Mittwoch, 23. November 2016

Spaziergang

  heut morgen brauche ich unbedingt Bewegung. Joggen gehen ist mir noch zu viel, aber einen Spaziergang durch die Stadt ist drin und so ziehe ich mich an und frühstücke an meiner Bar an Piazza Carolina. Heute ist gar nicht so viel los und so hab ich genug Gelegenheit mich kurz mit den Barristas auszutauschen. Mein Cappuccio schmeckt mir heute besonders gut, ein super Zeichen also, daß die Grippe mich endlich verläßt. Nach dem üblichen Smalltalk überlege ich wo mein Spaziergang langgehen soll und entscheide mich für Chiaia, den eleganteren Stadtteil Neapels. Ich werde Via Chiaia, Via dei Mille und Parco Margherita durchlaufen um dann zu Corso Vittorio Emmanuele zu gelangen, die paralell zur Küste entlang geht und somit auch super Ausblicke bietet. Hier laufen wenige Touristen lang, die Straße ist sehr befahren und der schmale Bürgersteig ist schlecht gepflastert und noch dazu muss man oft auf den Boden schauen, will man nicht in Hundescheiße treten. In Via del Parco Margherita muss ich immer vor diesem
 Gebäude stehen bleiben. Es ist einmalig schön und dieses Gelb und Ocker mit dem strahlend blauen Himmel, einfach nur himmlisch. 

Bevor ich die Straße weiterlaufe, genehmige ich mir an der Bar einen Cafè und nehme mir eine kleine Flasche Wasser mit. Ich blicke kurz auf mein Handy und es leuchtet eine Nachricht vom Messenger, es ist mal wieder der junge Typ aus Laurenzana. Ich bin ein wenig überrascht, wie hartnäckig er ist. Seitdem wir uns kennen, sagt er mir deutlich, daß er unbedingt mit mir schlafen will und jedesmal wenn ich in Laurenzana bin versucht er es und oft vermasselt er sich sein Vorhaben selbst, weil er mir für meinen Geschmack immer mit der Tür ins Haus fällt. Mittlerweile weiß ich ja was er will, muß man das jedesmal so deutlich sagen ? Lustig wird es dann, wenn er mir schreibt wie er es am liebsten mit mir machen will, wie eine Waschmaschine, die ihr Programm abspült.
Schade, denn er sieht ganz gut aus und ich hätte wirklich Lust es mal darauf ankommen zu lassen, aber wenn ich schon vorher im Detail weiß was passieren wird, tja, was soll ich sagen, mir vergeht dann einfach die Lust. Es soll ja doch auch aufregend bleiben.
Ich habe Ihm sogar mal erklärt, warum es mit uns noch nicht geklappt hat und auch die Tatsache, daß ich dann sogar schon zum zweiten Mal lieber mit seinem Freund verschwunden bin als mit Ihm, hält Ihn nicht davon ab mir weiterhin zu schreiben. Entweder unterhalten sich die Jungs nicht untereinander oder wer weiß, was sein Freund Ihm wohl erzählt hat. Er bleibt hartnäckig. Ich will mir auch gar nicht erst irgendwas einbilden, denn natürlich weiß ich ja, daß im Dorf willige und lustige Frauen schwer zu finden sind, dann bin ich ja auch noch älter und angeblich erfahrener. Abenteuerlustig und spontan bin ich wohl, wie er schreibt, wer weiß was er sonst noch von mir denkt. 

Ach ja, ich muß euch ja noch erklären wie es im Dorf ablief zu meinen Teenagerzeiten, obwohl es auch heute noch folgendermaßen abläuft: die Jungs und Mädels verabreden sich heimlich um dann für ein Schäferstündchen in irgendwelchen Feldwegen Erfahrungen im Auto zu sammeln, in der freien Natur oder auch in der Campagna. Die Campagna ist nicht nur eine Gemeinde in der Region Kampaniens sondern im umgangssprachlichen beschreibt es den Ort, außerhalb des Dorfkerns, wo fast jede Familie sich Tiere hält und Gemüse anbaut. Die meisten haben auch mindestens eine kleine wenn nicht sogar eine große Scheune. Mit Hilfe von kleinen Briefen die über Mittelsmänner weitergegeben wurden, verabredete man sich dann, heute wahrscheinlich mit WhatsApp und Messenger. Welche Methode wohl aufregender ist ?       
Nicht geändert hat sich, daß man auch heute sich nicht von den Leuten erwischen läßt, zumindest bis man sich klar als Paar bekennt. Ihr wißt ja, was sonst das Volk im Dorf macht, tratschen natürlich.

Da erinnere ich mich doch gern an eine Geschichte von vor elf Jahren zurück, Ihr wißt schon, das Jahr wo Italien Weltmeister wurde und ich meinen ersten langen Sommer in Laurenzana verbrachte, denn das war auch der erste Sommer wo ich meine erste Liaison mit einem aus Laurenzana hatte, mit dem sehr jungen hübschen Kerl, der auch heute noch mein Freund ist.
An Ferragosto waren wir, wie es im Dorf üblich ist, schon morgens früh in den Wald gefahren um Salsiccia zu grillen und viel Wein zu trinken. Ferragosto ist der italienische Nationalfeiertag, und in Europa der älteste Feiertag, der noch aus der Zeit des römischen Kaisers Augustus zurückfällt, denn am 13., 14. und 15. August feierten sie in Rom den Sieg über Kleopatra und Marcus Antonius und damit die Eroberung Ägyptens. Heute leitet er den Wendepunkt des Sommers ein, denn in der Regel ist es der heißeste Tag und die Kirche feiert auch noch Mariä Himmelfahrt. Also viele gute Gründe ordentlich zu feiern. 
Für mich war es das erste Mal seit Kindheitstagen und somit auch wirklich lustig, denn das halbe Dorf war dort oben und vergnügten sich mit allen möglichen Spielen, Musik machen und dazu tanzen oder einfach nur essen und trinken. Ich war mit meinen Cousins und den Jungs da mit denen ich schon die ganze Zeit unterwegs war, aber ich ließ keine Gelegenheit aus um ein wenig umherzuwandern und von einer Gruppe zur nächsten zu wandern. Ich weiß nicht mehr was ich alles gegessen und getrunken habe, ich weiß aber noch, daß meine Gruppe mit einer der letzten dort oben war und wir nach Mitternacht die letzten Flammen vom Feuer löschten. Es wurde kurz geklärt wer mit wem ins Dorf zurück fuhr und mich nahm dann der junge hübsche mit auf seinem Scooter.
Ich war ganz schön angetrunken, aber die frische kühle Luft half mir mich zu erholen.
Kurz bevor wir ins Dorf kamen fuhr er dann mit mir eine für mich neue Straße entlang, die zu seiner Campagna führte, wie ich dann feststellen mußte. Mit der Ausrede noch was Wein zu holen für uns alle, bot er mir an schnell hier ein Glas zu trinken und wir gingen mit einer Taschenlampe in die Scheune und zu meiner Überraschung hatte er auch noch was Brot und Käse herbeigeholt. Um es gemütlicher zu machen klappte er ein Gästebett auf, kennt Ihr diese noch ? Diese nicht wirklich bequemen Betten, die aufklappbare Ständer haben und in der Mitte diese kleinen Metallrollen ? Wie auch immer, wir saßen dann auf einem solchen Bett und tranken und aßen und lachten über das ein und andere was heute so lustiges passiert war. Es knisterte ganz schön zwischen uns, und bevor ich weiter über unseren Altersunterschied nachdenken konnte, passierte es auch schon. Ganz entschlossen küßte er mich und ich war Feuer und Flamme. Wir zogen uns nach und nach aus und als wir uns auf dieses Bett warfen, ging erst die Taschenlampe aus und dann krachte auch noch das Bett unter uns zusammen....



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