Ich laufe an Piazza Carolina vorbei und schon werde ich von meinem "Tabacchino" Händler freundlich wie immer mit Frau Deutschland begrüßt. Er steht grad vor der Tür, um eine zu rauchen. Ihr wisst ja, daß ich nicht rauche, aber diese kleinen Tabakhändler bieten heute allesmögliche an wie z.B. Sportwetten aller Art, Fahrkarten, Postkarten und Briefmarken genauso wie auch Süßkram wie früher der Tante Emma Laden in Deutschland. Früher verkauften die auch Salz und deshalb liest man noch "Sali e Tabacchi" auf manch alten Schildern. Tabak und Salz waren exclusive Güter, die während der Kolonialzeit staatlich kontrolliert verkauft wurden. Heute braucht der Tabakhändler eine gesonderte Lizenz, daß mit ein Grund warum man in Italien nicht überall Zigaretten kaufen kann, denn diese Lizenz, hab ich mir sagen lassen, läßt sich der Staat ordentlich bezahlen. Nachts braucht man dann für den Automaten mal mindestens seine Gesundheitskarte um sich auszuweisen, die lustigerweise im Moment nur für den Tabakautomaten zu gebrauchen ist, denn die Ärzte sind mit der neuen Technik noch nicht ausgestattet.
Ich besorge mir meine Fahrkarten und Kaugummis, ab und an spiele ich Lotto und Fußballwetten oder zahle meine Rechnungen hier, da in Italien ein Girokonto keine Pflicht ist, ganz im Gegenteil, viele mißtrauen dem ganzen sogar, und ich so nicht zur Post muss, wo vorallem die älteren Generationen hingehen um sich Ihre Rente auszahlen zu lassen. Bei der Post steht man also tatsächlich immer in langen Schlangen, wegen der Rentner oder denen, die Rechnungen zahlen müssen. Irgendwann wurde dann den Tabacchinohändlern die Erlaubnis erteilt Rechnungen entgegen zu nehmen, aber auch Telefonkarten aufzuladen oder Girokontenkarten, die nur mit Guthaben funktionieren.
Ihr seht, daß mit dem Vertrauen ist hier so eine Sache und wenn es damit schon nicht funktioniert, wie soll es dann mit anderen Dingen in diesem Land funktionieren ?
Der Inhaber des Tabacchinos hat zwei Söhne, und weitere Verwandte die dort mitarbeiten. Der eine von den beiden Söhnen sieht super aus, ich hab noch nicht rausfinden können, ob er vergeben ist, aber da dieser Tabacchino immer ordentlich frequentiert wird, ergibt sich kaum eine Möglichkeit mal intensiver miteinander zu reden. Letztens hat er mich doch tatsächlich gefragt, wann ich denn zurück nach Deutschland gehen würde. Wer weiß, was er gedacht hat, aber nachdem ich Ihm mitgeteilt hatte, daß ich beabsichtige hier zu leben und nicht zurück nach Deutschland zu wollen, wird er ein wenig redseliger. Ich hab schon häufiger darüber nachgedacht, wie ich das anstellen könnte Ihm meine Telefonnummer zu übermitteln, aber die Mädels sagen mir alle ich soll warten, bis er den ersten Schritt macht, daß ist hier eben so üblich. Na das kann wohl noch was dauern, denn leider sind wir nie allein und außerhalb des Ladens ist er mir noch nie über den Weg gelaufen und vor seiner ganzen Family wird er mich wohl niemals fragen.....
Wie auch immer, direkt nebenan ist eine Bar, wo ich natürlich auch alle kenne und dort gönne ich mir erstmal einen Cappuccio und meine geliebte Frolla. Irgendwer ist immer da, den man kennt, und wenn es nur die Angestellten sind, die heute in besonderer Aufregung sind, es wird natürlich über den SSC Napoli geredet und der Championsligateilnahme, dem Trainer und dem verhassten Spieler Higuain, der leider weiter Tore schießt, wenn jetzt auch für den Feind Nummer eins, dem Juventus Turin. Ach ist das schön, denk ich, endlich wieder unter Leuten und ich liebe es ja, wenn es lauter und turbulent zu geht. Nach einer guten Stunde beschließe ich zum Meer runterzulaufen. Ein Spaziergang wird mir jetzt besonders gut tun.
Ich bin kaum unten angekommen, geht mein Telefon, das hatte ich jetzt lange nicht mehr gehört, denk ich und sehe, daß mich die Busenfreundin von meinem Herrn anruft. Sie will mal fragen, wie es mir geht, hat sie Ihn doch gestern noch getroffen und schon von allem gehört. Ich sag Ihr, was ich ehrlicherweise darüber denke und was ich fühle und stelle zu meinem Erstaunen fest, daß es mir schon gar nicht mehr so schlecht geht. Anscheinend war ich wohl, warum auch immer, nicht so tief verstrickt wie ich erst dachte, sage ich Ihr und Sie aber ermuntert mich ihn doch in ein paar Tagen nochmal zu kontaktieren, sie würde es so schade finden und uns gern wieder zusammen sehen. Ich weiß noch nicht was ich machen will, im Moment zumindest erstmal nichts, sage ich Ihr und wir versprechen uns weiterhin in Kontakt zu bleiben.
Männer sind heute so ängstlich, daß sie Zuspruch brauchen, sagte sie mir und ich denke nur, will ich das ? Schon wieder jemanden, dem man ständig Mut machen muß ? Irgendwie hatte ich mir ausgemalt, daß ich hier mal auf Männer treffe, die wissen was sie wollen, wegen mir auch Macho und besitzergreifend sind, aber immerhin nicht zögerlich, weinerlich und ein wenig bestimmender. Oh Gott, ich spreche von Klischees, von denen hier auch nichts mehr übrig ist, wie wir Mädels immer wieder feststellen.
Irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, daß Sie mehr weiß, als sie mir erzählt, aber das werde ich wohl erstmal nicht erfahren.
Jetzt ist es deutlich Zeit für ein leckeres Eis und ich laufe über Piazza Vittoria vor zur Piazza Dei Martiri um in Via Chiaia zu meiner Lieblingseisdiele zu kommen.
Die Piazza Dei Martiri ist eine Piazza an der sich einige Designerläden tummeln, von der kommt man in die Via Gaetano Filangieri , wo weitere Designerläden zu finden sind, die natürlich in wunderschönen Gebäuden zu finden sind, die meisten von ihnen im achtzehnten Jahrhundert gebaut. Dieses Quartier ist insgesamt gepflegter, weil auch wohlhabender und ab und an laufe ich gern mal hierlang. Auch wenn ich mir nicht mehr vorstellen kann in einem Laden zu stehen, die Mode an sich interessiert mich aber weiterhin und seitdem ich mit einem bekannten Modefotografen aus London befreundet bin und schon bei einem Modeshooting von Ihm hier in Neapel mitgearbeitet habe, freue ich mich schon auf unser nächstes Shooting in zwei Wochen, wo wir mitten in Neapel die Models und Neapolitaner ablichten werden.
Mit Ihm bekommt der ganze Modezirkus eine neue Facette, weil er selbst sehr unkompliziert und herzlich ist, noch dazu ein Verrückter wie ich. Wenn ich mir überlege, daß ich mit Ihm und seinem Team das erste Mal hier nachts im Meer gebadet habe und das vor Neapolitanern, die sowas kaum machen und uns für Verrückte hielten. Herrlich. Zugegeben, wir waren alle schon gut angetrunken, denn er liebt es hier Negroni zu trinken und Ihr wißt ja, was Engländer vertragen können, aber auch der Amaro fängt Ihm an zu schmecken.
Ich gönne mir dunkle Schokolade und Pistazie und setzte mich auf eine Bank, von der ich noch ein wenig die Leute beobachte, bzw. die Männer,
bevor ich mich dann auf dem Weg nach Hause mache. Ich stelle mein Handy auf lautlos und lege mich wieder in mein Bett, in Gedanken bin ich bei keinem und allen Männern gleichzeitig. Kennt Ihr das ?
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