Freitag, 5. Mai 2017
Piazza Garibaldi
Es klingelt mal wieder mein Wecker. Es ist diesmal nicht ganz so früh, immerhin schon elf. Ich hab versprochen alle zu wecken und Sie entweder zum Airport Shuttlebus oder zum Hauptbahnhof zu begleiten. Ich reiße mich aus den Federn und spüre diesen ziehenden Schmerz am Po. Zu den Schürfwunden sind noch blaue Flecke dazugekommen, na herzlichen Dank auch. Von meinem brummenden Schädel will ich euch erst gar nichts erzählen. Wie immer mache ich mir erstmal Musik an und schlendere durch die Wohnung mit dem Telefon in der Hand um alle anzurufen. Das hat diesmal ausgesprochen gut geklappt und so dusche ich schnell und treffe die erste Gruppe gleich an Piazza Trieste e Trento um zusammen zur Metro zu laufen. Vorab springe ich kurz zu meinem "Tabacchi" um die Fahrkarten zu kaufen. Der hübsche Sohn vom Inhaber ist auch schon da und begrüsst mich wie immer sehr freundlich mit "la tedesca" und ich weiss nie so recht ob ich mich darüber freuen soll oder nicht.
Ich ziehe meine Brille nicht ab, weil ich meine verquollenen Augen nicht zeigen möchte und schon bekomme ich gesagt, dass ich mittlerweile ganz schön italienisch geworden sei, weil ich die Brille nicht mehr abnehme wenn ich den Laden betrete. Ich lache und schiebe meine Brille hoch in die Haare und prompt muss ich dann hören, dass ich sie doch wieder aufsetzten soll. Was soll man da noch sagen. Wir lachen beide und ich ziehe schmunzelnd weiter. Generell habe ich hier immer das Gefühl sehr beachtet zu werden, aber heute fühlt es sich noch intensiver an als sonst. Ob ich wohl noch schwanke ?
Ich treffe auf meine Jungs und wir entscheiden uns die Haltestelle Toledo zu nehmen, ist diese doch so einzigartig schön. Die Jungs fragen mich besorgt ob ich noch Schmerzen habe, weil ich ganz schön komisch laufen würde, da wird mir dann schnell klar, warum mich alle so besonders anschauen.
Tatsächlich bin ich ganz gut darin Schmerzen zu ignorieren, jedoch spricht mein Körper wohl eine andere Sprache.
Wir kommen an dieser Haltestelle an und ich erzähle den Jungs, dass Sie vom`The Daily Telegraph´zur schönsten Haltestelle Europas gekürt wurde. Diese Metrolinie 1 ist tatsächlich sehr schön, wurde doch fast jede Haltestelle von bekannten Künstlern und Architekten entworfen und es lohnt sich wirklich alle Haltestellen mal anzuschauen. Ich habe mir immer noch nicht alle angesehen, dafür war das Wetter einfach noch nicht schlecht genug, aber diese in der Via Toledo ist wirklich einzigartig schön. Man kann viele Mosaiken, Fotos von Oliviero Toscani und Achille Cevoli begutachten und sogar einem Seismographen zuschauen wie er die Strahlen aus dem Kosmos aufzeichnet.
In dieser Stadt, wie auch in vielen anderen alten Städten, findet man ständig etwas historisches sobald man anfängt zu graben, dass erschwert häufig die Baustellen fertigzustellen, leider zu oft verlängern sie sich dann sogar um Jahre. Von einem Kunsthistoriker aus Neapel habe ich mal erfahren, dass viele Kunstgegenstände gar nicht erst zu Tage befördert werden, weil einfach das Geld fehlt um diese gerecht zu restaurieren und oder zu konservieren. Ein Dilemma in vielerlei Hinsicht.
Wir fahren langsam die Rolltreppen hinab und jetzt wird allen klar was so faszinierend wirkt. Jeder der kann macht Fotos oder Videos.
Unten am Gleis angekommen haben wir nur eine kurze Wartezeit und da wir insgesamt noch etwas Zeit zur Verfügung haben werden wir gleich bei "Attanasio" die beste Sfogliatella der Stadt essen.
Dieser Blick auf die Piazza Garibaldi ist trotz der Baustelle seltsam schön. Man sieht dieses hässliche Hochhaus mit der riesigen Kimbo- Werbung auf dem Dach, davor die Statue von Garibaldi und drumherum die historischen, teils sanierten Gebäude, und ja, sogar den Vesuv sieht man hinter dem Bahnhofsgebäude. Wie überall in der Welt tummeln sich auch hier allemöglichen komischen Gestalten herum und viele verstehen nicht warum mir das hier so gut gefällt, aber ich finde, das gehört einfach zu jedem Bahnhof dazu. Das Dreckige, die Kriminellen, die Dealer, die vielen schwarzen Immigranten, was soll ich sagen, mich fasziniert das immer wieder.
Heute stehen hier auch die Hütchenspieler, die auf Dumme warten die direkt einen Einsatz von fünfzig Euro verzocken.
Wir bleiben kurz stehen um zu sehen wer von diesen Leuten dazugehört und wer nicht und lachen untereinander. Es dauert nicht lange bis wir angesprochen werden mitzuspielen. Ich ziehe die Jungs dort weg, weil ich jetzt gern meine "Frolla" essen will und es gelingt mir tatsächlich sogar sehr schnell. Bei "Attanasio" ist der größte Ansturm schon vorbei und so müssen wir nicht lange auf unsere Sfogliatelle warten.
So langsam wird die Zeit knapp und man merkt wie traurig die Jungs werden. Mittlerweile sind wir so zusammengewachsen, daß die bevorstehende Trennung und dann auch auf unbestimmte Zeit, uns alle traurig macht.
Wir verabschieden die ersten, die den Shuttlebus zum Flughafen Roma Fiumicino nehmen, während der Rest den Bus zum Napoli Capodicchino braucht. Der "Alibus" fährt alle zwanzig Minuten und ist auch noch günstig.
Wir müssen kaum warten, als dieser vorgefahren kommt. Beim öffnen der Türe werde ich schon vom Fahrer begrüßt und aufgefordert einfach mitzufahren, so daß wir dann zusammen quatschen können und da ich sowieso nach Hause will habe ich es dann vom Hafen aus nicht mehr soweit zurückzulaufen.
Er wundert sich, daß ich so viele Leute kenne und fragt mich was ich eigentlich beruflich mache. Ich lache und erzähle Ihm, das ich mir gerade eine Auszeit gönne und halt viele Freunde habe, die mich besuchen kommen. In den letzten Wochen hatte ich schon einige Freunde zum Bus am Hafen begleitet und er hat sich besonders über meinen weiblichen Besuch gefreut. Er ist wirklich sehr nett und ich glaube Ihm, daß er sich einfach nur langweilt. Die Neapolitaner reden halt gern.
Am Flughafen angekommen verabschiede ich den Rest der Truppe und hole mir und dem Busfahrer einen Espresso an der Bar. Er ist etwas älter als ich, verheiratet mit zwei Kindern und ein echter Charmbolzen. Die obligatorische Frage, warum ich es nicht bin, folgt natürlich prompt. Jetzt muss ich gut überlegen was ich antworte. Obwohl es eigentlich egal ist, was man antwortet, das Angebot miteinander Spass zu haben kommt so oder so und wir "Deutsche" sind ja viel, viel schneller zu allem bereit, glaubt er und eigentlich alle Neapolitaner.
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