Heute gehts mir immernoch schlecht, so einen Fieberschub hatte ich schon lange nicht mehr. Ich nehme eine Paracetamol und gehe in die Küche, seltsamerweise habe ich Hunger. Es ist Obst da, aber auch meine Lieblingskekse, also entscheide ich mich für meinen schwarzen Tee mit ein wenig Milch und tunke meine Kekse bis ich fast satt bin. Zugegeben, nicht gerade ein gesundes Frühstück, aber da ich seitdem ich in Italien bin wenig Süßes esse, ist das nicht weiter schlimm. Ich kaufe selten Schokolade und sowas wie Schnuckkram, was wir früher zu Hauf mit meinen Kollegen auf der Arbeit aßen, esse ich hier überhaupt nicht mehr. In Deutschland hatte ich selten Verlangen nach Eiscreme, während ich hier fast öfters die Woche welches esse und natürlich komme ich nicht an meine "Frolla" oder "Pastiera" vorbei, daß sind Kuchen, die mit Ricotta und mit getrockneten Orangenstücken gefüllt sind, die ich bevorzugt in meinen beiden Lieblingspasticcerias kaufe, auch wenn die, ähnlich wie mit der Pizza, eigentlich fast überall gut schmecken.
Ich schlendere wieder ins Bett, auch wenn draußen über dreißig grad sind, aber die Sonne vertrage ich heute nicht. Ich nehme mein Handy in die Hand und lese wie fast jeden Tag mein Horoskop und das in zwei deutschen und zwei italienischen Apps. Ja, lacht nur, aber mich muntert es auf, und da die Italiener, sogar die Männer, dafür aufgeschlossen sind, ist das italienische auch viel ausführlicher.
Im Gruppenchat sind mal wieder einige Nachrichten, nur von meinem Herrn ist noch nichts eingetrudelt. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, daß ich mir das fast gedacht habe und überlege kurz, ob ich Ihm schreiben soll. Da ich so schlecht bin im warten, schreib ich Ihm ob alles ok ist, oder ob auch er jetzt Fieber hat, und ohne abzuwarten, ob er online ist und antwortet, ziehe ich mir mein Bettlaken über den Kopf und fühle schon was los ist. Er wird wohl seiner Angst folgen und das Ganze beenden wollen. Bereits bei unseren ersten Telefongesprächen erzählte er mir, daß er totale Angst hat, zu unterschiedlich sind wohl unsere Leben, dann noch die Entfernung. Ich vermute, daß die Wahrheit wohl die ist, daß er Schwierigkeiten hat seinem Umfeld und seiner Familie zu erzählen, daß er sich in eine verrückte "Deutsche" verliebt hat, die auch noch einige Jahre älter ist und nicht das klassische Leben einer Italienerin führt, geschweige denn einer Süditalienerin. Seinen Eltern wurde wahrscheinlich schon erzählt, mit wem er beim Knutschen in Laurenzana gesehen wurde und dazu direkt mit, was diese "Deutsche" angeblich schon so alles angestellt hat.
Wie gut, daß es mir sowieso schon schlecht geht, denk ich und versuche einzuschlafen.
Als ich wieder wach werde schnappe ich mir als erstes mein Handy und wie schon gedacht antwortet mir mein Herr, daß er mich heut abend nach der Arbeit anrufen will. Verschwunden die Wörter Principessa, Resilienza oder einfach nur Teresina, von den vielen Kußsmileys sehe ich auch nichts mehr. Gut, soll ich mir dieses Telefongespräch wirklich antun ? Ich weiß noch nicht so recht und deshalb antworte ich Ihm auch gar nicht erst. Ich lasse das mal auf mich zukommen. In der Zwischenzeit lege ich mich einfach wieder schlafen. So krank war ich schon lange nicht mehr.
Ich werde wieder wach, diesmal klingelt es an der Tür. Es ist mein Nachbar von oben und auch Ihn hat es erwischt, er fragt mich freundlich ob ich wohl noch was zum einnehmen hätte und darauf biete ich Ihm meine Paracetamol an. Wir scherzen ein wenig und wir sehen beide zerstört aus, anscheinend ist wohl noch schlimmeres im Umlauf als nur Fieber. Er lacht, als er sieht, daß es deutsche sind und fragt, ob ich den italienischen Produkten nicht vertraue ? Aber nein, antworte ich Ihm, die sind in Deutschland einfach nur um einiges billiger und so fragt jetzt halt jeder der mich besuchen kommt, was er denn mitbringen soll. Medikamente lasse ich mir immer mitbringen, vorallem meine homöopatischen Produkte, denn die gibt es hier kaum und wenn kosten diese hier oft das fünffache. Die Apotheker hier sind reiche Leute.
Mein Nachbar sieht auch krank unverschämt gut aus, doch leider interessiert er sich für Tomb Raider auch wenn Sie nichts von Ihm wissen will. Diese Welt kann manchmal ganz schön ungerecht sein.
Er sieht aus wie Alain Delon in den Siebzigern, ein wenig dunkelhaariger, aber fast dieselbe Frisur, der Bart und diese Gesichtszüge, komisch das mir das jetzt erst auffällt. Mein Herr oder wahrscheinlich jetzt Ex-Herr, hat äußerlich nichts von alledem was mir bei Männern gut gefällt, und trotzdem gibts da was, was mich fasziniert, nur halt nicht optisch. Bei meinem Ex war das genauso. Optisch war er überhaupt nicht mein Fall, einige Freunde fragten mich damals sogar, ob ich an einer Sehschwäche erkrankt wäre ganz plötzlich, aber na ja, es hatte halt gefunkt. Ich hab Ihn mir dann langsam geformt. Mit Hilfe seines Opas, der mich da unterstützte, ließ er sich endlich einen Bart wachsen, und das bevor es "hip" wurde, und auch sonst wurde er mit der Zeit immer hübscher. Am Höhepunkt angekommen, hat er mich zwar ausgetauscht, dafür hat aber seine Attraktivität dann sehr schnell nachgelassen, wie ich immerwieder mal anhand von Fotos vorgeführt bekomme. Ich habe Ihn zwar überall gelöscht, doch ich hab mehrere Freunde, die noch mit Ihm auf Facebook befreundet sind und immer wenn er ein neues Foto postet, bekomme ich das dann als Screenshot mit herrlichen Kommentaren versehen dann zugeschickt.
Tja, längere Haare, am besten noch wilde Locken und Bart und schon kanns um mich geschehen, fragt nicht warum.
Mein Nachbar verabschiedet sich und ich gehe allein zurück ins Bett, schade eigentlich, danach hätte ich bestimmt gut geschlafen.
Mit dieser Phantasie im Kopf liege ich nun im Bett, als ich auch schon abrupt durch mein Telefon an die Realität erinnert werde. Ich antworte Ihm, nützt ja nichts, denk ich, und höre mir ruhig an, was er mir zu sagen hat. Es ist genau so, wie ich das gefühlt hatte.
Mein Bauchgefühl hat mich auch diesmal nicht verlassen.
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