Samstag, 8. Oktober 2016

Affären

 nachdem wir heute morgen mal wieder früh geweckt wurden um wenigstens noch gemeinsam frühstücken zu können, verabschieden wir uns an der Tankstelle, wo ich noch auf seine Freundin treffe, die mich dort abholt um noch ein wenig Zeit mit mir zu verbringen. Mein Herr warnt mich schon vor, daß Sie mir bestimmt von Ihrem Lover erzählen will und ich Ihr auf jedenfall diesen Typ ausreden soll. Sie ist Anfang Zwanzig, eine clevere auch wenn für meine Begriffe sehr pessimistische Frau, die die Meinung vertritt, daß man keinem außer sich selbst vertrauen kann. Sie erzählt mir von Ihrem Typen, der ungefähr mein Alter hat und in einer festen Beziehung ist, mit dem Sie seit Monaten eine Affäre hat. Aha, denk ich, so sieht also eine Liebhaberin aus, die liebt und leidet und hofft, daß er sich für Sie entscheidet, und jetzt hätte Sie gern meinen Rat, wie Sie mit Ihm umgehen soll. Da ist es wieder, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil man am liebsten sagen will, das bringt nichts, verlaß Ihn, er wird sich niemals entscheiden und gleichzeitig weiß man, daß Sie natürlich genau das Gegenteil hören will, auch weil schon alle anderen Ihr abraten von diesem Kerl. Bevor ich Ihr irgendwas rate, frage ich Sie erstmal nach mehr Details und lasse Sie mal erzählen in der Hoffnung, daß Sie sich Ihre Frage selbst beantwortet, aus eigener Erfahrung weiß ich, daß man meistens nur einen Zuhörer braucht und gar nicht jemanden der einem Ratschläge erteilt.

Ich höre Ihr zwar aufmerksam zu, merke aber daß meine Gedanken abschweifen, denn ich hatte fast vergessen, daß ich mich seit letztem Jahr in einer ähnlichen Situation befand.

Letzten Sommer lernte ich einen Römer kennen, den ich wie bei fast allen meinen Männern am Anfang gar nicht so interessant fand. Beim dritten zufälligen Treffen in der Altstadt passierte es dann doch. Nach einem gemeinsamen lustigen und feuchten Abend küsste er mich und verschwieg mir, daß er bereits vergeben war. Wir trafen uns einige Male bis er mir dann mehr per Zufall erzählte, daß er in Rom seine Freundin hatte, die an dem Wochenende mit seiner Teenagertochter aus erster Ehe zu Besuch nach Neapel kommen sollten. Ich blieb ganz ruhig und er erzählte mir, daß diese Beziehung eigentlch am Ende sei, er aber aus Verantwortungsgefühl seine Freundin nicht verlassen wollte, weil diese ein halbes Jahr später nach Chile zurückkehren würde. Wenn ich so richtig darüber nachdenke, ist es fast genauso gelaufen wie bei Ihr und man liest so oder ähnlich viele Geschichten darüber in Romanen oder Frauenzeitschriften. Man gerät so schnell in so eine Geschichte, daß man egal wie oft man vorher gesagt hat, daß man selbst niemals so dumm wäre, sich auf einmal selbst in so einer Affäre wiederfindet.

Tja, da saß ich nun, verliebt in einen Mann, der schon vergeben war, und auch ich hoffte, daß er Sie verlassen würde, spätestens, wenn Sie zurück in Ihre Heimat flog. Wenigstens schwor ich mir, daß ich in der Zwischenzeit weiterhin offen bleiben wollte für andere Männer. Für ein paar Bettgeschichten gelang mir das auch, bis ich dann diesen Frühjahr nachdem er immernoch nicht die andere verlassen wollte, ich das Handtuch warf, und Ihm fast ärgerlich mitteilte, daß ich ja glücklicherweise mich nicht auf Ihn verlassen und weiterhin auch Spaß mit anderen Männern hatte. Damit wollte ich mir endgültig alle Chancen verderben, denn er ist einer der typischen Männer, die selbst alles machen dürfen, aber Ihren Frauen so etwas nicht verzeihen würden.

Er fiel aus allen Wolken und ich verteidigte mich mit den Worten, daß ich das ja dürfte, schließlich wäre ich ja nicht in einer Beziehung sondern er, worauf er mir dann antwortete, was das denn zwischen uns gewesen wäre, etwa nicht eine Beziehung ? Darauf hatte ich nun wirklich keine Antwort mehr, denn im Grunde hatte er ja Recht. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander, auch außerhalb des Bettes. Wir verstanden uns so gut, daß wir einige Gemeinsamkeiten zusammen ausleben konnten, und wir von Freunden auch wie ein Paar betrachtet wurden.
Ich übte keinerlei Druck auf Ihn aus, aber irgendwann fühlte ich, daß er niemals eine Entscheidung gefällt hätte und ich wollte dies auf keinen Fall für Ihn übernehmen.
Ich wollte, daß er sich aus freien Stücken für mich entscheidet und er wollte wohl verlassen werden, womöglich von uns beiden.

Als Sie zum Ende kommt, frage ich, ob Sie Ihm denn schon die Pistole auf die Brust gesetzt hätte, was Sie leider mit ja beantwortet und dieser sogar noch um mehr Zeit gebeten hat. Ich konnte Ihr nur noch raten, sich auf Ihr Bauchgefühl zu verlassen, der würde Ihr schon mitteilen, wann es genug wäre, auch wenn ich viel lieber gesagt hätte: "sient a me: lascialo", was neapolitanisch ist und bedeutet: "hör auf mich: verlaß Ihn".

Wir trinken unseren frisch gepressten Orangensaft aus und gehen zu Ihrem Auto.Sie nimmt mich noch ein Stückchen mit, denn ich habe noch ein wenig Zeit bis mein Zug zurückfährt und ich will gern in die Altstadt.
Wir verabschieden uns sehr herzlich und versprechen uns in Kontakt zu bleiben.

Mit meinem Rucksack auf dem Rücken laufe ich nochmal alle Etappen ab, die ich schon seit Jahren nicht mehr bei Tageslicht gesehen habe und erinnere mich an das ein und andere zurück. Es ist für Anfang September immernoch sehr warm und ich genieße es durch die Sonne zu laufen, auch wenn mein Gepäck mich ein wenig zum Schwitzen bringt.

Ich war Ende der Neunziger Jahre zuletzt bei Tage in Potenza und da konnte man immernoch einige Schäden vom Erdbeben sehen. Nun ist sie wieder eine schmucke kleine Altstadt mit einigen kleinen Geschäften, aber auch einigen leer stehenden Lokalen, was man seit der Krise in Italien aber fast überall beobachten kann. Ich habe dermaßen Nachdurst, daß ich in eine Bar laufe und mir an der Theke eine Gassosa bestelle. Das ist ein Getränk aus Potenza, daß der Sprite sehr ähnlich ist und aus kleinen Flaschen mit Strohhalm serviert wird. Ich hab diese lange nicht mehr getrunken und weiß auch nicht ob es noch produziert wird, doch der Barrista bestätigt mir sogar, daß es immernoch ein Familienunternehmen ist, und ist irgendwie gerührt, daß ich Ausländerin dieses Getränk kenne. Diesmal erzähle ich nicht meine Lebensgeschichte, trinke aus, und muß auch schon los.

Um zum Bahnhof zu kommen haben sich die Stadtplaner was pfiffiges einfallen lassen, denn man muß einige Höhenmeter hinab und so gibt es einen Aufzug, der einen auf das erste Plateau bringt und von da aus gibt es einige Rolltreppen, denn auch Potenza liegt auf einem Berg, daß durch eine lange Serpentinenstraße mehrere Ebenen verbindet. Ich glaube es waren vier lange Rolltreppen, die mich dann fast bis zum Bahnhof bringen, diese sind überdacht und an den Wänden hängen Bilder von den Zeitungen- Titelblättern, die kurz nach dem Erdbeben veröffentlicht wurden, die man ganz nebenbei sich anschauen kann, wenn man nicht auf der Rolltreppe mitläuft.

Unten angekommen, entwerte ich meinen Fahrschein und genehmige mir noch einen Cappuccio, denn dieser Zug hat schon jetzt eine Viertelstunde Verspätung. Ich schaue auf mein Handy und hab gar nicht bemerkt, daß einige Nachrichten eingetrudelt sind. Die schönste von meinem Herrn, der mich schon vermißt.


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