, die direkt zu Piazza Garibaldi und zum Hauptbahnhof führt. Sie war jahrelang verschmäht worden, doch so langsam werden die alten tollen Gebäude restauriert und saniert und man findet neben der Universität auch noch ein super Hotel und vieles anderes in dieser Straße.
Nun gut, der Typ kommt mit einem Auto, daß ein rumänisches Kennzeichen hat und nach einem wohl komischen Blick von mir erklärt er mir dieses Phänomen. Die Auto- und Rollerversicherungen sind hier in Neapel um das fünffache teurer als z.B. in Mailand, weil immernoch behauptet wird, daß hier viel gestohlen und getrickst wird, obwohl die Zahlen mittlerweile belegen, daß dies überhaupt nicht der Wahrheit entspricht, ganz im Gegenteil, in Mailand werden viel mehr Diebstähle und Unfälle angezeigt als hier. Er zahlt diese Versicherung einmal jährlich an einen Typen und er hat auch noch den Vorteil, daß er sämtliche Knöllchen nicht bezahlen muß, weil Sie einfach nie bei Ihm ankommen. "Furbo" sagt er, daß heißt so viel wie schlau oder eher link, na ja, genau die Eigenschaft, die jedem Neapolitaner nachgesagt wird und deshalb hier auch nichts funktioniert, weil jeder denkt, er wäre schlauer als der nächste.
Ich muß als Deutsche natürlich widersprechen und erkläre Ihm warum Ich das nicht für schlau halte, aber mit seinem Grinsen vergeht mir erstmal diese Diskussion und wir fahren auch schon los.
Er bringt mich zu einer Bar und wir trinken tatsächlich einen Kaffee, denn er trinkt keinen Alkohol und auch sonst achtet er auf seine Ernährung und erzählt mir, wie und wo er sich sein gutes, in meinen Augen langweiliges, Essen besorgt, im Bioladen. Ich gebe zu, in Berlin hab ich auch dort eingekauft, aber weil das Gemüße dort wirklich besser war, aber hier ?
Ich habe so langsam meine Zweifel, ob dieses Treffen wirklich eine gute Idee war, will aber nicht der Spielverderber sein, also ignoriere ich das und lasse mich bereitwillig auf eine Spritztour ein, wo er mir ein paar Ecken der Stadt zeigt, die ich zwar schon kenne bis er dann auf einen Parkplatz fährt. In dem Moment fallen mir die Feldwege in Laurenzana ein, die doch soviel sympatischer sind und ich denk nur, ok, schauen wir mal was passiert.
Wir quatschen noch, doch er lenkt das Gespräch ganz klar in eine Richtung. Er will Sex und fragt mich, was mir denn so gefällt. Ich bin ein wenig überrascht über diese Herangehensweise und bevor ich weiter nachdenken kann schiebt er mir auch schon seine Zunge gegen meine Zähne. Ich weiche zurück und würd am liebsten fragen, wer Ihm bloß das Küssen beigebracht hat oder auch nicht. Er probierts einfach nochmal und es wird nicht besser. Ich bremse Ihn und denke schon wieder, wie wird wohl der Rest sein, wenn das knutschen schon nicht funktioniert. Ok, ich bin ja älter, vielleicht will er ja was lernen, also gebe ich Ihm noch eine Chance und ich versuche Ihm so schonend wie möglich zu zeigen, wie ich es gern mag, aber er ist einfach resistent gegen meinen Verbesserungsvorschlag und so fange ich nun wirklich an zu schwitzen, wie ich nun bloß aus dieser Nummer rauskomme.
Ich erzähle Ihm, daß ich einfach noch nicht bereit wäre, schiebe die Ausrede mit meinem Ex dazwischen, daß ich angeblich noch nicht überwunden habe, und hoffe, daß er von mir abläßt.
Er ist sichtlich angefressen und sagt mir, daß er von mir, weil ich doch soviel älter bin, was anderes erwartet hat und fragt mich, ob es denn an Ihm liegen würde. Ich würde so gerne ja sagen, lasse es aber, schließlich will ich ja noch heile nach Hause kommen. Er hatte sich vorgestellt, daß ich eine nimmersatte Liebesdienerin wäre, nicht verklemmt, weil ich ja eine Deutsche bin, und deshalb ist er jetzt auch so enttäuscht. Ich sollte es aber beim nächsten Mal wieder gutmachen und ich aber weiß schon jetzt, daß es kein nächstes Mal geben wird. Interessant wie man deutsche Frauen einschätzt, darüber muß ich wohl noch mehr Informationen sammeln.
Immerhin fährt er mich noch zurück, auch wenn er mich am liebsten auf dem Parkplatz zurückgelassen hätte. Ich bin halbwegs froh und freue mich nur noch auf zu Hause.
Wieder einmal habe ich erfahren müssen, daß man niemals gegen sein Bauchgefühl handeln sollte. NIEMALS !
nach einem so ereignisreichen Wochenende hab ich heute das Bedürfnis ans Meer zu gehen und in der Sonne zu braten. Ich werfe einen Blick auf meinen Vesuv und der strahlende Himmel verspricht mir einen geeigneten Tag dafür. Ich schlüpfe in meinen Bikini, packe meine Tasche und ziehe mir ein Kleid über. Ich habe einen kurzen Weg und brauche nur zehn Minuten um an meiner Lieblingsstelle in der Sonne zu liegen. Ich wohne direkt hinter der Kirche von Piazza Plebiscito und wohne hier an der Grenze zu zwei Quartieren, Monte di Dio, das ehemalige Adeligenviertel und dem Pallonetto di Santa Lucia, das angrenzend zum Lungomare, also an der großen Promenade am Meer entlang liegt.
Wir liegen auf einem kleinen Hügel und so laufe ich durch eine schmale Gasse, langgezogene Treppen hinab und am typischen neapolitanischem Leben vorbei, wo Kinder fast nackt auf der Gasse spielen, Omas und Opas auf Stühlen in der Sonne sitzen und an drei kleinen Tante Emma- Läden vorbei, die alle drei unterschiedliche Waren anbieten. Beim Salumiere halte ich kurz an um mir eine Art Baguettebrot mit frischer Mortadella mitzunehmen und natürlich ein kleines Schwätzchen zu halten. Im Moment ist keine Fußballliga, also quatschen wir kurz über meinen Ausflug nach Laurenzana, hat er mich doch seit ein paar Tagen nicht gesehen.
Ich laufe weiter und unten angekommen, springe ich noch in einen Laden, der tiefgefrorenes verkauft. Hier findet man Fisch, Fleisch, Gemüse usw. und auch meine große Flasche Wasser, wohlgemerkt tiefgefroren, so habe ich für die nächsten paar Stunden kaltes Wasser. Hier in der Via Santa Lucia gibts wundervolle alte Gebäude und alle paar Meter bekommt man den Blick frei direkt aufs Meer. Ich freu mich schon so, es kommt auch eine Freundin, die schon ganz gespannt ist auf meine Geschichten.
Die Promenade ist hier von großen Steinen gesäumt mit wenigen Stellen, wo man auch auf dem dunklen Vulkansand liegen kann. Ich selbst mag lieber die Steine und meine Lieblingsstelle ist die beim Castello dell´Ovo, wo man über eine kleine Mauer steigt und dann dort die wunderbare Aussicht hat auf die wunderschönen bebauten Hügel. Ich liebe diese Aussicht auf die Burg, die Häuser, den Booten und Jachten, das hat für mich was beruhigendes und mondänes zu gleich. Ab und an, sind auch die Spieler vom SSC Napoli auf den Jachten zu entdecken oder andere VIPs, aber ich finde viel spannender die Leute aus dem einfachen Volk um mich zu haben und wenige Touristen.
Wenn wir da zu zweit liegen, kommt es seltener vor, daß wir angesprochen werden, außer man kennt sich schon. Liege ich dort allein quatscht einen ständig jemand an und je nachdem, lasse ich mich darauf ein, außer es handelt sich um einen hübschen Neapolitaner, da kommt die Lust von ganz allein.Wenn ich mal wirklich keinen sprechen mag, ziehe ich mir meinen großen Schlapphut über und das funktioniert eigentlich ganz gut.
Ich laufe zu unserem Lieblingsstein weiter und sehe, daß meine Freundin noch gar nicht da ist, höre aber dann auch schon mein Handy. Es ist nicht meine Freundin, sondern mein Herr. Er begrüßt mich mit "buongiorno principessa" und den Worten, daß er mir einfach schreiben muß. Ich freue mich und mache erstmal ein Foto von meiner Aussicht um Ihm diese zu schicken. Er antwortet, daß er neidisch ist und verschlossen in seinen vier Wänden arbeitet. Bei Ihm regnets. Das tut mir natürlich leid, aber die Basilicata ist wettertechnisch wie das Siegerland, nur extremer.
Endlich kommt auch meine Begleitung und bevor ich Sie begrüßen kann fängt Sie auch schon an mich auszufragen. Ich erzähle Ihr also die ganze Geschichte und Sie unterbricht mich immer wieder mal mit "u ver", was "jetzt ehrlich" bedeutet, bevor ich dann weiter erzählen kann. Wir kichern vor uns hin und jedesmal wenn Sie "u ver" sagt, muß ich lachen. Ich liebe die neapolitanische Sprache und es gibt so eine paar Ausdrücke, die ich über alles liebe, wie z.B. auch "azz", das sogar aus dem deutschen kommt, hatten doch die deutschen Soldaten während der Besetzung im zweiten Weltkrieg immer "ach so" gerufen sobald Sie etwas verstanden, oder "uaaaa" von den Amerikanern, wenn diese "wow" sagten. Die Neapolitaner machen alles was Ihnen gefällt zu Ihrem Eigentum, im neapolitanischen findet man viele Wörter, die ursprünglich aus anderen Sprachen kommen, und mittlerweile hat die UNESCO diese als eigene Sprache erklärt und es werden weltweit Sprachkurse angeboten.
Heute piepst ständig mein Handy und beim nachschauen finde ich auch Nachrichten von Typen, die ich schon länger nicht gehört habe. Ich frag mich immer, warum die sich immer dann melden, wenn man erstmal kein Interesse mehr hat, aber das ist ja ein bekanntes Phänomen.
Auch der Herr findet zwischendurch Zeit um mir zu schreiben und ehrlicherweise fühle ich mich sehr verliebt. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange das her ist, daß sich jemand so ins Zeug wirft, irgendwie unglaublich und es sollten alle Alarmglocken schrillen, aber andererseits fühlt sich das so gut an, daß ich es einfach auf mich zukommen lassen will. Schließlich bin ich ja Optimist.
Da piepst auch schon wieder mein Handy, diesmal der Messenger. Oh je, da schreibt mir jemand, daß ich schon zum dritten mal abgelehnt hab mit Ihm einen Kaffee zu trinken und daß er deshalb auch nichts mehr mit mir zu tun haben will. Ich fange an laut zu lachen und meine Begleitung will wissen was passiert ist, ich muß weiterhin so lachen, daß ich Ihr mein Handy weiterreiche und meiner Begleitung ist aber gar nicht nach lachen, sondern Sie fängt an zu schimpfen. Was er sich denn einbildet, ob er mal in den Spiegel geschaut hätte und überhaupt, verheiratet ist er und seine Tochter haben wir auch schon kennengelernt und überhaupt, warum wir Frauen denn nicht ablehnen können ohne uns danach noch beschimpfen lassen zu müssen, wir können doch wohl selbst entscheiden. Sie ist wirklich sauer.
Also, das muß ich jetzt erklären glaub ich. Diesen Typ haben wir hier am Meer bereits letztes Jahr kennengelernt. Ein kleiner untersetzter Mann mit einem Bauch, Glatze und knapp über fünfzig Jahre alt. Am Anfang wurde so über Gott und die Welt gesprochen und er schien ganz nett zu sein, obwohl mir mein Gefühl irgendwie schon mitteilte, daß irgendwas mit Ihm nicht stimmt. Kurz darauf war dann auch mal seine Tochter da, ein nettes sehr hübsches Mädchen, daß wir uns sogar gefragt haben, wie das möglich sei. Gut, irgendwann hat er uns beide mal zum Kaffee eingeladen, wir lehnten aber beide ab. Damals wußte ich noch nicht, daß diese Einladung zum Kaffee tatsächlich eine Anmache war, hatte er uns ja erzählt, daß er verheiratet ist.
Auch wenn das natürlich nichts zu bedeuten hat. Na ja, irgendwann erzählte er uns dann sogar, daß er immer wieder mal Affären hat, aber auch das hat mich nicht weiter aus der Fassung gebracht, schließlich kann jeder machen was er will, auch wenn ich selbst eine andere Meinung dazu habe.
Das auch das schon eine weitere Anmache war, hab ich irgendwie nicht geschnallt. Ich bin halt der Typ für klare Worte. Tja, das hatte der wohl dann irgendwann auch kapiert, bis er mir dann unmißverständlich klar machte, daß er an mir interessiert ist und mich fragte ob er mich küssen dürfe, was ich natürlich freundlich aber deutlich ablehnte.
Irgendwie dachte ich, ok, das wars dann jetzt endlich, aber nein, er fragte ein paar Wochen später nochmal, ob ich mit Ihm einen Kaffee trinke, was ich wieder ablehnte. Das ist aber jetzt wieder ein paar Wochen her, warum auf einmal diese Nachricht ?
Meine Begleitung hat sich beruhigt und da fragt Sie mich auch schon, ob ich denn die Tage mit einem Typ hier war. Klar, immer wieder mal, der letzte war mein Freund aus London. Er ist gay und wirklich zuckersüß, noch dazu kuschelig, er muß uns wohl gesehen haben.
Meine Begleitung regt sich wieder auf und da kommen wir auf das Thema "Gewalt gegen Frauen", daß hier in Italien tatsächlich noch ein großes Thema ist. Es gibt ganze Fernsehformate darüber, die über nichts anderes sprechen, als darüber wie Männer Ihre Freundinnen und Ehefrauen mißhandeln, unterdrücken und sogar letzendlich umbringen. Es gibt immernoch Männer, die meinen, daß Frauen Ihr Eigentum seien und hört man sich hier um, gibt es wenige Frauen, die nicht auf irgendeine Art und Weise schon Erfahrungen dahingehend gemacht haben. Wirklich traurig.
Sie erzählt mir daraufhin von einer Ihrer Freundinnen und ich frage mich tatsächlich, warum Frauen sich so behandeln lassen, aber ja, es liegt an der Erziehung. Sogar meine Mutter äußerte vor meinem letzten Freund, daß ich mich Ihm unterzuordnen hätte, als sie zufällig bei einem Streit dabei war.
Ich war so geschockt und traurig zu gleich darüber, daß sie sich noch nicht mal die Mühe machte erstmal zu hören, worum es bei diesem Streit ging, daß ich mich noch heute darüber aufrege.
Mein Handy piepst und bevor sich mein Akku verabschiedet lese ich noch, "principessa, liegst du noch in der sonne ?"
was ein furchtbarer Absturz ! Ich gebe zu, trinken sollte man nur, wenn es einem gut geht, denn Alkohol verstärkt ja die Gemütslage.
Nachdem wir also von gackernden Hühnern geweckt wurden, brauchten wir eindeutig erstmal einen Kaffee und was zu essen. Am Weg nach Hause hielten wir in der ersten Bar in der Serpentinenstraße an, die auch die erste Bar ist an dieser Straße und wenige Meter von meiner Mutter entfernt. Ich bin eigentlich gar kein Kaffeetrinker, was natürlich in Deutschland alle komisch finden und mit dem Spruch begleitet wird,daß ich doch Italienerin bin, genauso wie in Italien alle sagen, " wie Du magst kein Bier ? Du bist doch Deutsche ! "
Wir bestellen einen Espresso, der hier nur Caffè heißt und für mich einen Cappuccio, also einen Cappuccino. Anscheinend hat keiner eine Vermißtenanzeige für uns aufgegeben, denn wir werden nicht wirklich beachtet. Still trinken wir unsere Getränke und gönnen uns noch jeweils einen Cornetto mit Crema.
Zu unserer Oma will mein Cousin nicht mit, er meint sogar, vielleicht wäre ein Gespräch unter Frauen besser. Wir trennen uns bei meiner Mutter, ich gehe kurz hoch um ein Lebenszeichen von mir abzugeben und nach einer schnellen Katzenwäsche lauf ich auch schon runter zu meiner Oma.
Meine Oma ist zu dem Zeitpunkt 95 Jahre alt und noch sehr fit. Nur mit den Ohren, ja, da haperts ein wenig und man muß mit Ihr ein wenig brüllen.
Ich begrüße meine Oma und Sie merkt sofort, daß ich nicht einfach so da bin. Ich sage Ihr, Oma ich muß Dich mal was fragen, da ruft Sie mir auch schon zu, daß Sie mich schlecht hört. Ich ahne schon, daß es gleich komisch wird wegen der Verständigung. Ich frage also, "Oma, was ist eigentlich damals mit dem Opa und dem Pfarrer passiert ?" Sie starrt mich an und ruft, "nicht so laut, müssen ja nicht alle hören !" Klar ist, daß alle Nachbarn uns hören werden bei der Lautstärke.
Als Gegenfrage will Sie erstmal wissen, von wem ich das habe, anscheinend wird so geprüft, wem man was erzählen kann und wem nicht, ich aber verrate es nicht und sage Ihr den Spruch, den wir sonst immer von Ihr gehört haben: Man spricht über die Sache, aber nicht über die Quelle.
Sie schmunzelt und fängt an zu erzählen. Sie bestätigt mir das Gerücht, kann mir aber natürlich keine Details nennen, weil Sie selbst nicht anwesend war. Klingt logisch. Mein Opa wollte wohl nie wirklich darüber sprechen und kurze Zeit später starb er ja auch schon. Meine Oma macht eine abfällige Handbewegung und sagt, daß danach nichts mehr so gewesen sei wie früher.
Ich warte kurz und frage mich, ob ich die Frage aller Fragen stellen kann. Mir brennts so unter den Nägeln, also frage ich, ob Sie denn was mit dem Pfarrer gehabt hat. Meine Oma schaut mich an und da entdecke ich eine leichte Röte in Ihrem Gesicht. Beantworten will Sie mir die Frage nicht. Gut, keine Antwort ist auch eine Antwort, also frage ich nur noch, ob der Pfarrer denn gut aussah ? Daraufhin bekomme ich sofort einen Schlag auf meinen Oberschenkel und den Spruch, der war doch viel zu jung.... Ich drücke Sie und bleib noch ein wenig bei Ihr sitzen.
Spätestens jetzt, weiß ich wo meine Schwäche für jüngere Männer herkommt.
Ich bin optisch und charakterlich eindeutig eine Mischung meines Vaters und meiner Oma mütterlicherseits. Für mich persönlich eine gelungene Mischung, denn meine Oma war eine hübsche aber vorallem kluge Frau, während ich von meinem Vater die fröhliche, optimistische und sportliche Art geerbt habe.
Irgendwie fühle ich mich super, ich mag den Gedanken, daß wir gar keine perfekte Familie sind, wie meine Mutter uns immer einreden wollte und ja, ich muß unbedingt in Erfahrung bringen, ob es noch mehr solcher Geschichten gibt in unserer Familie.
Dieses Land ist voller Widersprüche ! Man will gläubig und katholisch sein, und muß doch feststellen, daß Die Doppelmoral allgegenwärtig ist.
Man setzt für sich andere Maßstäbe als für andere und empfindet dies als normal. Mein Vater meinte immer, klar, warum alle katholisch sind, ist das doch mit eine Religion, die alles verzeiht. Man braucht sich nur in den Beichtstuhl setzen.
Nur zwischen den Menschen funktioniert das nicht, denn werden einem vermeintliche Fehler immer wieder unter die Nase gerieben. Man wird für alles verurteilt, bevor man überhaupt der Frage nachgeht, ob es denn der Wahrheit entspricht. Und davon kann ich euch in diesem Dorf ein Lied singen, denn was über mich alles erzählt wird....
Ich verabschiede meine Oma und laufe zu meinem Cousin runter. Dort angekommen, werde ich schon mit Spannung erwartet und als ich alles erzählt habe, überkommt uns die Lust auf einen Drink und beschließen sofort richtung Bar zu gehen.
Ich wundere mich über meinen Körper, der diese ganzen Alkoholmengen anscheinend gut verarbeitet und wie gerufen treffen wir ganz zufällig auf einen älteren Herren, der meinen Vater gut gekannt hat, haben sie doch vor der Auswanderung meiner Eltern und später alle Ferien zusammen abgehangen. Nostalgisch fängt er an zu erzählen, wieviel Spaß sie miteinander hatten und erzählt uns prompt eine Geschichte, die sich Anfang der Siebziger Jahre abgespielt haben soll.
Zu dem Zeitpunkt kannte mein Vater meine Mutter noch nicht und wohnte noch bei seinen Eltern in Corleto Perticara, ein Nachbarort von Laurenzana, achtzehn Kilometer entfernt. Mein Vater war also noch keine dreißig Jahre alt.
Viele Familien haben zusätzlich zu der Wohnung im Ortskern noch Ländereien, die außerhalb der Wohngegend liegen, wo jede Familie fast immer einen kleinen Gemüse- und Obstgarten hat, mal mindestens irgendwelche Tiere wie Hühner und Kaninchen wenn nicht sogar Ferkel, Ziegen oder Schafe und wenn Sie mehr Land zur Verfügung haben, wird meistens auch noch Wein oder Getreide angebaut.
Meine Großeltern väterlicherseits hatten viel Land zur Verfügung, wo sowohl Wein als auch Getreide und Kartoffeln angebaut wurde.
Der ältere Herr holt tief Luft und wir bieten Ihm erstmal nochwas zu trinken an, bevor er dann mit leuchtenden Augen von diesem Abend erzählt, wo sie auf dem Landgut waren und die erste Weinlese stattgefunden hatte. Alle Familienmitglieder, aber auch Freunde und Bekannte halfen sich gegenseitig bei solchen Tätigkeiten aus, denn es mußte oft schnell gehen, da wegen schneller Wechsel von Witterungsverhältnissen soviel wie möglich abgearbeitet werden mußte.
An diesem besagten Abend also wurde die erste Pressung beim Wein vorgenommen, wo soviele Liter wie möglich gepresst und dann in Weinfässer abgefüllt wurden. Natürlich wurde die erste Pressung auch probiert und bis in die Nacht hinein mit viel Käse, Salami, Schinken und anderen Leckereien genossen. Sicherlich hatten es die damals noch "jungen Männer" ein wenig mit dem Wein übertrieben, wie auch heute noch.
Jedenfalls, mußten sie ja doch noch ein paar Kilometer zurücklegen um danach wieder nach Hause in den Ort zu kommen. Mein Vater sollte dann mit der Ape nach Hause kommen und direkt auch noch das ein oder andere mitbringen.
Wer die Ape noch nicht kennt, sollte wissen, daß das ein Fahrzeug von der Marke Piaggio ist, mit nur drei Rädern, vorne mit einer kleinen geschlossenen Fahrerkabine, die an eine überdachte Vespa erinnert, wo zur Not auch zwei Personen drin Platz finden, während hinten fast immer eine offene Ladefläche ist, auf der entweder allesmögliche oder auch schonmal sitzend Leute transportiert werden. Daran erinnere auch ich mich immer gern zurück, war das doch immer ein Höllenspaß mitzufahren, erst Recht, weil wir in jeder Kurve unser Gewicht verlagern mußten um mit diesem Gefährt nicht umzukippen.
Die zwei jungen Männer hatten wohl an dem Abend ein bißchen zuviel Wein gehabt, und ausgerechnet die erste Pressung, die ja Fruchtzucker- und Alkoholhaltiger ist und einem schneller zu Kopf steigt.
Jedenfalls traute mein Vater sich diese Fahrt wohl noch zu und fuhr wenn auch etwas langsamer als sonst, trotzdem zu schnell diese Serpentinen zurück nach Hause, bis in einer harmlosen Kurve sie die Kontrolle über die Ape verloren und sich erst die Böschung hinab probierten, um noch an wenigen Bäumen entlang zu fahren bis sie dann endgültig nichts mehr machen konnten und sich dann mit dem Gefährt mehrmals überschlugen.
Wie ein Wunder hatten beide bis auf ein paar Schrammen nichts abbekommen und sogar die Ape hatte das ganze nur mit ein paar kleinen Beulen und Kratzern überlebt.
Als sie sich selbst wieder aufgerappelt hatten, gönnten sie sich erstmal noch einen Schluck Wein und sammelten dann alle Waren ein um dann im Schneckentempo nach Hause zu kommen.
Mein Cousin und ich sahen uns schmunzelnd an, bis wir dann doch mit dem älteren Mann in Gelächter ausbrachen, und sowas wie, ja ja, dieser Alkohol, gebrabbelt wurde und wir gemeinsam an der Theke uns noch einen Amaro gönnten. Er prostete uns zu und versprach uns noch mehr Geschichten erzählen zu können, doch wir hatten für heute genug gehört.
Man könnte meinen, es wäre alles gut gegangen, aber etwas war doch von dem ganzen übrig geblieben, nämlich, daß mein Vater seitdem nie wieder fahren konnte. Diesen Schock hat mein Vater wohl niemals überwunden und jetzt verstehe ich auch, warum wir immer mit dem Zug nach Italien gefahren sind und nie ein Auto hatten.
Als mein Bruder und ich taggleich den Führerschein bestanden und wir später ein Auto hatten, erinnere ich mich, daß mein Vater mich mal nach dem Schlüssel fragte und mal fahren wollte. Er meinte ja nur keinen Führerschein zu haben, aber fahren könne er ja. Wir gingen also zusammen zum Auto und ich übergab Ihm die Schlüssel, aber nachdem er hinterm Steuer saß, probierte er gar nicht erst das Auto zu starten und stieg ohne Begründung wieder aus. Ich sah zwar, daß er ein wenig blaß wurde und seltsam nervös, hab aber damals nicht weiter reagiert und nachgefragt.
Leider ist mein Vater einfach zu früh gestorben, heute hätte ich noch so viele Fragen. Wer weiß, was so alles passiert ist, wovon wir niemals etwas erfahren werden.