Ich steige ein und mache es mir gemütlich, dieser Zug ist schon was moderner und damit leider auch schon mit Klimaanlage ausgestattet, was ich besonders hasse, denn die wird wahrscheinlich so kalt eingestellt sein, daß ich durchgefroren aussteigen werde.
Alle paar Minuten erkundigt sich der Herr, ob alles glatt läuft und so komme ich nicht wirklich zum lesen, also packe ich mein Buch weg und schaue aus dem Fenster. Der Zugbegleiter sieht noch besser aus als ich erst anfänglich dachte, er kommt gerade in unser Abteil um die Fahrscheine zu kontrollieren.
Er lächelt wahnsinnig süß, kontrolliert meinen Fahrschein und geht weiter.
Für eine Weile kommen keine Nachrichten mehr und ich wundere mich ein wenig, bis mir einfällt, daß ich bestimmt kein Netz habe, was dem auch so ist.
Eine halbe Stunde noch und dann werde ich eintreffen, dort habe ich noch ein paar Minuten Zeit, bis er eintreffen wird.
Ich packe nochmal mein Buch aus, ich lese etwas in deutsch, muß ich doch zugeben, fällt mir das immernoch am leichtesten. Ich lese gern einfache Liebesromane oder lustiges, wie im Moment "Ist das Liebe oder kann das weg" von Michael Nast. Ich mag seine Schreibweise sehr gern und diese Geschichten zwischen den Geschlechtern, die sich in Berlin abspielen sind amüsant und nachdenklich zur gleichen Zeit und ich schmunzel oft vor mich hin, bis auf einmal der Zugbegleiter mich anspricht. Er hat mich wohl schon länger beobachtet und sich gewundert und der ausländische Buchtitel hat Ihn wohl neugierig gemacht, wie er mir grad mitteilt. Er setzt sich mir gegenüber und ich erzähle Ihm oberflächlich wer ich bin und warum ich auch deutsch kann. Er strahlt und erzählt mir, daß er auch gerne nach Deutschland will, aber die fehlende Sprache Ihn daran hindert. Ob ich Ihm wohl Deutsch beibringen könnte fragt er und will gern meine Telefonnummer. Ich gebe Sie Ihm, auch wenn Ich dabei an was ganz anderes denke.
Oh je, ich ertappe mich dabei, wie ich ein schlechtes Gewissen bekomme und denke nur, warum nur tauchen die super Männer immer erst auf, wenn man sich eigentlich schon in jemand anderes verliebt hat ? Oder bin ich gar nicht verliebt ? Wie auch immer, wenn er ja nach Deutschland will ist er auf jedenfall der Falsche für mich, denn da will ich so schnell nicht hin zurück.
Der Zug ist heute sogar überpünktlich und ich gönne mir erstmal einen Kaffee und einen Cornetto, hilft bei Aufregung immer wie ich finde.
Das Gelände um den Bahnhof rum hat sich gar nicht groß verändert, es erinnert mich automatisch an so viele An- und Abfahrten mit meinen Eltern. Neu ist, daß man hier jetzt auch auf viele schwarze Flüchtlinge trifft.
Potenza ist aus der Entfernung eine häßliche Stadt, fährt man mit dem Auto hierher sieht man viele Bausünden und Wolkenkratzer, die wahrscheinlich alle nach dem Erdbeben gebaut wurden um so schnell wie möglich den Opfern wieder ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Potenza ist die Hauptstadt der Basilikata und dementsprechend mit allem ausgestattet. Immer wenn man irgendwas behördliches erledigen will, muß man hierher kommen, was von Laurenzana schwieriger ist, weil nur zwei mal am Tag ein Bus langkommt.
Wie auch immer, ich schaue noch schnell am Kiosk, was es denn für neue Zeitschriften gibt und kaufe mir noch schnell eine neue AD, eine Architekturzeitschrift die ich früher oft gekauft habe, und eine Elle Decor, bis mein Handy mich über eine neue Nachricht informiert, daß der Herr in fünf Minuten da sein wird.
Ich zahle und gehe hinaus zum Haupteingang und da sehe ich schon sein Auto auf mich zufahren. Ich gehe Ihm entgegen und da öffnet sich die Beifahrertür und auf dem Sitz sehe ich Blumen für mich bereit liegen.
Ich steige ein und nach einer sehr knappen Begrüßung, knutschen wir erstmal, bis jemand hinter uns hupt. Es fühlt sich so an, als ob nach unserer letzten Nacht in Laurenzana nur wenige Stunden vergangen wären, obwohl es doch schon zwei Wochen sind. Er fragt mich, ob ich bereit bin auf seine Freunde zu treffen, die warten schon auf uns in deren Stammlokal.
Während der Fahrt dorthin turteln wir die ganze Zeit weiter und wir erinnern uns nochmal gemeinsam an unseren ersten Abend.
Wir halten vor dem Lokal und es ist eine gemütliche Kneipe mit einer kleinen Küche, wo man sowas wie Pommes und Burger essen kann. Bier gibt es hier auch genug, sogar Warsteiner und Krombacher vom Faß. Einer der Inhaber ist auch sein Freund, der mir stolz erzählt, daß er erst vor kurzem in Krombach war zur Firmenbesichtigung und wie gut es Ihm gefallen hätte, wenn es nur nicht die ganze Zeit so geregnet hätte. Willkommen in meiner alten Heimat, und so erzähle ich denen erstmal, daß ich da um die Ecke geboren wurde und den Großteil meines Lebens dort verbracht habe, und ja, das mit dem Regen wäre dort leider immer so, mit ein Grund warum dort so viele Bierbrauereien sind. Die Jungs lachen und bieten mir natürlich sofort ein Bier an, was ich dankend ablehne und Ihr dürft raten, was ich dann gefragt wurde.
Ich steige lieber sofort mit einem Amaro Lucano ein, und so darf mein Herr dann erstmal erzählen, daß wir uns mitunter auch wegen einem Amaro Lucano kennengelernt haben. Ich mag die Jungs und nun kommt auch seine Busenfreundin noch dazu, die mich zwar kurz abcheckt aber mich sofort mit einem breiten Grinsen begrüßt. Zu mehr kommt es nicht, denn der Herr entführt mich sofort. Er hat eine Überraschung für mich.
Wir steigen ins Auto und vertrösten die Gruppe auf später. Im Auto vertraut er mir an, daß Potenza eine kleine Altstadt hat, die ich natürlich schon kenne, wo er für uns ein B&B Zimmer gebucht hat. Ok, in seiner Heimatstadt ein Hotelzimmer zu buchen, gut denk ich, hab ich in Berlin auch schon mal gemacht, und lasse mich natürlich gerne darauf ein.
Dieser kleine Bezirk dieser Stadt, könnte ohne weiteres auch eine Seitenstraße von Florenz sein und ist wirklich schön. Das B&B Al Convento ist ein altes Kloster und er wollte schon immer mal dort übernachten und hätte nur auf die richtige Gelegenheit gewartet, die er mit mir wohl gefunden hat.
Das Gebäude ist wirklich schön und originell restauriert worden, aber auch hier halten wir uns nicht lange auf, schließlich hat er einen Tisch für uns vorbestellt und zwar in der Antica Osteria Marconi, ein sehr gutes Restaurant, daß man auch im Michelin Guide findet. Ich verrate nicht, daß ich hier schon gegessen habe, aber es wirft in mir einige Erinnerungen an meinen verrückten Sommer 2006 auf, wovon ich euch noch nicht alles erzählt habe.
In der Osteria angekommen sind wir mit Abstand die Jüngsten und das war auch 2006 schon so.
Ich hab schon seit Tagen Lust auf einen Risotto und als ich das lese bin ich natürlich sofort entflammt. Der Herr kann sich darauf einlassen, dafür überlasse ich Ihm alles weitere zu entscheiden. Um uns herum füllt es sich und er flüstert mir zu, daß einige von den Gästen aus seiner Berufsgruppe sind, worauf ich Ihm scherzig antworte, daß das eine der wenigen Berufsgruppen in Italien ist, die sich das wohl noch leisten kann.
Er lacht und sieht mich mit großen Augen an, also erzähle ich Ihm, daß meine Freunde mir sagen, ich hätte mir jetzt wohl einen reichen Mann gesucht, und Sie mir daraufhin erzählt haben warum das so ist. Ehrlicherweise sage ich Ihm, daß mir das aber total egal ist, denn reiche Männer hätte ich auch in Deutschland schon haben können, aber darauf hätte ich nie Wert gelegt, ganz im Gegenteil. Er lacht noch immer und ich belasse es dabei, will ich Ihm doch nicht schon jetzt erzählen, was ich von dieser Klassengesellschaft halte.
Der Wein schmeckt mir super und bei den kleinen Portionen, die wir hier serviert bekommen, kann ich gar nicht anders als mehr zu trinken, das allerdings spüre ich auch immer deutlicher....
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen